Deutsche Ärzte verschreiben immer weniger Antibiotika

Die Verordnungszahlen für Antibiotika in Deutschland nehmen seit mehr als einem Jahrzehnt kontinuierlich ab. Nach Angaben des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigt sich dieser Trend über alle Altersgruppen hinweg. Im europäischen Vergleich bleibt der Einsatz von Antibiotika in Deutschland insgesamt moderat.

Rezeptausstellung Arzt

Berlin. In deutschen Arztpraxen werden immer weniger Antibiotika verordnet. So das Ergebnis einer Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Seit 2010 sei ein klarer Rückgang erkennbar. Grundlage der Analyse „Altersspezifische Trends der Verordnung systemischer Antibiotika in den Jahren 2010 – 2024“ sind Abrechnungsdaten aus der vertragsärztlichen Versorgung, die eine differenzierte Betrachtung nach Altersgruppen ermöglichen.

Einsatz von Antibiotika sinkt um 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren

Nach Angaben des Zi wurden im Jahr 2010 noch rund 560 Antibiotikaverordnungen je 1.000 Versicherte registriert. 2023 lag dieser Wert bei etwa 320 Verordnungen je 1.000 Versicherte. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent innerhalb von gut zehn Jahren. Auch in absoluten Zahlen zeigt sich diese Entwicklung: Wurden 2010 noch mehr als 42 Millionen Antibiotikaverordnungen ausgestellt, waren es 2023 nur noch rund 25 Millionen.

Nach Angaben des Zi setzt sich dieser Trend nahezu kontinuierlich fort, unterbrochen lediglich durch kurzfristige Schwankungen. Der langfristige Rückgang betrifft sowohl Hausarzt- als auch Facharztpraxen. Besonders ausgeprägt ist die Abnahme bei Verordnungen für Atemwegsinfektionen, die traditionell den größten Anteil am Antibiotikaverbrauch ausmachen.

Die Analyse zeigt zudem, dass sich nicht nur die Menge der Verordnungen verändert hat, sondern auch die Auswahl der Wirkstoffe. Breitbandantibiotika werden nach Zi-Angaben seltener eingesetzt als noch vor einem Jahrzehnt, während der Anteil spezifischer Substanzen zugenommen hat.

Besonders starker Rückgang der Verordnungen bei Kindern und Jugendlichen

Ein zentrales Ergebnis der Analyse sind die deutlichen Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Besonders stark ist der Rückgang bei Kindern und Jugendlichen ausgeprägt. Laut Zi erhielten Kinder im Alter von null bis neun Jahren im Jahr 2010 noch rund 1.070 Antibiotikaverordnungen je 1.000 Versicherte. Bis 2023 sank dieser Wert auf etwa 430 Verordnungen je 1.000 Versicherte. Das entspricht einer Abnahme von fast 60 Prozent.

Auch bei Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Hier ging die Verordnungsrate im gleichen Zeitraum von rund 650 auf etwa 350 Verordnungen je 1.000 Versicherte zurück. Damit liegt der Antibiotikaeinsatz in dieser Altersgruppe heute deutlich unter dem Niveau von vor zehn Jahren.
Nach Angaben des Zi zeigt sich, dass sich die größte Veränderung in der pädiatrischen Versorgung vollzogen hat. Infektionen, die früher häufig antibiotisch behandelt wurden, werden heute häufiger symptomatisch begleitet. Der altersabhängige Vergleich verdeutlicht, dass Kinder inzwischen die Altersgruppe mit dem stärksten relativen Rückgang darstellen.

Mit steigendem Alter fällt der Rückgang der Antibiotikagaben geringer aus

Bei Erwachsenen fällt der Rückgang weniger stark aus, ist aber ebenfalls klar erkennbar. In der Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen sank die Verordnungsrate nach Angaben des Zi von rund 520 Verordnungen je 1.000 Versicherte im Jahr 2010 auf etwa 330 Verordnungen je 1.000 Versicherte im Jahr 2023. Das entspricht einer Reduktion von rund 35 Prozent.

In der Gruppe der über 65-Jährigen liegt der Antibiotikaeinsatz weiterhin höher als bei jüngeren Erwachsenen. Hier sank die Verordnungsrate im gleichen Zeitraum von etwa 680 auf rund 500 Verordnungen je 1.000 Versicherte. Trotz des höheren Ausgangsniveaus ist auch in dieser Altersgruppe ein klarer Abwärtstrend zu erkennen.

Nach Angaben des Zi ist der vergleichsweise höhere Einsatz bei älteren Menschen vor allem auf eine höhere Krankheitslast und ein erhöhtes Risiko für bakterielle Infektionen zurückzuführen. Chronische Erkrankungen und häufigere Krankenhausaufenthalte führen dazu, dass Antibiotika in dieser Altersgruppe weiterhin häufiger benötigt werden.

Corona-Jahre als Sonderfall

Einen besonders starken Einbruch verzeichneten die Verordnungszahlen in den Jahren 2020 und 2021. Nach Angaben des Zi sank die Zahl der Antibiotikaverordnungen in diesem Zeitraum um mehr als 20 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. So wurden 2019 noch rund 31 Millionen Verordnungen registriert, während es 2021 nur noch etwa 22 Millionen waren.

Dieser Rückgang wird mit den Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie in Verbindung gebracht. Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen und Hygienemaßnahmen führten zu deutlich weniger Atemwegsinfektionen und damit zu einem geringeren Bedarf an Antibiotika. In den Folgejahren stiegen die Verordnungszahlen wieder leicht an, erreichten jedoch nicht mehr das Niveau vor der Pandemie.

Nach Angaben des Zi stellt dieser pandemiebedingte Rückgang eine Sonderentwicklung dar und ändert nichts am langfristigen Trend seit 2010.

Deutsche Antibiotika-Nutzung moderat im europäischen Vergleich

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland nach Angaben des Zi im unteren bis mittleren Bereich der Antibiotikaverordnungen. Während in einigen südeuropäischen Ländern mehr als 500 Verordnungen je 1.000 Einwohner und Jahr registriert werden, bleibt Deutschland deutlich darunter (320). Nach Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), auf die sich das Zi bezieht, gehört Deutschland zu den Staaten mit vergleichsweise zurückhaltendem Antibiotikaeinsatz.

Dieser Befund gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Besonders bei pädiatrischen Verordnungen liegt Deutschland im europäischen Vergleich auf einem niedrigen Niveau. In mehreren Nachbarländern werden Antibiotika bei Kindern deutlich häufiger verschrieben als hierzulande.

Autor:
Stand:
30.01.2026
Quelle:
  1. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi): Verordnungsrate von Antibiotika in Arztpraxen nimmt seit 2010 konsequent ab, zuletzt abgerufen am 26. Januar 2026.
  2. Scilit: Age-specific trends in the prescription of systemic antibiotics, 2010–2024, zuletzt abgerufen am 26. Januar 2026.
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