Dänemark: Soziale Faktoren beeinflussen Arzneimittelverordnungen

Eine aktuelle Studie aus Dänemark zeigt, dass sozioökonomische Faktoren mit der Verordnung potenziell inadäquater Medikamente zusammenhängen. Besonders betroffen sind Personen mit niedrigem Einkommen, geringem Bildungsstand und eingeschränkten sozialen Netzwerken.

Altersarmut

Obwohl es einen kostenlosen und gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung in Dänemark gibt, existieren dort signifikante soziale Unterschiede bei der Verordnung von Arzneimitteln. Das zeigt eine aktuelle Analyse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift PLOS Medicine. Demnach erhalten sozial benachteiligte Menschen deutlich häufiger potenziell inadäquate Medikamente (PIM), also Arzneimittel, die unnötig, risikobehaftet oder nicht indiziert sind oder bei denen sicherere Alternativen existieren.

Was wurde untersucht?

Ein Forschungsteam um Amanda Paust von der Universität Aarhus analysierte die Daten von über 177.000 Erwachsenen, die 2017 an der dänischen Nationalen Gesundheitsumfrage teilgenommen hatten. Diese wurden mit nationalen Gesundheitsregistern verknüpft.

Die Studie betrachtete ökonomische Faktoren (Einkommen, Vermögen), kulturelle Faktoren (Bildung, Migrationsstatus, Gesundheitsberufe) und soziale Faktoren (soziale Unterstützung, Netzwerk, Zusammenleben mit anderen Erwachsenen) und untersuchte deren Zusammenhang mit PIM. Die Beurteilung der Medikation erfolgte anhand der STOPP/START-Kriterien, also evidenzbasierter Indikatoren für Über- (STOPP) und Untertherapie (START).

Die wichtigsten Ergebnisse

Es erhielten 14,7 % der Teilnehmenden mindestens eine PIM. Dabei waren Überbehandlungen (STOPP) mit 3,1 % seltener als Unterbehandlungen (START) mit 12,5 %. Das Risiko für PIM stieg mit sinkendem sozioökonomischem Status:

  • Personen mit dem niedrigsten Vermögen hatten ein um 85 % erhöhtes Risiko (OR 1,85)
  • Geringes Einkommen und niedriger Bildungsstand waren ebenfalls deutlich mit PIM assoziiert
  • Auch soziale Isolation – etwa seltene Kontakte oder fehlende Unterstützung – ging mit einem erhöhten Risiko einher
  • Die Unterschiede betrafen vor allem Übermedikation (STOPP-Kriterien). Unterversorgung (START) zeigte schwächere Zusammenhänge, teils sogar umgekehrt: Höhergebildete Personen waren häufiger unterversorgt
  • Die Ungleichheiten blieben auch dann bestehen, wenn Unterschiede in der Krankheitslast (Multimorbidität) herausgerechnet wurden. Die Autoren sprechen von struktureller sozialer Ungleichheit, die über Krankheitsrisiken hinausgeht

Mögliche Ursachen

Die Studienautoren diskutieren verschiedene Mechanismen. Personen mit schlechterem Bildungsstand könnten sich im medizinischen Gespräch weniger einbringen oder seltener hinterfragen, ob ein Medikament sinnvoll ist. Sozial Benachteiligte erhalten unter Umständen eine weniger abgestimmte Versorgung, etwa durch häufige Arztwechsel oder geringere Gesundheitskompetenz. Auch implizite Vorannahmen von Behandelnden könnten dazu führen, dass vulnerable Gruppen anders behandelt werden, bewusst oder unbewusst.

Bemerkenswert ist, dass sich selbst in Dänemark, also einem Land, in dem der Zugang zum Gesundheitssystem grundsätzlich kostenfrei ist, ökonomische Unterschiede deutlich auf die Behandlungsqualität auswirken.

Bedeutung für Praxis und Politik

Die Studie ist die bislang umfassendste Untersuchung zum Einfluss sozialer Faktoren auf inadäquate Arzneimittelverordnungen. Die Autoren fordern gezielte Maßnahmen, um Ungleichheiten in der Pharmakotherapie zu reduzieren. In erster Linie sollten Übertherapien in benachteiligten Gruppen vermieden wären. Möglich wären etwa:

  • Schulungen für Behandelnde zu sozialer Sensibilität und partizipativer Entscheidungsfindung
  • verbesserte Kontinuität in der Versorgung vulnerabler Patienten
  • ein stärkerer Fokus auf Medikationsanalyse und Deprescribing in Risikogruppen

Fazit

Die Ergebnisse machen deutlich, dass soziale Ungleichheit in der Medizin sich nicht nur beim Zugang zur Versorgung zeigt, sondern auch in der Qualität der Behandlung. Eine kostenfreie Gesundheitsversorgung reicht nicht aus, um alle Menschen gleich gut zu versorgen. Es braucht zusätzlich gezielte, strukturell wirksame Maßnahmen, um benachteiligte Gruppen besser vor inadäquater Medikation zu schützen.

Autor:
Stand:
29.05.2025
Quelle:

Paust A, et al. (2024): Economic, cultural, and social inequalities in potentially inappropriate medication: A nationwide survey- and register-based study in Denmark. PLoS Med, doi: 10.1371/journal.pmed.1004473.

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