Elektronische Patientenakte: Akzeptanz der Patienten entscheidet über Erfolg

Die elektronische Patientenakte kennen zwar mittlerweile die meisten gesetzlich Versicherten, doch nur wenige nutzen sie aktiv. Aktuelle Daten machen deutlich, wo die ePA im Versorgungsalltag noch hakt und welches Potenzial bislang ungenutzt bleibt.

elektronische Patientenakte

Ein Jahr nach dem bundesweiten Start der elektronischen Patientenakte (ePA) zeigt sich, dass noch viel Potential ungenutzt bleibt. Zwar kennt die große Mehrheit der gesetzlich Versicherten das digitale Angebot, doch im Versorgungsalltag spielt sie bislang nur eine Nebenrolle. Nach einer aktuellen Civey-Umfrage im Auftrag von Pharma Deutschland haben rund 80 % der Bevölkerung schon von der ePA gehört, aber lediglich knapp ein Fünftel sie bisher tatsächlich genutzt.

Jüngere und Männer nutzen die ePA häufiger

Ein genauer Blick auf die Umfrageergebnisse zeigt deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. Am häufigsten wird die ePA von jungen Erwachsenen genutzt. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen hat bereits mehr als jede vierte Person Erfahrungen mit der elektronischen Akte gesammelt (28,7 %). Auch regional zeigen sich Unterschiede: In Ostdeutschland liegt der Nutzungsanteil mit 24,0 % deutlich über dem Wert in den westlichen Bundesländern (17,8 %). Zudem greifen Männer häufiger auf die ePA zu als Frauen (22,1 gegenüber 15,1 %).

Diese Zahlen deuten darauf hin, dass weniger die technische Verfügbarkeit als vielmehr Akzeptanz, Alltagstauglichkeit und Vertrauen über die Nutzung entscheiden.

Im Alltag nicht angekommen

Aus Sicht der pharmazeutischen Industrie ist das Ergebnis ein Warnsignal. „Die ePA ist technisch da, aber im Alltag noch nicht angekommen“, sagt Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland. Solange nur eine Minderheit die ePA aktiv nutzt, blieben Chancen für bessere Diagnosen, eine sicherere Arzneimitteltherapie und eine Medizin, die aus realen Versorgungsdaten lernt, ungenutzt.

Brakmann betont zudem den Zusammenhang zwischen individueller Nutzung und gesellschaftlichem Mehrwert. Je stärker die ePA im Alltag verankert sei, desto eher profitierten Patienten auch indirekt, etwa durch innovativere Arzneimittel oder besser zugeschnittene Versorgungsangebote auf Basis pseudonymisierter Daten.

Datenbasis für Forschung und personalisierte Medizin

Über den individuellen Nutzen hinaus eröffnen ePA-Daten nämlich auch neue Möglichkeiten für Forschung und Versorgung. Pseudonymisierte Datensätze erlauben es, Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln unter Alltagsbedingungen besser zu analysieren. So lassen sich Therapien künftig stärker an individuelle Risikoprofile anpassen, etwa durch optimierte Dosierungen oder gezielte Wirkstoffkombinationen. Die pharmazeutische Industrie setzt dabei zunehmend auch auf digitale Begleitangebote, die auf einer belastbaren Datenbasis aufbauen und Patienten im Therapieverlauf unterstützen sollen.

Mehr Datenschutz

Um die Akzeptanz zu erhöhen, wird die ePA stetig weiterentwickelt. Seit Jahresbeginn 2026 gelten zum Beispiel Änderungen beim Datenschutz. Nach einer Gesetzesänderung werden Abrechnungsdaten seit dem 1. Januar ausschließlich für Patienten selbst sichtbar eingestellt. Zuvor konnten diese Informationen, darunter sensible Diagnosecodes, von allen berechtigten Leistungserbringern eingesehen werden, sofern kein aktiver Widerspruch erfolgte.

Die Neuregelung soll das Risiko von Stigmatisierung reduzieren. Denn aus Abrechnungsdaten lassen sich mitunter hochsensible Informationen ableiten, etwa zu psychischen Erkrankungen oder chronischen Infektionen.

Weniger Pflicht zur Befüllung

Es wurde ebenfalls die automatische Befüllung der ePA reformiert. Ärzte sind nicht mehr verpflichtet, sämtliche Behandlungsunterlagen hochzuladen. Für besonders sensible Informationen, etwa aus der psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlung, entfällt diese Pflicht, wenn zu erwarten ist, dass die Kenntnis der Inhalte den Gesundheitszustand der Patienten erheblich verschlechtern könnte, beispielsweise bei bestehender Suizidgefahr.

Bestimmte Informationen wie die Medikationsliste sind jedoch weiterhin standardmäßig für alle behandelnden Einrichtungen einsehbar. Auch daraus können sensible Rückschlüsse gezogen werden, etwa auf HIV-Infektionen oder psychische Erkrankungen.

Akzeptanz entscheidet über Erfolg

Die aktuellen Zahlen und Reformen zeigen, dass sich die ePA zwar technisch weiterentwickelt, doch ihr Erfolg maßgeblich davon abhängt, ob Patienten Vertrauen fassen und den Nutzen im Alltag erleben. Ohne eine breitere Nutzung bleibt die ePA ein digitales Angebot mit großem Potenzial, dessen Versprechen bislang nur teilweise eingelöst wird.

Autor:
Stand:
26.01.2026
Quelle:
  1. Pharma Deutschland: Pressemitteilung, 13.01.2026.
  2. Deutsche Aidshilfe e.V.: Pressemitteilung, 20.01.2026.
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