Studie: In den Notaufnahmen fehlt es vor allem an Personal

Notfallmediziner und Pflegefachkräfte fehlen: Laut einer Umfrage von DIVI und DGINA unterschreiten viele Notaufnahmen in Deutschland die Personalstandards. In der Hälfte der Notaufnahmen gebe es keine durchgehende Präsenz von Notfallmedizinern, der Anteil qualifizierter Pflegekräfte liege unter 30?Prozent.

Notaufnahme

Meldung

Berlin. Viele Notaufnahmen in Deutschland erfüllen nicht die geforderten Mindeststandards: Vor allem fehlen Ärzte und Pflegepersonal. So das Ergebnis einer Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA) zur personellen Ausstattung in deutschen Notaufnahmen.

Für die bundesweite Erhebung wurden im Sommer 2023 mehr als 1.000 Notaufnahmen kontaktiert. 176 Einrichtungen aller Versorgungsstufen beteiligten sich vollständig an der Onlineumfrage. Die Ergebnisse zeigen: Die medizinische Grundversorgung ist vielerorts nicht ausreichend abgesichert, strukturelle Engpässe sind Realität – und das nicht nur in ländlichen Regionen.

Keine durchgehende Präsenz von Notfallmedizinern in der Hälfte der Notaufnahmen

Als besonders alarmierend bewerten DIVI und DGINA in einer Pressemitteilung den Mangel an ausgebildeten Notfallmedizinern. In rund der Hälfte der teilnehmenden Notaufnahmen gibt es demnach keine durchgehende Präsenz von Fachärzten mit Zusatzweiterbildung in Klinischer Akut- und Notfallmedizin. Während größere Notaufnahmen besser ausgestattet sind, erfüllten viele Häuser der Basisversorgung die erforderlichen Standards selbst während der regulären Arbeitszeiten nicht.

„Die im Zuge der Krankenhausreform so häufig angesprochene und wichtige Patientensteuerung kann in vielen Fällen durch fehlendes und nicht ausreichend qualifiziertes Personal durch die Notaufnahme nicht gewährleistet werden“, so der Erstautor der Studie, DIVI-Generalsekretär Prof. Uwe Janssens. Das sei ein ernstzunehmendes Risiko, bei dem erste ärztliche Einschätzung maßgeblich über die Versorgungsqualität entscheide.

Pflegekräfte mit Spezialqualifikation fehlen flächendeckend

Auch auf pflegerischer Seite offenbart die Umfrage erhebliche Defizite. Demnach ist in neun von zehn Notaufnahmen eine Fachpflegekraft für die Leitung zuständig. Das übrige Pflegepersonal verfüge in vielen Fällen aber nicht über die geforderte Weiterbildung in Notfallpflege. Im Schnitt liege der Anteil speziell qualifizierter Pflegekräfte bei unter 30 Prozent. Der empfohlene Betreuungsschlüssel von einer Vollzeitkraft je 1.200 Patientenkontakte werde nur in weniger als zwei Dritteln der Häuser eingehalten.

Weiterbildungspotenzial bleibt ungenutzt

Die Studie verweist darauf, dass die personelle Qualifizierung prinzipiell möglich wäre. In Deutschland gebe es an 71 Standorten rund 2.000 Plätze zur Weiterbildung in der Notfallpflege. Doch trotz einer hohen Auslastung dieser Kurse bleibe die Zahl der fortgebildeten Pflegekräfte weiterhin gering. Der Grund liegt laut Studie nicht in fehlenden Angeboten, sondern an mangelnden Freistellungsmöglichkeiten und fehlender Refinanzierung. Viele Kliniken hätten nicht die Ressourcen, ihre Mitarbeitenden für längere Zeiträume aus dem Dienst zu nehmen.

Unterstützungsangebote kaum vorhanden

Als weiteres Problem benennt die Studie das Fehlen interdisziplinärer Strukturen: Angebote wie psychosoziale Betreuung, Sozialdienst oder Case-Management sind demnach in den meisten Notaufnahmen nicht etabliert. Gerade für besonders vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, psychisch Erkrankte oder Patienten ohne Angehörige fehlt es an angemessener Betreuung.

„Notfallmedizin endet nicht mit der Stabilisierung der Vitalfunktionen“, so Dr. Torben Brod, Sprecher der DIVI-Sektion Strukturen in der Klinischen Akut- und Notfallmedizin und Mitautor der Studie. „Auch psychosoziale Unterstützung und die Koordination weiterer Versorgungswege sind elementar“.

Technische Ausstattung ist meist ausreichend

Positives Feedback liefert die Umfrage zur technischen Ausstattung der Notaufnahmen. Die sei auf hohem Niveau. Die meisten Einrichtungen verfügen demnach über moderne Bildgebung, Point-of-Care-Labordiagnostik und spezielle Geräte wie Videolaryngoskope. Diese Technik bilde eine gute Grundlage, könne aber den Personalmangel nicht kompensieren.

Repräsentative Ergebnisse mit politischer Relevanz

Die Erhebung von DIVI und DGINA ist nach Angaben der Initiatoren die bislang umfassendste Bestandsaufnahme zur Personal- und Strukturqualität in deutschen Notaufnahmen. Die Ergebnisse werden durch eine parallel veröffentlichte wissenschaftliche Publikation im Fachjournal Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin (siehe Quellen) ergänzt. 

Autor:
Stand:
14.08.2025
Quelle:
  1. Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Deutsche Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA): DIVI und DGINA legen Bestandsaufnahme zur Personalstruktur und Ausstattung deutscher Notaufnahmen vor, zuletzt abgerufen am 28. Juli 2025
  2. Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin: Bestandsaufnahme der Personalstrukturen und Ausstattung in 176 deutschen Notaufnahmen, zuletzt abgerufen am 28. Juli 2025
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