Deutschland als Studienstandort: Barometer signalisiert leichte Trendwende

Deutschland galt lange als einer der wichtigsten Standorte für klinische Studien, bis der bürokratische Aufwand, langwierige Genehmigungen und Fachkräftemangel den Forschungsbetrieb ausbremsten. Jetzt zeigen sich erste Anzeichen eines Stimmungsumschwungs.

Studie global

Deutschland will wieder attraktiver für klinische Arzneimittelstudien werden und erste Anzeichen sprechen dafür, dass die Trendwende gelingt. Das neue Studienstandort-Barometer des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) und des Bundesverbands Medizinischer Auftragsinstitute (BVMA), erstellt von der Unternehmensberatung Vintura, zeigt eine leicht positive Entwicklung. Nach Jahren der Stagnation rechnen Pharmafirmen und Auftragsforschungsinstitute (CROs) in den kommenden zwölf Monaten mit einer Zunahme der Studienaktivität.

Die Skala des Barometers reicht von –100 bis +100. Die aktuelle Lage wird von den Unternehmen als „mittelmäßig“ eingeschätzt wird (–3 Punkte). Die Prognose für das kommende Jahr geben sie mit +24 Punkten deutlich positiver an. Vintura errechnet daraus den Gesamtwert von +9 Punkten.

Politische Reformen sollen Trendwende einleiten

In den vergangenen Jahren hatte Deutschland als Studienstandort spürbar an Gewicht verloren: 2014 kamen noch rund 4,5 % aller weltweiten Studienteilnehmenden aus Deutschland, heute sind es nur noch etwa 3 %. Das entspricht einem Rückgang von fast einem Drittel, während Länder wie China und die USA ihre Studienaktivität stark ausgebaut haben. Um gegenzusteuern, hat die Bundesregierung in den letzten zwei Jahren mehrere Maßnahmen auf den Weg gebracht.

Anreize für den Studienstandort Deutschland

Das Medizinforschungsgesetz (MFG) aus Oktober 2024 führt Anreize für eine höhere Patientenrekrutierung ein. Dazu gehört der „5 %-Anreiz“, der Pharmaunternehmen motivieren soll, mindestens 5 % ihrer Probanden in Deutschland einzuschließen. Seit Juli 2025 gilt ein reformiertes Strahlenschutzgesetz (StrlSchG), das Genehmigungsverfahren für Studien mit Strahlenanwendung vereinfacht und beschleunigt.

Ebenfalls seit Sommer 2025 gibt es beim BfArM eine spezialisierte Ethikkommission für besonders komplexe oder eilige Verfahren. Ab Dezember 2025 treten verbindliche Standardvertragsklauseln (StandVKlV) in Kraft, die langwierige Vertragsverhandlungen deutlich verkürzen sollen.

„Deutschland ist ein wichtiger Standort für klinische Studien, aber im internationalen Wettbewerb zurückgefallen“, sagt Dr. Matthias Meergans vom vfa. „Ob die gewählten Maßnahmen wirken, wollen wir mit dem neuen Studienstandort-Barometer messen.“

Branche zwischen Aufbruchsstimmung und Altlasten

Die Befragung von 23 Pharmaunternehmen und 15 CROs zeigt aktuell ein differenziertes Bild. Pharmaunternehmen erwarten die deutlichsten Zuwächse bei der Studienaktivität (+33 Punkte). Kleinere CROs profitieren von steigenden Industrieinvestitionen und schnelleren Verfahren (+13 Punkte). Große CROs sind zurückhaltender (+15 Punkte). Sie sehen Deutschland weiter im Nachteil gegenüber forschungsfreundlicheren Ländern.

Zu den wichtigsten Treibern zählen laut Umfrage das Medizinforschungsgesetz, der Abbau regulatorischer Hürden im Strahlenschutz und beschleunigte Genehmigungsverfahren. Als größte Hürden nennen die Unternehmen unverändert die Personalknappheit in Studienzentren, komplexe Vertragsverhandlungen und bürokratische Prozesse. Hohe Kosten und Digitalisierungsdefizite werden dagegen weniger kritisch bewertet.

Noch kein messbarer Anstieg bei den Teilnehmerzahlen

Die quantitativen Daten zeigen, dass zwischen 2023 und 2025 die Zahl der klinischen Prüfungen, Studienteilnehmenden und Studienzentren in Deutschland weitgehend stabil blieb. Der Anteil deutscher Patienten an globalen Studien stagniert bei rund 2,8 %. Erst ab 2026 könnten sich die politischen Reformen in den Zahlen niederschlagen, da viele Studien noch unter alten Bedingungen laufen. Realistische Effekte erwartet Vintura frühestens für 2027. Dann zeigt sich, ob die angekündigten Reformen konsequent umgesetzt wurden und Deutschland sein Potenzial als Studienstandort wieder besser ausschöpfen kann.

Autor:
Stand:
27.10.2025
Quelle:
  1. vfa – Verband Forschender Arzneimittelhersteller: Pressemitteilung, 14.10.2025
  2. Studienstandort-Barometer, Oktober 2025
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