Kommen ältere Menschen nach einem Sturz in die Notaufnahme, ist klar: In der Folge könnten alltagsrelevante Probleme auftreten. Das gilt auch, wenn die Gestürzten wieder entlassen werden können, weil keine ausgeprägten Verletzungen bestehen, betonte Professor Dr. Tania Zieschang, Direktorin der Universitätsklinik für Geriatrie am Klinikum Oldenburg.
Stürze und Sturzfolgen
Etwa fünf bis sechs Millionen ältere Menschen stürzen jedes Jahr in Deutschland, berichtete sie anlässlich des Internistenkongresses in Wiesbaden. Laut Weltgesundheitsorganisation stürzt jeder Dritte über 60-Jährige einmal im Jahr. Bei jedem zweiten Betroffenen kommt es auch bei einem zunächst harmlosen Ausgang erneut zu Stürzen. Viele entwickeln in der Folge Sturzangst und ziehen sich sozial zurück.
Immer nachfragen
Die Weltleitlinie zu Sturzprävention und Sturzmanagement bei Älteren empfiehlt, bei jedem Patientenkontakt nach Stürzen in den letzten zwölf Monaten zu fragen. Wird das bejaht, sollte nach Verletzungen, nach weiteren Stürzen im letzten Jahr, nach hilflos auf dem Boden liegen nach dem Sturz und Verlust des Bewusstseins gefragt werden. Wichtig ist die Einschätzung von Gangbild und Balance sowie der Gebrechlichkeit. Gab es keine Stürze im vergangenen Jahr und ist Gangbild und Balance normal, sollten ältere Menschen über Möglichkeiten der Sturzprävention und zu körperlicher Aktivität und gezielten Übungen beraten werden. Werden Stürze berichtet und gibt es Einschränkungen bei Gang und Balance sollten sekundäre Ursachen (beispielsweise Komorbiditäten, Medikation) abgeklärt werden, um intervenieren zu können. Auch hier sollte eine Beratung hinsichtlich der Sturzprävention erfolgen.
Beratung und Information hilft
In einer US-amerikanischen Studie in zwei städtischen Notaufnahmen wurden 110 über 65-jährige Patienten, die sich wegen eines Sturzes dort vorgestellt hatten, in zwei Gruppen randomisiert. Die Kontrollgruppe wurde nach Standard versorgt, die Interventionsgruppe erhielt in der Notaufnahme eine strukturierte pharmakologische und psychotherapeutische Beratung und der Hausarzt wurde über Empfehlungen zur Weiterbetreuung informiert. Nach sechs Monaten hatten die Patienten der Interventionsgruppe sich nur halb so häufig wieder in einer Notaufnahme vorgestellt. Die Rate sturzbedingter Besuche der Notaufnahme sank im Vergleich zu den Kontrollen auf ein Drittel. Bei 73 % der Patienten der Interventionsgruppe waren Empfehlungen zur Medikation umgesetzt worden, bei 68 % zur Physiotherapie.
War der Sturz harmlos?
Ansonsten gibt es kaum Daten zum Verlauf nach einem Sturz, der nicht zu einer stationären Ausnahme geführt hat. Darum initiierte Zieschang mit ihrem Team eine Studie zur Beschreibung der Verläufe von Unabhängigkeit, funktioneller Leistung, körperlicher Aktivität und Sturzrisikoprofil bei älteren Menschen nach schwerem Sturz mit Vorstellung in der Notaufnahme (SeFallED). 335 Teilnehmer wurden erfasst und in den ersten Monaten nach dem Ereignis und nach sechs, zwölf und 24 Monaten zuhause besucht und befragt, sodass die Forschenden auch Einblicke in die häusliche Umgebung erhielten. Mit Hilfe eines tragbaren Sensors am Oberschenkel wurde sieben Tage lang die Mobilität überprüft.
Ein Viertel im Alltag beeinträchtigt
Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass nach zwölf Monaten ein Viertel der Teilnehmenden eine deutliche Verschlechterung in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) hatte hinnehmen müssen. Die körperliche Aktivität beeinflussten Alter und Sturzbedenken. Die Hauptrisikofaktoren für die Beeinträchtigung im Alltag waren ein Alter über 75 Jahre, die Verwendung einer Gehhilfe (Handstock, Rollator), Sturzbedenken nach dem Fragebogen Falls Efficacy Scale International (Short-FES-I ≥ 10 Punkte) und eine kognitive Einschränkung nach dem Screening mit dem Montreal Cognitive Assessment (MoCa ≤ 23 Punkte). Zumindest Alter und Gehhilfe sind auch in der Notaufnahme unmittelbar erfassbar, nach Sturzbedenken kann man fragen und das Kognitionsscreening wird in Notaufnahmen schon zunehmend eingesetzt, betonte Zieschong die Umsetzbarkeit eines solchen Screenings. In der Diskussion ergänzte sie, sie sei kein großer Anhänger des frühzeitigen Einsatzes von Rollatoren, da diese häufig das Gangbild ungünstig verändern.
Screening und mögliche Interventionen
Ihre Arbeitsgruppe will auch in Richtung Intervention weiter forschen. In einem Folgeprojekt (iSeFallED) wird in der Notaufnahme bei mindestens mildem Folgerisiko nach Sturz im Screening ein Termin in der Sturzsprechstunde der Hochschulambulanz vermittelt. Als Interventionen können Einzel- oder Gruppentrainings erfolgen. Hausbesuche und Erfassung der Mobilität sind analog der Primärstudie geplant. Wichtig bei der Konzeption war die Integration von Betroffenen und Fokusgruppen, um die Angebote niederschwellig und individuell zugeschnitten anbieten zu können, betonte Zieschong. So bieten auch geschulte Trainer in Sportvereinen Interventionen an und Patient dürfen sich aussuchen, war sie machen wollen. Ein Laufbandtraining zum Üben des Abfangens beim Stolpern wollten alle der bislang Rekrutierten.
Die Studien SeFallED und iSeFallED werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.










