ADKA 2022: Erhöhte AMTS durch Digitalisierung – Optimierungsbedarf in Krankenhäusern

Die Einführung elektronischer Verordnungssysteme und weiterer Digitalisierungsmaßnahmen kann zu einer erhöhten Arzneimitteltherapiesicherheit beitragen. Die Umsetzung ist jedoch aufwendig und an einigen Stellen optimierungsbedürftig.

Apotheker beraet Arzt

Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) ist ein stetes Thema im Gesundheitswesen. In Krankenhäusern betrifft die Verbesserung der AMTS vor allem die interprofessionelle Zusammenarbeit sowie die zunehmende Digitalisierung des Medikationsprozesses. Die Apothekerinnen Dr. Kerstin Boldt, Referentin für Arzneimittel & AMTS bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Berlin und Dr. Heike Hilgarth, Wissenschaftsreferentin der ADKA, Berlin berichteten auf dem 47. ADKA-Jahreskongress 2022 in einem Workshop über den aktuellen Stand der AMTS in den Krankenhäusern sowie Herausforderungen und Maßnahmen zur Umsetzung im Kontext der Digitalisierung.

Intersektoralen Zusammenarbeit & Digitalisierung

Sowohl die ADKA als auch die DKG haben in einem Kreislauf veranschaulicht, wie die AMTS mit elektronischen Hilfsmitteln in Form eines Closed-Loop-Managementsystems erhöht werden kann. Während der Fokus der ADKA naturgemäß auf den Apothekern liegt, nimmt die Darstellung der DKG die Mediziner und Pflegekräfte stärker in Betrachtung. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass die intersektorale Zusammenarbeit für das Gelingen verbesserten AMTS-Implementierung und erhöhter Qualität essenziell ist.

Veränderung der Prozesse nötig

In der klassischen Reihenfolge der Abläufe im Krankenhaus erfolgt, vereinfacht gesagt, zunächst die Anamnese und Erstellung einer und (elektronischen) Verordnung durch den Arzt. Anschließend wird der Patient durch die Pflegekräfte mit Arzneimitteln versorgt. Die Apotheke kommt zum Schluss hinzu und überprüft die Medikation.

Boldt erklärte, dass im Zuge der Digitalisierung nach dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) eine Validierung bzw. Freigabe der Verordnung durch die Apotheker erfolgen soll. Sie müsse folglich im Kreislauf in der Position nach vorne rücken und der Erstellung der Verordnung durch den Arzt nachgeschaltet werden. Dies zeige, dass die Implementierung von AMTS und elektronischer Hilfsmittel eine Veränderung der Prozesse im Krankenhaus erfordert, so die Apothekerin weiter.

Stand der Digitalisierung und AMTS-Implementierung

Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) hat im Jahr 2021 unter 221 Krankenhäusern eine Umfrage zum Stand der Digitalisierung sowie der AMTS durchgeführt. Die repräsentative Stichprobe zeigte beispielsweise im Hinblick auf die elektronische Verordnung Mängel auf. In 33% der Kliniken war noch kein WLAN auf allen Stationen verfügbar. Etwa 55% gaben an, dass die Verordnungen ausschließlich auf Papier erfolgten und auch eine elektronische Patientenakte war in 55% der Fälle noch nicht im Haus etabliert. Zudem gaben 75% der Kliniken an, noch keine elektronisch unterstützte AMTS-Prüfung zu nutzen.

Keine Schnittstellen zu Krankenhausapotheke

Eine Umfragen des Ausschusses für elektronischen Verordnung der ADKA zu Beginn des Jahres 2021 an 261 Krankenhausapotheken zeigte ebenfalls, dass die Digitalisierung nur langsam voranschreitet. Nur knapp die Hälfte (44%) der Teilnehmenden nutzten elektronische Verordnungssoftware. Im Rahmen einer weiteren Erhebung gaben 77% von 110 befragten Krankenhäusern an, keine Schnittstelle zur Versorgungssoftware der Apotheken zu besitzen.

Unit-Dose-Versorgung

Im Jahr 2020 lag der Anteil der Betten mit Unit-Dose-Versorgung laut einer Analyse des Ausschusses für Unit-Dose der ADKA bei etwa 4,4% (n=22.000). Hilgarth erklärte, dass hier eine Zunahme durch den Födertatbestand 5 (Digitales Medikationsmanagement) des KHZG zu erwarten sei.

Vorteile elektronischer Verordnungssysteme

Es gebe ausreichend Nachweise und Literatur, die eine Reduktion der Medikationsfehler durch die Verwendung elektronischer Verordnungssysteme mit klinischen Entscheidungshilfen (CPOE-/CDS-Systemen) zeigten, berichtete Hilgarth außerdem. Diese tragen indirekt zu einer Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit bei. Zudem stellte die Apothekerin Analysen vor, die von einer weiteren Fehlerreduktion berichten, wenn zusätzlich zu den CPOE-Systemen eine patientenorientierte Logistik, beispielsweise durch eine Unit-Dose-Versorgung, etabliert ist.

Stärkung pharmazeutischer Arbeit durch Ärzte

In einer aktuellen Umfrage auf Intensivstationen wurden Ärzte zur Einschätzung der pharmazeutischen Betreuung in ihren Häusern befragt. Als essenziell wurden insbesondere die Bereitstellung von Arzneimittelinformationen, Teilnahme an Visiten, Medikationsanalyse und Überwachung der Medikation sowie Therapeutisches-Drug-Monitoring mit Beratung angesehen. Das zeige, dass „diejenigen Ärzte, die bereits eine pharmazeutische Betreuung kennengelernt haben (…) diese interprofessionelle Zusammenarbeit sehr [schätzen]“, so Hilgarth.

Förderung von AMTS

Die ADKA hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2030 möglichst alle krankenhausversorgenden Apotheken elektronisch verordnen. Auch die DKG will die Digitalisierung in Krankenhäusern beschleunigen und sowohl die elektronische Verordnung als auch eine Förderung des bundeseinheitlichen Medikationsplans (BMP) so früh wie möglich umsetzen. Gerade der BMP sei ein wichtiges Instrument für die sektorenübergreifende Versorgung und das Schnittstellenmanagement. Derzeit nutzen laut Boldt allerdings nur etwa 50% der Krankenhäuser einen Medikationsplan, den BMP sogar deutlich weniger.

Die DKG werde weiter versuchen, politisch Einfluss zu nehmen und immer wieder betonen, dass zur Förderung der Digitalisierung und damit auch der AMTS mehr Gelder nötig sind, so die Apothekerin.

Hemmnisse für elektronische Hilfsmittel

Am Ende des Workshops befragten die beiden Referentinnen die Teilnehmenden dazu, welche Gründe es für die geringe Implementierung elektronischer Systeme im Medikationsprozess aus ihrer Sicht gebe. Genannt wurden unter anderem fehlende Ausfallkonzepte für IT und Personal, knappe Personalressourcen der IT, Zeitmangel bei allen Berufsgruppen sowie fehlende Schnittstellen der im Krankenhaus genutzten Programme.

Autor:
Stand:
12.05.2022
Quelle:
  1. „Wie kann AMTS weiter implementiert werden?“, Dr. Kerstin Boldt, Referentin für Arzneimittel & AMTS der DKG, Berlin und Dr. Heike Hilgarth, Wissenschaftsreferentin der ADKA, Berlin, 47. Wissenschaftlicher ADKA-Jahreskongress vom 05.05.-07.05.2022
  2. ADKA: Closed Loop Medication Management (zuletzt abgerufen am 12.05.2022)
  3. FAIR: Positionen der Deutschen Krankenhausgesellschaft für die 20. Legislaturperiode des Deutschen Bundestags (zuletzt abgerufen am 12.05.2022)
  4. Hilgarth H et al.Arzneimitteltherapiesicherheit gefördert durch die interprofessionelle Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker auf Intensivstationen in Deutschland: Erkenntnisse einer Umfrage [Drug therapy safety supported by interprofessional collaboration between ICU physicians and clinical pharmacists in critical care units in Germany: Results of a survey]. Med Klin Intensivmed Notfmed. 2022 Mar 8. German. DOI: 10.1007/s00063-022-00898-5
  5. Lee H et al. Impact on Patient Outcomes of Pharmacist Participation in Multidisciplinary Critical Care Teams: A Systematic Review and Meta-Analysis. Crit Care Med. 2019 Sep;47(9):1243-1250. DOI: 10.1097/CCM.0000000000003830
  6. Straub C et al. Informationsverluste bei sektorübergreifender Behandlung: Ursachen und Lösungen. Dtsch Med Wochenschr 2022; 147(05): 269-272 DOI: 10.1055/a-1729-8798
  7. Stürzlinger et al. HTA-Kurzfassung. Computerized Physician Order Entry - effectiveness and efficiency of electronic medication ordering with decision support systems. MS Health Technol Assess 2009;5:Doc07. DOI: 10.3205/hta000069
  8. Vélez-Díaz-Pallarés M et al. Systematic review of computerized prescriber order entry and clinical decision support. Am J Health Syst Pharm. 2018 Dec 1;75(23):1909-1921. DOI: 10.2146/ajhp170870
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