Apothekensterben beeinflusst Distanz zu Vor-Ort-Apotheken

In bestimmten Regionen Deutschlands ist es beschwerlicher geworden, Medikamente in der Vor-Ort-Apotheke zu kaufen. Die Wege zur nächstgelegenen Apotheke haben sich verlängert. Das zeigen IQVIA Daten als Auswirkungen des Apothekensterbens für Patientinnen und Patienten auf.

Apotheke geschlossen

Allein im Jahr 2023 haben fast 500 Apotheken ihre Tore für immer geschlossen. Diese Zahl entspricht etwa der Gesamtzahl der in Thüringen ansässigen Apotheken am Ende des vergangenen Jahres [2]. Auf der Grundlage von IQVIA OneKey®-Daten [1] zeigt sich nun, dass sich das Apothekensterben vor allem auf ländliche Regionen auswirkt, da die Apothekendichte mit der Dichte der Bevölkerung korreliert.

Die IQVIA OneKey®-Datenbank verzeichnet genau und geocodiert alle Apothekenstandorte in Deutschland tagesaktuell. Dadurch ist es möglich, exakt zu untersuchen, wie sich die Apothekendichte im Laufe der Zeit verändert. Für die Auswertung wurden diesen Informationen Daten zur Bevölkerungsdichte sowie – entwicklung der Europäischen Kommission und Statista hinzugefügt.

Wege zur nächsten Apotheke werden länger

Die Daten zeigen, dass sich das Apothekensterben auf die Distanz zur nächstgelegenen Apotheke auswirkt. Etwa zwei Millionen Menschen, sprich 2,4% der Bevölkerung, müssen einen verlängerten Weg zur nächstgelegenen Apotheke auf sich nehmen. Für 97% der Bevölkerung hat sich im Vergleich zum Jahr 2018 hingegen nichts verändert, für 0,4% der Menschen in Deutschland hat sich der Weg zur nächsten Vor-Ort-Apotheke sogar verringert.

Ländliche Gebiete besonders betroffen

Der längere Weg zur nächsten Vor-Ort-Apotheke ist vor allem im ländlichen Bereich zu beobachten. Dabei können sich für manche Apothekenkunden und -kundinnen die Abstände zur nächstgelegenen Apotheke um mehr als zehn Kilometer Luftlinie verlängern. Der gesamte Fahrtweg kann somit in weniger dicht besiedelten Gebieten teils auf zusätzlich über 15 Kilometer anwachsen.

Apothekensterben stärkt Versandhandel

In Großstädten beläuft sich eine Vergrößerung der Distanz meist auf maximal einen Kilometer. Darum ist gerade auf dem Land die Möglichkeit, Medikamente in der Vor-Ort-Apotheke zu kaufen, durch das Apothekensterben in Gefahr. Vor allem für Personen mit eingeschränkter Mobilität oder ältere Personen ohne PKW stellt ein verlängerter Weg zur nächsten Apotheke mitunter eine Herausforderung dar. Zudem verstärken die größer gewordenen Distanzen die Tendenz, Medikamente vom Versandhandel zu beziehen.

Bereits heute wird mehr als jedes fünfte rezeptfreie Medikament in einer Online-Apotheke eingekauft. Interessanterweise ist ein Apothekensterben in unseren europäischen Nachbarländern nicht zu beobachten. Einer der Gründe könnte dabei laut IQVIA neben anderen die besondere Preissensitivität der Deutschen sein.

Apothekenumsätze steigen

Eine gute Nachricht halten die IQVIA OneKey®-Daten dennoch bereit: Trotz zahlreicher Apothekenschließungen wächst der Apothekenumsatz. „Das Apothekensterben führt damit paradoxerweise zu einem steigenden Umsatz pro Apotheke“, erklärt Thomas Heil, Consumer Health Vice President bei IQVIA. Verglichen mit dem Vorjahr verzeichnete der Apothekenmarkt 2023 einen Zuwachs von etwa 6%.

Dabei ist der Umsatz sowohl rezeptfreier Produkte als auch verschreibungspflichtiger Arzneimittel in ähnlichem Umfang angestiegen. Teile dieses Wachstums sind zwar auf Preiserhöhungen zurückzuführen, dennoch zeigen die Zahlen, dass bestimmte Produkte wie etwa Erkältungspräparate gerne in der Vor-Ort-Apotheke gekauft werden. Wenig tröstlich dürfte diese Entwicklung aber für die ehemaligen Inhaber und Mitarbeitenden der mittlerweile geschlossenen Apotheken sein.

ABDA kündigt neue Proteste an

Und auch die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zeigt sich nicht erfreut über die stetigen Apothekenschließungen und kündigt neue Proteste an [2]. „Unsere Patientinnen und Patienten müssen immer weitere Wege zur nächstgelegenen Apotheke zurücklegen. Mit der Arzneimittelberatung, eigenen Herstellungen, Nacht- und Notdiensten, Impfungen und den pharmazeutischen Dienstleistungen bieten die Apotheken aber Leistungen an, die die Menschen in ihrer wohnortnahen Umgebung unbedingt benötigen“, sagt Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der ABDA. „Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach weiß von dieser bedrohlichen Entwicklung, unternimmt aber rein gar nichts, um die Apotheken zu stabilisieren“, so Overwiening weiter.

Negative Entwicklungen: Kein Ende in Sicht

Trotz zahlreicher Gespräche der Standesvertretungen der Apothekerschaft auf Bundes- und Landesebene in den letzten Monaten, ist eine Stärkung der Apotheken nicht absehbar. Auch die Talsohle der Apothekenzahlen ist vermutlich noch nicht erreicht und es zeigen sich keine Indikatoren für eine Besserung der Lage. Hinzu kommen Fachkräftemangel und das unterfinanzierte System der Apothekenvergütung.

Overwiening kündigt ob der negativen Entwicklungen an, Patientinnen und Patienten direkt in den Apotheken im Rahmen einer neuen Dachkampagne namens „Gesundheit sichern. Die Apotheke.“ über die bedrohliche Lage zu informieren. Mit dem übergeordneten Ziel, die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung und damit deren Gesundheit zu sichern, werden Apothekerinnen und Apotheker ihre Anliegen und die Interessen von Patientinnen und Patienten in der nahen Zukunft sichtbar vertreten. „Die Bundesregierung muss verstehen, dass der Erhalt der Arzneimittelversorgung wichtiger ist als Nebelkerzen, wie etwa Gesundheitskioske“, so die ABDA-Präsidentin.

Autor:
Stand:
24.04.2024
Quelle:
  1. IQVIA, Pressemeldung: Der weite Weg zum Medikament, 15. April 2024
  2. ABDA, Pressemeldung: 500 Apotheken in einem Jahr weniger – Apothekerschaft kündigt neue Proteste an, 15. April 2024
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