Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und in der Pflege (SVR Gesundheit & Pflege) aus Bonn hat sein Gutachten 2023 veröffentlicht. In der Publikation mit dem Titel „Resilienz im Gesundheitswesen. Wege zur Bewältigung künftiger Krisen“ beschäftigen sich die Experten mit den Stärken und Schwächen des deutschen Gesundheitssystems. Sie geben Empfehlungen ab, wie sich die Widerstandsfähigkeit des Systems stärken lässt. Ein Thema im Gutachten sind Strategien, um Lieferketten zu stärken.
Lieferketten, Produktion und Innovation
Eine ausreichende Versorgung mit Gütern wie Arzneimitteln, Medizinprodukten und Schutzausrüstung betrachten die Sachverständigen als essenziell nicht nur für den Krisenfall. Ein resilientes Gesundheitssystem sollte vorübergehende Lieferengpässe ausgleichen und auf einen veränderten Bedarf im Krisenfall kurzfristig reagieren können.
Dazu müssten zum einen die globalen Lieferketten gestärkt werden. Zum anderen müssen relevante Produkte bevorratet und Produktionskapazitäten erweitert werden. Eine Verbesserung des Forschungsumfeldes und ein verlässlicher Patentschutz können laut dem SVR zu mehr Innovationen führen. Das kann dazu beitragen, im Krisenfall schnell neue Lösungen zu finden.
Internationale Lieferketten
Bei Arzneimitteln besteht eine Abhängigkeit von Zulieferern aus dem nichteuropäischen Ausland wie China und Indien. Das betrifft vor allem die pharmazeutischen Grundstoffe, die zur Herstellung von Fertigarzneimitteln erforderlich sind.
Die globalen Lieferketten sind Risiken ausgesetzt. Ein Ausfall kann bedeuten, dass bestimmte Produkte nicht mehr hergestellt werden können. Die Sachverständigen weisen auf die Komplexität und Vielstufigkeit vieler globaler Lieferketten hin. Wenn Vorprodukte knapp werden, setzen sich Lieferschwierigkeiten über die ganze Kette fort. Das Prinzip der Just-In-Time-Produktion verschärft laut dem SVR die Situation.
Klimawandel und andere Herausforderungen
Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen können die Produktion, Logistik und Lagerhaltung von Produkten beeinträchtigen. Hinzu kommen indirekte Beeinträchtigungen etwa über Störungen der Wasser- oder Energieversorgung.
Handelskonflikte und -hemmnisse führen dazu, dass Güter nicht mehr exportiert, sondern der eigenen Bevölkerung vorbehalten werden. Tierseuchen, nukleare Katastrophen und kriegerische Auseinandersetzungen gefährden ebenfalls Lieferketten.
Lieferketten stärken
Multiple Sourcing bedeutet, dass ein Produkt von mehreren Zulieferern bezogen wird, um Ausfallrisiken zu streuen. Für eine möglichst kosteneffiziente Umsetzung schlagen die Sachverständigen bei Arzneimitteln Ausschreibungen im Rahmen der Rabattverträge vor. Dabei sollte eine hinreichende Quote der bezogenen Medikamente und Vorprodukte aus europäischer Produktion stammen.
Globale Diversifikation bedeutet, Zulieferer auszuwählen, die an unterschiedlichen Orten produzieren. Dabei sollten politische und wirtschaftliche Anfälligkeiten der Produktionsstandorte berücksichtigt werden.
Bei Zulieferern mit nahegelegenen Produktionsorten (Nearshoring) sind kurze Transportwegen vorteilhaft. Maßnahmen wie Investitionsbezuschussungen für Produktionsstätten könnten gemäß dem Gutachten dazu beitragen, dass essenzielle Güter verstärkt in Deutschland hergestellt werden.
In Krisensituation könne es hilfreich sein, die Nachfrage zeitweise zentral zu bündeln und die Beschaffung staatlich zu organisieren. In der SARS-CoV-2-Pandemie erfolgte dies bei der Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung und Beatmungsgeräte.
Ein Monitoring mit Meldepflichten soll helfen, Lieferengpässe frühzeitig zu erkennen. Die Sachverständigen betonen dabei die Bedeutung von internationalen Kooperationen etwa im Rahmen der EU-Handelspolitik, mit den USA oder global. Sie fordern des Weiteren, möglichst auf Handelshemmnisse zu verzichten.
Bevorratung
Bei Bevorratungsmaßnahmen sind Lagerhaltungskosten, Haltbarkeitsgrenzen und Wartungsnotwendigkeiten zu berücksichtigen. Produkte, die in vielen Szenarien zum Einsatz kommen können, sind laut den Sachverständigen sinnvoller als solche, die nur in sehr speziellen Fällen benötigt werden.
Für die Lagerung seien nicht unbedingt spezielle Notfalllager erforderlich. Praxen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Apotheken und Großhändler könnten direkt einlagern oder die Lagerungspflichten könnten an spezielle Dienstleister delegiert werden. Um zu vermeiden, dass übermäßig viele Produkte, zum Beispiel wegen Erreichen der Haltbarkeitsgrenze, entsorgt werden müssen, schlagen die Experten Lösungen wie rollierende Systeme vor.
Bund und Länder sollen nach Vorstellung des SVR unter Einbeziehung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) verbindliche Vorgaben für die Bevorratung erarbeiten. Unerlässlich sei eine geeignete Dokumentation der Bevorratung. Zusätzlich sollten Bürger sich privat bevorraten.
Produktionskapazitäten
Bei der Sicherung von Produktionskapazitäten geht es hauptsächlich um Produkte, die im Krisenfall besonders wichtig sind und bei denen die Versorgungslage schwierig und Lagermöglichkeiten begrenzt sind. Als Beispiel nennen die Sachverständigen die Impfstoffproduktion während der SARS-CoV-2-Pandemie.
Es sollten Anreize für Unternehmen geschaffen werden, in Produktionskapazitäten trotz ungewisser Absätze zu investieren. Bei den Anreizen könnte es sich um Investitionskostenzuschüsse handeln oder garantierte hohe Leistungspreise, wenn die Produkte im Bedarfsfall abgenommen werden. Die europäische Produktion könnte auch gestärkt werden, wenn langfristige Lieferverträge abgeschlossen würden. Dabei stelle jedoch die Preisfindung ein Problem dar.
Förderung von Innovationen
Innovationen können helfen, Krisen schneller zu überwinden und im Vorfeld ihre Eintrittswahrscheinlichkeit zu senken. Eine breit ausgelegte Forschungsförderung und ein innovationsfreundliches Umfeld im Gesundheitswesen können die Innovationskraft stärken, ebenso ein verlässlicher Patentschutz. Akademische und kommerzielle Forschung sollten besser integriert werden. Bei globalen Krisen sei es laut den Sachverständigen unerlässlich, auch mit Staaten zu kooperieren, die keine Monopolpreise zahlen können.










