Wundinfektionen chronischer Wunden: Neue Standards für eine differenzierte Versorgung

Chronische Wunden stellen eine erhebliche Belastung für Betroffene und Behandelnde dar – nicht selten verlängern Wundinfektion den Heilungsverlauf erheblich. Die Unterscheidung zwischen Inflammation und klinisch relevanter Wundinfektion ist entscheidend für eine wirksame Therapie.

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Während eine autoimmunologische Inflammation (z. B. Vaskulitis) immunmodulierend behandelt werden müssen, erfordern bakterielle Wundinfektionen antiseptische Maßnahmen oder gegebenenfalls systemische Antibiotika-Gaben.

Einfache Systematik schafft klinische Klarheit

Das aktuelle Positionspapier der WundDACH-Expert:innen aus den deutschsprachigen Ländern schlägt eine vereinfachte Klassifikation für das Infektionskontinuum vor: Kontamination, Kolonisation, lokale und systemische Infektion. Die bislang international verwendeten, weiteren schwer abgrenzbare Bezeichnung wie „kritische Kolonisation“ werden bewusst nicht weitergeführt. Diese klare Terminologie hilft, Therapieentscheidungen auf fundierter Grundlage zu treffen – ohne semantische Grauzonen.

TILI- und W.A.R.-Scores: Entscheidungssicherheit im Alltag

Zwei etablierte Scores unterstützen eine strukturierte Indikationsstellung:

  • TILI-Score: Liefert eine evidenzbasierte Beurteilung für eine lokale Wundinfektion. Eine lokale antimikrobielle Therapie ist bei ≥ 5 indirekten oder ≥ 1 direkten Kriterien gerechtfertigt.
  • W.A.R.-Score: Identifiziert Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko – etwa bei Diabetes mellitus, Immunsuppression oder problematischer Wundlokalisation. Ab drei Punkten wird eine prophylaktische antimikrobielle Therapie empfohlen.

Diese Instrumente erleichtern das differenzierte Vorgehen und stärken das Prinzip des Antimicrobial Stewardship, also dem rationalen Einsatz von Antibiotika und anderen antimikrobiellen Wirkstoffen.

Mikrobiologischer Fokus: Biofilme und MREs

Chronische Wunden sind häufig durch bakterielle Biofilme belastet – insbesondere durch Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa. Die mikrobielle Diagnostik sollte bei Verdacht auf Infektion mit der Levine-Technik und bei einem Screening entsprechend dem Essener Kreisel erfolgen. Bei Nachweis multiresistenter Erreger (MRE) wie MRSA, 3/4MRGN ist eine gezielte antimikrobielle Therapie angezeigt – meist ohne unnötige Systemtherapie.

M.O.I.S.T.-Prinzip: Strukturierte Wundversorgung mit Weitblick

Die moderne Wundversorgung kann entsprechend dem M.O.I.S.T.-Schema erfolgen:

  • Moisture: Feuchtigkeitsregulation
  • Oxygen: Sauerstoffbalance
  • Infection control: Infektionsmanagement
  • Support: Heilungsförderung
  • Tissue: Gewebemanagement

Bei „Infektionskontrolle“ und „Gewebemanagement“ werden regelmäßig mechanische oder chirurgische Debridements (alle 48–72 Stunden) sowie ggf. der gezielte Einsatz von Antiseptika (z. B. Polyhexanid, Octenidin, Silber) durchgeführt. Systemische Antibiotika bleiben Menschen mit klinischer Systeminfektion vorbehalten – ein Grundsatz, den auch die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) betont. Nach spätestens 10–14 Tagen sollte die Indikation jeder antimikrobiellen Maßnahme überprüft werden.

Disziplinübergreifend und praxisnah: Evidenz für den Versorgungsalltag

Ein zentraler Beitrag zur Entwicklung des neuen Positionspapiers stammt aus der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Essen unter Mitwirkung von Prof. Dr. Joachim Dissemond. Als langjähriger Experte für chronische Wunden hebt er die Relevanz strukturierter Vorgehensweisen in der Versorgung hervor – insbesondere bei komplexen oder therapierefraktären Wundverhältnissen.

Dissemond wird im Rahmen der Veranstaltung „Spektrum Hautgesundheit 2025: Haut am Limit“ seine klinische Erfahrung einbringen. Er diskutiert konkrete Fälle aus dem Auditorium, beleuchtet differenzialdiagnostische Herausforderungen und zeigt praxisnahe Lösungsansätze auf. So wird eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Leitlinie, klinischer Realität und individueller Versorgung komplexer Wunden geschlagen.

Fazit: Systematik statt Bauchgefühl

Das neue WundDACH-Positionspapier bietet eine fundierte, praxisnahe Struktur zur Einordnung und Behandlung von Menschen mit chronischen Wunden und Wundinfektionen. Die Kombination aus klarer Terminologie, validierten Scores und angepassten Therapiekonzepten erlaubt eine individuell abgestimmte, evidenzbasierte Versorgung. Damit wird ein wichtiger Schritt zur Qualitätssicherung in der Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden geleistet.

Fortbildungstipp: Wer sich vertiefend mit der Hautgesundheit befassen möchte, sollte den interdisziplinären Kongress “Spektrum Hautgesundheit 2025 – Haut am Limit” nicht verpassen.

Autor:
Stand:
01.10.2025
Quelle:
  1. Dissemond, J. et al. (2025): Systematik, Diagnostik und Therapie von Wundinfektionen chronischer Wunden: Ein Positionspapier von WundDACH. J Dtsch Dermatol Ges 23:565-575., DOI: 10.1111/ddg.15649.
  2. Prävention postoperativer Wundinfektionen: Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2018; 61:448-473, DOI: 10.1007/s00103-018-2706-2.
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