Hautdiphtherie ist wieder im Kommen

Seit vergangenem Jahr registrieren Gesundheitsbehörden in Großbritannien, Österreich und Deutschland vermehrt Fälle von Hautdiphtherie unter Flüchtlingen, die über die Balkanroute kamen. Das RKI meldet seit Sommer bis April diesen Jahres 170 Patienten mit dieser in West-Europa dank großer Impfprogramme seltenen Form schlecht heilender Wunden.

Hautlaesionen

Junge Erwachsene mit purulenten peripher wachsenden Ulzerationen an den Beinen, membranösen grauweißlichen, später auch braun-schwarzen Belägen bei ausgeprägtem, meist stark gerötetem Kollateralödem – die meisten Dermatologen würden bei einem solchen Befund nicht an eine Hautdiphtherie denken. Schließlich ist die Diphtherie in erster Linie als respiratorische Erkrankung bekannt. Diese ist Dank der seit Jahrzehnten bestehenden Impfprogramme in Europa sehr selten geworden.

Toxigene Corynebakterien-Spezies sind meldepflichtig

Doch nach wie vor sind Infektionen mit Spezies des toxigenen Corynebakteriums (C. diphtheriae, C. ulcerans, C. pseudotuberculosis) in Deutschland meldepflichtig. Seit Sommer 2022 wurden beim Robert-Koch-Institut (RKI) 170 Fälle dieser hierzulande sehr exotischen Infektionsform gemeldet – deutlich mehr als bisher. Betroffen waren vor allem Flüchtlinge, hauptsächlich aus Afghanistan und Syrien.

Europa-weite epidemiologische Verbindung?

Da auch in anderen europäischen Ländern (u.a. Österreich, Großbritannien, Italien) Fälle von Hautdiphtherie beobachtet wurden, hat das RKI in Zusammenarbeit mit dem Konsiliarlabor (KL) für Diphtherie sowie mit dem European Centre for Disease Prevention and Control anhand von Genomsequenzierungen und Fluchtrouten untersucht, ob die in Deutschland und in den anderen EU-Staaten gemeldeten Fällen epidemiologisch in Verbindung stehen. Das Ergebnis wurde kürzlich auf dem Europäischen Kongress für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ECCMID) vorgestellt.

Hautdiphtherie auf der Balkanroute akquiriert

Danach gibt es keine Hinweise, dass sich die Häufigkeit von Diphtherie in den Herkunftsländern der Migranten verändert hat. Vielmehr legen die Ganzgenomsequenzierung und phylogenetische Analyse am KL sowie die Analyse der Migrationsrouten nahe, dass die Betroffenen das toxigene Corynebacterium diphtheriae auf ihrer Flucht entlang der Balkanroute akquiriert hatten. Die Balkanroute erstreckt sich von Griechenland bis Österreich und umfasst hauptsächlich die Länder Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien und Slowenien.

Bei Verdacht: Abstriche machen!

Aufgrund dieser Häufung und weil Patienten mit Wunddiphtherie eine Infektionsquelle für eine Rachendiphtherie bei sich selbst bzw. bei engen Kontaktpersonen sein können, möchte das RKI alle im Gesundheitswesen Tätigen für die Erkrankung der Hautdiphtherie sensibilisieren. Unter anderem wird empfohlen

  • bei auffälligen Hautläsionen vor Beginn einer antibiotischen Therapie eine allgemeine Erregerdiagnostik zu veranlassen.
  • Besteht der klinische Verdacht auf Hautdiphtherie sollten Abstriche an den Läsionen, der Haut sowie dem Nasen- und Rachenraum vorgenommen werden. Lassen sich Impflücken feststellen, müssen diese möglichst rasch geschlossen werden.
  • Bei Nachweis potenziell Diphtherietoxin-Gen-tragenden C.spp. (C. diphtheriae, C. ulcerans, C. pseudotuberculosis) empfiehlt das RKI eine weitere, kostenfreie Erregerdiagnostik im KL durchführen zu lassen.
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