Shared Decision-Making (SDM) stellt einen Paradigmenwechsel in der Arzt-Patienten-Interaktion dar und ermöglicht eine gemeinsame Entscheidungsfindung für eine angepasste Therapie. Auf der Tagung Dermatologie kompakt + praxisnah (KoPra) Anfang März in Wiesbaden stellten die Psychologin M.Sc. Stolze-Klingenberg vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und Dr. Thiem, Oberarzt am Universitätsklinikum Rostock, dieses Modell näher vor [1].
Austausch auf Augenhöhe: Shared Decision Making
Shared Decision Making (SDM) ist ein Ansatz in der Gesundheitsversorgung, der darauf abzielt, Patienten und Ärzte als Partner im Entscheidungsprozess zu betrachten. Patienten sollen über ihre Gesundheitsversorgung informiert sein und aktiv an der Entscheidungsfindung mitwirken. Dies beinhaltet den Austausch von Informationen über die Erkrankung, Behandlungsoptionen, Risiken und Nutzen sowie die Berücksichtigung der Präferenzen und Werte des Patienten.
SDM stellt den Patienten in den Mittelpunkt der Behandlung. Es erkennt die individuellen Bedürfnisse und Präferenzen des Patienten an und unterstützt ihn dabei, als Experte seines eigenen Körpers zu agieren.
Patienten im Fokus: Die Vorteile von SDM
Shared Decision Making (SDM) bietet zahlreiche Vorteile für die Patientenversorgung. Ein zentraler Nutzen liegt in der Steigerung des krankheitsspezifischen Wissens der Patienten. Durch ihre aktive Teilnahme an Entscheidungsprozessen erlangen Patienten ein besseres Verständnis ihrer Gesundheit, was die Therapieadhärenz fördert. Die Einbindung in Entscheidungen kann zudem die Depressivität verringern, da Patienten sich weniger hilflos fühlen und mehr Kontrolle über ihren Gesundheitszustand haben. SDM entspricht zudem den gesetzlichen Anforderungen des Patientenrechtegesetzes, was eine respektvolle medizinische Praxis fördert, die die Autonomie und Rechte der Patienten berücksichtigt. So unterstützt SDM das Ziel einer patientenzentrierten Versorgung, die das Wohl des Patienten in den Mittelpunkt stellt.
Barrieren und Limitationen von SDM
Trotz der überwiegenden Vorteile sehen sich Ärzte und Patienten auch mit einigen Barrieren und Limitationen konfrontiert. Dazu gehören Zeitmangel und Wirtschaftlichkeitsdruck, das paternalistische Modell der traditionellen medizinischen Praxis und der verwendete Fachjargon.
SDM in der Praxis? Das “SHARE TO CARE”-Programm am UKSH
Unter dem Titel “SHARE TO CARE” (S2C) [2] hat es sich das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) zur Aufgabe gemacht, SDM verstärkt in den klinischen Alltag zu integrieren. Die Umsetzung erfordert eine gut strukturierte Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Häufig werden SDM-orientierte Gespräche als zeitaufwändiger empfunden, dies kann jedoch durch konstante und strukturierte Gesprächsstrukturen vermieden werden.
6 Schritte: Die SDM-Gesprächsführung
Für den Erfolg von SDM ist es entscheidend, den Patienten als aktiven Teilnehmer am Entscheidungsprozess zu sehen. Der Patient sollte ermutigt werden, Fragen zu stellen und Bedenken zu äußern. Dies setzt voraus, dass der Arzt Raum für einen offenen Dialog schafft und den Patienten als gleichberechtigten Partner respektiert. Eine explizite Rollenklärung ist hilfreich, um sicherzustellen, dass der Patient versteht, dass er nicht nur das Recht, sondern auch die Verantwortung hat, an seiner Behandlung mitzuwirken.
Wesentliche Elemente von "SHARE TO CARE" sind das SDM-Training für Ärzte, die Qualifizierung des Pflegepersonals und die Bereitstellung von laienverständlichen Entscheidungshilfen auf einer Online-Plattform, um Patienten zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen.
Ein SDM-Gespräch sollte die folgenden sechs Schritte umfassen, die zu einer effektiven und effizienten Entscheidungsfindung führen:
- Gesprächsziel definieren: Zu Beginn wird ein klares Ziel für das Gespräch festgelegt.
- Patientenbeteiligung begründen: Dem Patienten wird erklärt, warum seine Meinung wichtig ist.
- Vor- und Nachteile jeder Therapieoption erläutern: Informationen über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten werden transparent gemacht.
- Erwartungen und Bedenken des Patienten explorieren: Der Arzt hört zu, um die Ansichten und Bedenken des Patienten vollständig zu verstehen.
- Entscheidung treffen: Arzt und Patient treffen gemeinsam eine informierte Entscheidung.
- Umsetzung planen: Abschließend wird ein konkreter Plan zur Umsetzung der Entscheidung entwickelt.
Um Patienten zu einer selbstbestimmten Entscheidung zu führen, können drei Fragen hilfreich sein, die Verständnislücken aufzeigen und den Patienten ermutigen, selbst Fragen zu stellen.
- Welche Möglichkeiten habe ich (inklusive Abwarten und Beobachten)?
- Was sind die Vorteile und Nachteile jeder dieser Möglichkeiten?
- Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Vorteile und Nachteile bei mir auftreten?
Fachlich korrekte und verständliche Informationen für Patienten
Fachlich fundierte und für Laien verständliche Informationen sind für die Umsetzung von Shared Decision Making (SDM) entscheidend. Das S2C-Projekt hat spezifische "Entscheidungshilfen" für häufige Erkrankungen entwickelt, die Patienten während des gesamten Behandlungsprozesses unterstützen. Diese multimediale Unterstützung, bestehend aus leicht verständlichen Texten, Grafiken, erklärenden Videoclips von Ärzten und Betroffenen sowie interaktiven Tools, hilft Patienten, ihre persönlichen Vorstellungen und Bedürfnisse mit evidenzbasierten Daten abzugleichen, um fundierte Entscheidungen zu treffen [2].
Einbindung des Pflegepersonals: SDM-Qualifizierungsmöglichkeiten
Die Qualifizierung des Pflegepersonals in Shared Decision Making (SDM) ist entscheidend für die Verbesserung der Patientenversorgung. Effektive Kommunikation und Gesprächsführung der Pflegenden können das Wohlbefinden der Patienten maßgeblich beeinflussen. Das Projekt S2C am UKSH-Campus Kiel bietet ein dreistufiges Fortbildungsprogramm an: Basistrainings vermitteln das Konzept von SDM und dessen Integration in den klinischen Alltag, Fortbildungen bereiten auf die Unterstützung von Patienten bei Entscheidungen vor, während die Ausbildung zum „Entscheidungscoach" auf die intensive Begleitung von Patienten mit spezifischen Entscheidungshilfen abzielt [2].









