Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat in ihrem aktuellen Positionspapier zur Formulardigitalisierung zentrale Erkenntnisse aus der bisherigen Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und des elektronischen Rezepts (E-Rezept) zusammengefasst. Diese Erfahrungen sollen als Leitfaden für zukünftige Digitalisierungsprojekte im Gesundheitswesen dienen. Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte des Positionspapiers vorgestellt und die daraus abgeleiteten Empfehlungen erläutert.
Funktionale und nutzerfreundliche digitale Prozesse gewährleisten
Entscheidend für den Erfolg digitaler Formulare ist nicht nur die technische Machbarkeit, sondern vor allem die Benutzerfreundlichkeit der Prozesse. Dabei spielt die frühzeitige Einbindung der Anwender eine zentrale Rolle. Beim E-Rezept wurde diese Strategie durch eine vorherige Erprobung in Pilotregionen verfolgt, wodurch viele Fehler frühzeitig erkannt und behoben werden konnten. Dieses Vorgehen sollte auch bei zukünftigen digitalen Anwendungen beibehalten werden, wobei ein ausreichend langer Erprobungszeitraum und die Berücksichtigung unterschiedlicher Praxistypen und Praxisverwaltungssysteme wichtig sind.
Neben der Pilotphase sollten weitere Verfahren zur Einholung von Praxisfeedback, wie z. B. Ärztepanels, genutzt werden. Diese ermöglichen eine frühzeitige Berücksichtigung der Benutzerbedürfnisse und tragen so zu einer höheren Praxistauglichkeit der digitalen Prozesse bei.
Erst entbürokratisieren, dann digitalisieren
Bei der bisherigen Formulardigitalisierung wurden die Inhalte der Papierformulare oft unverändert übernommen. Dies führte zu Problemen, wie die Diskussion um die Eintragung der Berufsbezeichnung im Datensatz des E-Rezepts zeigt. Vor der Digitalisierung sollten daher grundsätzliche folgende Fragen geklärt werden:
- Werden alle Informationen vom Empfänger des Datensatzes benötigt?
- Gibt es Informationen, die mehrfach übermittelt werden (zum Beispiel im Datensatz des Formulars und im Datensatz der digitalen Signatur)?
- Sind alle aktuell vorgesehenen Prozessschritte sinnvoll und notwendig?
- Funktioniert die Informationsübermittlung derzeit problemfrei?
- Werden die richtigen Informationen von den richtigen Ansprechpartnern erhoben?
Durch die Reduktion auf das Wesentliche kann der bürokratische Aufwand verringert und die Effizienz der digitalen Prozesse gesteigert werden. Eine digitale Signatur sollte nur dort eingesetzt werden, wo sie unbedingt erforderlich ist, um den bürokratischen Aufwand zu minimieren.
Keine Verlagerung administrativer Aufgaben in die Praxen
Trotz fortschreitender Digitalisierung sind viele Beteiligte im Gesundheitswesen noch nicht vollständig an die Infrastruktur angeschlossen. Dies betrifft auch Patienten, die oft nur eingeschränkt auf digitale Informationen zugreifen können. Die Verlagerung administrativer Aufgaben in die Arztpraxen führt zu einem erhöhten bürokratischen Aufwand und kann die Patientenversorgung beeinträchtigen. Die Digitalisierung darf daher nicht zu einer zusätzlichen Belastung der Arztpraxen führen, sondern muss im Gegenteil zu einer tatsächlichen Entlastung der Arztpraxen beitragen.
Vollständige Digitalisierung wird gefordert
Ein häufig geäußerter Kritikpunkt der niedergelassenen Ärzte ist die Notwendigkeit, neben der digitalen Übermittlung auch Papierausdrucke erstellen zu müssen. Dies führt zu Parallelstrukturen und erhöhtem Aufwand. Ziel sollte daher eine vollständige Digitalisierung sein, bei der alle Beteiligten digital handlungsfähig sind. Dies würde Frustrationen vermeiden und die Akzeptanz der Digitalisierung erhöhen.
Reihenfolge der Digitalisierung am Versorgungsnutzen orientieren
Die aktuelle Digitalisierungsstrategie wird häufig dafür kritisiert, dass sie primär der Datenhaltung der Krankenkassen und nicht der Versorgung dient. Die KBV erhebt regelmäßig, in welchen Bereichen die Digitalisierung den größten Nutzen bringt. Zu den wichtigsten Anwendungen zählen Arztbriefe, Befund- und Labordaten sowie Entlassbriefe und Therapieempfehlungen. Die Reihenfolge der Digitalisierung sollte sich daher an diesen Versorgungsbedarfen orientieren.
Patientenaufklärung durch die Krankenkassen
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Aufklärung der Patienten über die digitalen Versorgungsprozesse. Bei der Einführung der eAU und des E-Rezepts fand kaum Aufklärung durch die Krankenkassen oder staatliche Stellen statt, so dass diese Aufgabe den Arztpraxen zufiel. Bei zukünftigen Digitalisierungsprojekten muss sichergestellt werden, dass die Krankenkassen ihrer Aufklärungspflicht nachkommen.
Wegweiser für künftige Digitalisierungsprojekte
Die Erfahrungen mit der eAU und dem E-Rezept haben gezeigt, dass eine erfolgreiche Digitalisierung im Gesundheitswesen auf mehreren Säulen beruht: funktionale und nutzerfreundliche Prozesse, Abbau von Bürokratie, Vermeidung zusätzlicher administrativer Belastungen für Arztpraxen und die umfassende Einbindung aller relevanten Akteure.
Die Reihenfolge der Digitalisierung sollte sich am Versorgungsnutzen orientieren, um den größten Nutzen für Patienten und medizinisches Fachpersonal zu erzielen. Darüber hinaus ist eine umfassende Aufklärung der Patienten durch die Krankenkassen unerlässlich, um reibungslose digitale Prozesse zu gewährleisten. Die Lessons Learned bieten eine wertvolle Grundlage für die zukünftige Digitalisierung von Formularen im Gesundheitswesen und zeigen, dass mit der richtigen Herangehensweise eine sinnvolle und effiziente Digitalisierung möglich ist.