Praxiserfahrungen aus dem E-Rezept-Rollout

Im Rahmen einer Informationsveranstaltung der gematik berichteten verschiedene Referenten über ihre bisherigen Praxiserfahrungen mit dem E-Rezept-Rollout.

E-Rezept

Seit dem 1. September 2022 läuft die erste Phase des stufenweisen E-Rezept-Rollouts in Arztpraxen der Region Westfalen-Lippe und bundesweit in Apotheken. Die gematik GmbH informierte im Rahmen einer digitalen Veranstaltung zum aktuellen Stand des Rollouts. Außerdem berichteten verschiedene Referenten unter der Moderation von Martin Schmalz, Leiter der Kommunikation der gematik, über ihre praktischen Erfahrung bei der Umsetzung der E-Rezept-Nutzung.

E-Rezept bietet viele Vorteile

Sebastian Zilch, Unterabteilungsleiter für gematik, E-Health und Telematikinfrastruktur im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), erklärte, dass sich die elektronische Verordnung trotz „einiger Veränderungen zum ursprünglichen Plan“ durchsetzen und perspektivisch bundesweit genutzt werden wird.

Das E-Rezept gelte als Grundlage für eine datenbasierte und bessere Versorgung sowie administrative und medizinische Möglichkeiten. Neben einer erhöhten Arzneimitteltherapiesicherheit und damit sicheren Versorgung sei mit den elektronischen Verordnungen ein besserer Überblick über Verordnungen bzw. die Medikation eines Patienten möglich. Das E-Rezept böte zudem Potenzial zur Prozessoptimierungen in Praxen und Apotheken sowie sichere Übertragungswege. Dieser Wechsel von einer „alten“ in eine „neue“ Welt bedeute jedoch Veränderung, beispielsweise durch die Anpassung bestehender Prozesse.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) sie hierbei ein Vorreiter, der sich mit sehr viel Engagement dem Thema widme, wie das E-rezept in der Praxis ankommen und genutzt werden kann.

Aktueller Stand des Rollouts

Florian Hartge, Chief Production Officer gematik, fasste kurz den aktuellen Stand des Rollouts zusammen. In Westfalen-Lippe werden ihm zufolge etwa 15% der Rezepte in Zahnarztpraxen elektronisch verordnet. Zudem steige die Zahl der teilnehmenden Arztpraxen und Apotheken stark an. Innerhalb von einer Woche habe sich die Zahl der Praxen, die E-Rezepte erstellen, von 1.500 auf über 2.000 erhöht. Die Anzahl an Apotheken, die E-Rezepte eingelöst haben, erhöhte sich innerhalb einer Woche von 4.000 auf 5.000.

Zunahme KIM-Nutzung

Die Anzahl der Apotheken, die den E-Mail-Dienst KIM (Kommunikation im Medizinwesen) nutzen, steige ebenfalls rasant an. Mittlerweile nutzen 1.700 Apotheken das Angebot, insbesondere im Rahmen der Heimversorgung.

Patienten nutzen E-Rezept

Die Zahlen zeigten, dass die Menschen das E-Rezept ausprobieren. Bislang wurden 500.000 bis 600.000 E-Rezepte ausgestellt und etwa 450.000 eingelöst. Die E-Rezept-App der gematik wurde bislang über 400.000-mal heruntergeladen.

Hartge gab zu, dass der Weg zum Ziel noch andauern werde, aber man komme voran.

Der Weg zum Rollout

Diesen Eindruck hat auch Jakob Scholz, stellvertretender Geschäftsbereichsleiter IT & Digital Health der KVWL. Er erklärte, wie sich die Startregion Westfalen-Lippe auf den Rollout des E-Rezeptes vorberietet hat und warum sich die KVWL entschloss, daran teilzunehmen.

Mitgestaltung des Projektes E-Rezept

Laut Scholz war die Intention der KVWL den Transformationsprozess hin zur digitalen Verordnung in Praxen und auch Apotheken behutsam zu begleiten. Das gehe besser durch einen regionalen Bezug. Durch die freiwillige Teilnahme sollte mehr Awareness, Akzeptanz und Bereitschaft für das E-Rezept geschaffen werden. Ziel ist es außerdem, das „multidimensionale Monsterprojekt“, wie Scholz es nennt, mitzugestalten und für Prozesse in Praxen und Apotheken zu optimieren.

Vorbereitung und Support

Im Vorfeld stellte die KVWL daher ein E-Rezept-Team zusammen, das eng mit dem Apothekerverband und der Apothekerkammer Westfalen-Lippe zusammenarbeitete. Es wurden potenzielle Interessenten ausgewählt und sogenannte Cluster aus teilnehmenden Praxen und Apotheken gebildet. Mit Erstinformationen, Checklisten und Vor-Ort-Besuchen mit E-Rezept-Checkup wurden die Teilnehmer in der Vorbereitung unterstützt. Zudem wurde ein „1st-Level-Support“ aufgebaut, der bei Problemen kontaktiert werden kann. Erst im zweiten Schritt können die Hersteller der Praxisverwaltungssysteme (PVS) und die gematik einbezogen werden.

Scholz betonte die Wichtigkeit einer umfangreichen, deutschlandweiten Kommunikationsstruktur, die die gematik, Apothekerverbände und -kammern, das BMG, PVS- und Apothekenverwaltungssystem (AVS)-Hersteller sowie Krankenkassen und (zahn)ärztliche Vereinigungen auf Landes und Bundesebene einschließt.

Evalutation

Neben der wissenschaftlichen Evaluation der gematik, die kürzlich startete, führt die KVWL eine eigene, individuelle Befragung der Rollout-Praxen durch. Zudem werde eine Strichliste für Rückläufer aus der Apotheke geführt. Im Rahmen virtueller Meetings der KVWL mit PVS-Anbietern und Softwarehäusern werden regelmäßig Feedback zu Prozessen, Problemen und Best Practice Abläufen besprochen. Auch der Austausch über das Ticketsystem der gematik ist möglich.

Aktuelle Probleme

Scholz erklärte, dass die Systeme grundsätzlich gut funktionierten und Fehler oftmals in der Interoperabilität lägen. Teilweise unterstützten die Primärsysteme die Workflows noch nicht ausreichend. Probleme träten außerdem auf, wenn die Signatur des Rezepts nicht mit dem Verordner übereinstimmt oder Ausstellungs- und Signaturdatum unterschiedlich seien. Gelegentlich würden einzelne Medikamente nicht auf einem E-Rezept-Ausdruck erscheinen. Bei Stornierungen elektronischer Verordnungen durch die Apotheke, wenn die Rezepte nicht anwendbar sind, ergäben sich „sperriger Workarounds“.

Positive Aspekte

Gelobt wurde die gute Kommunikationsstruktur und dass sich das Fehler-Management gut einspiele. Der Reifegrad des E-Rezept-Projektes nehme so stetig zu und in Bezug auf Best Practice Abläufe gewinne man zunehmend an Erfahrung. Die Zufriedenheit der Projektbeteiligten ist laut Scholz hoch.

Verbesserungswünsche

Für den Erfolg des E-Rezepts müssen nach Ansicht der KVWL zeitnah digitale Übertragungswege umgesetzt werden. Die Papierausdrucke seien mehr eine Krücke. In einem Positionspapier spricht sich die Vereinigung neben der App für eine Übertragung mit der elektronischen Gesundheitskarte (eGK), per KIM sowie SMS und E-Mail aus, wobei sie ersteren beiden die höchste Priorität zuordnet.

Zudem bestünden derzeit noch Lücken in der rechtlichen und technologischen Handlungssicherheit für Praxen und Apotheken, die beseitigt werden müssen.

Davon abgesehen sei eine bessere Information der Patienten nötig, da die Aufklärung derzeit vornehmlich in den Praxen stattfinde.

Erfahrungen aus der Praxis

Über die Erfahrungen bei der Nutzung des E-Rezeptes und der zugehörigen Anwendungen berichteten Dr. med. Peter Münster, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Münster, Andreas C. große Bockhorn, Allgemeinmediziner aus Altenberge und Apotheker Jan Harbecke aus Münster.

Einig war man sich über die Wichtigkeit der Clusterbildung. Die Kommunikation zwischen Praxis und Apotheke, aber auch mit dem Rollout-Team der KVWL sowie dem Support der gematik, können die Umsetzung elektronischer Verordnungen erleichtern und zur Optimierung der Prozesse beitragen.

Guter Support optimiert Prozess

Münster berichtete, dass er jeden Tag etwa 70 bis 150 E-Rezepte erstelle. Mittlerweile erhalte er kaum Fehlermeldungen. Am Anfang seien hauptsächlich Meldungen im Zusammenhang mit der Signatur aufgetreten. Auch große Bockhorn erklärte, der Ablauf funktioniere sehr reibungslos. Probleme, die auftraten, hätten auf kurzem Dienstweg per Chat, schnell gelöst werden können. Harbecke stimmte zu und erzählte, dass er die Erfahrung gemacht habe, dass Anfragen an den Ticketserver der gematik innerhalb von kürzester Zeit bearbeitet und gelöst wurden.

Überzeugung von Mitarbeitern und Kollegen

Als Hürde nannten die Beteiligten, Mitarbeiter und Kollegen von der Beteiligung am E-Rezept-Projekt zu überzeugen. Münster berichtete, dass sein Team zunächst nicht begeistert von der Umstellung der Prozesse gewesen wäre. Die Erleichterungen, die gerade im Bereich der Heimversorgung mit dem E-Rezept und der Direktzuweisung per KIM einhergingen, hätten jedoch überzeugt. Zunächst sei die Umstellung zwar mit mehr Arbeit verbunden, die Prozesse spielten sich aber ein.

Nicht nur die Mitarbeiter, auch andere Praxen und Apotheken zu überzeugen, sei nicht so einfach. Große Bockhorn berichtete von Apotheken, die sich gerne auf eine Zusammenarbeit einließen und anderen, die eher zurückhaltend waren. Er habe zudem den Eindruck habe, dass es bei den Apothekenverwaltungssystemen große Unterschiede bei der Fähigkeit zur Verarbeitung elektronischer Verordnungen gebe. Harbecke entgegnete, dass er die Unsicherheit seiner Apotheker-Kollegen verstehe, die Digitalisierung aber als notwendig ansehe. Der Wissensstand der Apotheken sei jedoch durch den hohen Workload im Rahmen der Corona-Pandemie sehr unterschiedlich, die Mitarbeiterressourcen begrenzt. Er wies zudem darauf hin, dass insbesondere die Einbindung des SecurePharm-Codes in den Abgabedatensatz der E-Rezepte eine Hürde in den Abläufen der Apotheken darstelle.

Hohe Bereitschaft der Patienten

Was Hartge zu Beginn erklärte, bestätigten die Praxiserfahrungen von Münster. Es seien viele Patienten gut darüber informiert, dass das E-Rezept existiere. Allerdings hätten die wenigsten konkrete Informationen, wie beispielsweise, dass sie eine NFC-fähige eGK mit PIN für die vollständige Nutzung der E-Rezept-App nötig ist. Laut große Bockhorn ist das Erhalten dieser Versichertenkarten bei manchen Krankenkassen nicht ganz einfach. Er wirbt mittlerweile massiv für das E-Rezept in seiner Praxis und klärt die Patienten gerne auf. Den Vorteil der elektronischen Verordnungen sieht er neben der erhöhten Arzneimitteltherapiesicherheit vor allem auch in einen verbesserten Service für Patienten. Die Digitalisierung kann beispielsweise ermöglichen, dass Patienten nicht für Wiederholungsrezepte in die Praxis kommen müssen. Er wünscht sich jedoch, dass dazu auch die Versichertenkarte den Praxen in Zukunft digital, nicht nur per Video, sondern auch über eine App zur Verfügung gestellt werden kann.

Kurzfristige Erweiterungen

In Naher Zukunft soll laut Hannes Neumann, Produktmanager E-Rezept der gematik, zunächst die Direktzuweisung und Zytostatika-Verordnung über KIM vollständig genutzt werden können. Noch ist die Funktion nicht überall implementiert und dadurch der Start der zugehörigen Pilotphase bisher unklar. Es sind jedoch bereits Erweiterungen geplant, wie die automatisierte Verarbeitung der Verordnungen durch die Primärsysteme, die eine Weiterverarbeitung erleichtern sollen.

Zudem habe die Umsetzung der E-Rezept-Funktion der eGK höchste Priorität. Es gelte die Umsetzungsart zu stärken, damit sie sicher ist.

Autor:
Stand:
27.10.2022
Quelle:

Gematik, Online-Veranstaltung „gematik digital: Rollout E-Rezept“, 19. Oktober 2022

 

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