Wiederherstellung des Gehörs: Erfolgreiche Gentherapie bei Otoferlin-Mutation

Bei der Mutation des OTOF-Gens gelang es zwei Forschungsgruppen, tauben Kindern zu helfen, wieder zu hören. Dieser entscheidende Fortschritt wurde mit Hilfe einer Gentherapie realisiert.

schwerhöriges Kind

Gentherapie bei Otoferlin-Mutation

Die Mutation des OTOF-Gens, die zu einer angeborenen Schwerhörigkeit bis hin zur Gehörlosigkeit führt, ist selten. Sie betrifft weltweit nur etwa 200.000 Menschen. Durch die Mutation wird die Bildung des Otoferlin-Proteins in den Sinneszellen des Innenohrs verhindert. Dadurch ist die Weiterleitung von Schallsignalen von den Haarzellen an den Hörnerv gestört. Bisher gab es für diese Erkrankung keine Heilung. Zwei Forschungsgruppen ist es nun jedoch gelungen, durch eine Gentherapie das mutierte Otoferlin-Gen durch ein funktionierendes Gen zu ersetzen! 

Grundlage: Mäuse mit Gendefekt konnten durch Therapie wieder hören

Die Basis für diese neuartige Therapie legten experimentelle Studien an Mausmodellen durch die Arbeitsgruppe um Frau Prof. Dr. Ellen Reisinger, Forschungsgruppenleiterin für Grundlagenforschung und experimentelle Arbeiten der Tübinger Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde.

Ihnen gelang es, das OTOF-Gen, welches den Bauplan für das Otoferlin-Protein enthält, in die Sinneszellen des Innenohrs einzuschleusen. Dadurch konnten die Mäuse wieder hören!

Eine Schwierigkeit bei dieser Therapie stellt die Größe des OTOF-Gens dar. So passt es nicht in ein normales Adeno-assoziiertes Virus. Diese werden häufig als Genfähren genutzt. Die Forscher entschieden daher, das intakte Austauschgen auf zwei Adeno-assoziierte Viren aufzuteilen-was gelang!

Evaluation der Gentherapie in klinischen Studien

Auf diese Forschungsergebnisse aufbauend, testeten eine chinesische und eine amerikanische Arbeitsgruppe die OTOF-Gentherapie in klinischen Studien bei Kindern mit Otoferlin-Genmutation.

Zum ersten Mal war es gelungen, das Gehör eines tauben oder schwerhörigen Menschens durch eine Gentherapie zu verbessern!

Die Behandlung funktionierte sogar so gut, dass die vormals tauben Kinder Geräusche von rund 45 Dezibel hören konnten! Zum Vergleich: Ein Flüstern hat eine Lautstärke von rund 30dB, während normale Gespräche bei 50-60dB stattfinden.

Therapie muss früh genug begonnen werden

Ein entscheidender Faktor für diese Art der Behandlung ist das Alter der Betroffenen. 

Je jünger die Kinder sind, desto wahrscheinlich ist es, dass noch genügend intakte Zellen für eine erfolgreiche Gentherapie vorliegen.

Derzeit profitiert nur ein kleiner Teil der tauben Menschen von der Therapie

Trotz dieser ermutigenden Ergebnisse profitiert derzeit nur ein kleiner Teil der Menschen, die an einer erblich bedingten Taubheit leiden. Dies liegt daran, dass die Therapie speziell für die Mutation des OTOF-Gens entwickelt wurde. Wenn andere Gene betroffen sind, würde diese Gentherapie nicht helfen, erklärt Frau Prof. Reisinger.

Forscher streben Gentherapien auch für andere Gendefekte an

Bis die Gentherapie bei Betroffenen weiterer Formen der Schwerhörigkeit zur Verfügung steht, dauert noch. 

„Wir arbeiten in der Forschung intensiv daran, Gentherapien für weitere Formen der Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit zu entwickeln. Der Weg vom Labor zur klinischen Anwendung beträgt mehrere Jahre. Wir sind zuversichtlich, dass diese Translation auch für andere Gene gelingen wird.“ macht Frau Prof. Reisinger Hoffnung.

Ziel: Anwendung der Gentherapie in Patientenversorgung

Um vielen Betroffenen helfen zu können, ist das Ziel die Etablierung der Behandlung in der allgemeinen Patientenversorgung. Die notwendigen Schritte hierfür sind bereits erfolgt, wie Prof. Dr. Hubert Löwenheim, der ärztliche Direktor der Tübinger HNO-Universitätsklinik erklärt: „Die Überführung von Erkenntnissen aus dem Labor in eine klinische Studie ist ein entscheidender Schritt für die Translation von Forschungsergebnissen in die Patientenversorgung. Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, welches immense Potenzial die Gentherapie für die Neurootologie und die Behandlung von Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde hat.“ 

Autor:
Stand:
28.10.2024
Quelle:
  1. Pressemitteilung Universitätsklinikum für Hals-Nasen- und Ohrenheilkunde der Universitätsmedizin Tübingen vom 26.01.2024: Gentherapie verleiht schwerhörigen Kindern das Gehör. 

  2. Jun Lv et al. (2024): AAV1-hOTOF gene therapy for autosomal recessive deafness 9: a single-arm trial. The Lancet. DOI:  10.1016/S0140-6736(23)02874-X

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