Schichtarbeit: Risikofaktor für interpersonelle Gewalt?

Schichtarbeiter leiden unter Schlafunterbrechungen und Störungen ihrer zirkadianen Rhythmen. Persistierende Schlafdefizite steigern das Risiko für emotionale Ausbrüche und gewalttätigem Verhalten gegenüber ihrer Umwelt.

Schichtarbeit

Schichtarbeit und das Risiko interpersoneller Gewalt

Interpersonelle Gewalt ist die intentionale Anwendung von körperlicher Kraft oder Gewalt gegenüber anderen. Das Erleben von Gewalt innerhalb des Haushalts hat schädliche langanhaltende Folgen. Zwischen 17 und 39% der Population erlebt jedes Jahr physikalische interpersonelle Gewalt.

Zudem ist die interpersonelle Gewalt ein führender Grund für Todesfälle bei jungen Erwachsenen. Kindesmisshandlung betrifft etwa 8 von 1.000 Kindern, meist in Form von Vernachlässigung oder körperlicher Misshandlung.

Aufgrund der hohen Prävalenz der interpersonellen Gewalt ist es wichtig, die Risikofaktoren, die hierzu führen, zu verstehen. Einer dieser Risikofaktoren könnte Schichtarbeit sein. Über 25% der arbeitenden Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Amerika und 15-20% in Europa arbeitet im Schichtdienst. 7% machen regelmäßig Nachtdienste. Hierdurch haben die Betroffenen einen schlechteren Schlaf, höheren Stress und Belastungen bei Beziehungen mit Freunden und Familie. Dies könnte dazu führen, dass sie eher zu interpersoneller Gewalt neigen.

Schlechter Schlaf kann Gewalt fördern

Verschiedene Studien untersuchten die Beziehung zwischen Schlaf und Gewalt und zeigten unter anderem Assoziationen zwischen schlechtem Schlaf und hohem subjektivem Stress, Aggression und Feindseligkeit.

Weniger bekannt sind mögliche Effekte von einem gestörten zirkadianen Rhythmus und sozioökonomischem Status auf Gewalt und Ärger.

Review untersuchte Auswirkung von Schichtarbeit auf interpersonelle Gewalt

Daher setzte sich ein Review kürzlich zum Ziel die Auswirkungen von Schichtarbeit auf interpersonelle Gewalt zu evaluieren.

Schlafpathologien können Aggressionen fördern

Schichtarbeiter leiden insbesondere an einer reduzierten Schlafzeit, Schlafqualität und Insomniasymptomen. Schlafprobleme konnten direkt mit interpersonellen Konflikten und Aggressionen assoziiert werden. So zeigten Studien, dass Männer, die häusliche Gewalt ausübten, eher einen Schlafmangel hatten. Sie zeigten insbesondere nach einer Nacht mit schlechtem Schlaf erhöhte Aggressionen. Hierzu passend wird die Impulsivität durch Schlafentzug begünstigt.

Neben den obigen Schlafproblemen kann die Verschiebung der zirkadianen Schlafzeit zudem die Schlafarchitektur verändern. Es kommt zu einer Zunahme des Stadium 1 non-REM Schlafes, während das Stadium 2 und REM reduziert sind. Eine verminderte REM-Schlafdauer wurde in verschiedenen Studien mit beeinträchtigter Laune und emotionaler Dysregulation assoziiert.

Alkohol führt zu Schlafstörungen

Ein zusätzlicher Faktor, der zur Reduktion der REM-Schlafdauer bei Schichtarbeitern führt, ist Alkohol. Studien zeigten, dass etwa 90% der Schichtarbeiter Alkohol konsumieren. Eine mögliche Erklärung ist, dass sie der Annahme sind, dass dieser Schlaf induzieren würde. Hingegen führt Alkohol zwar zur Reduktion der Zeit bis zum Einschlafen, unterbricht den Schlaf jedoch in der zweiten Nachthälfte. Zudem fördert er eine Insomnie.

Eine Alkoholeinnahme birgt außerdem ein weiteres Risiko für gewalttätiges Verhalten: Alkohol kann das Aggressionslevel bei Schichtarbeitern erhöhen, indem er die inhibitorische Kontrolle reduziert und emotionale Reaktionen erhöht.

Interventionen zur Gewaltreduktion

Verschiedene Studien untersuchten die Wirksamkeit möglicher Interventionen gegen Gewalt. So konnten Maßnahmen, die zur Verbesserung des Schlafs und der zirkadianen Rhythmen führten, Ärger und Gewaltausbrüche reduzieren.

Beispiele hierfür sind Lichtexposition und das Erlauben von Nickerchen während der Schichten. Weitere Interventionen nutzten den Gebrauch von Melatonin und Informationen über Schlafhygiene.

Die Autoren der Übersichtsarbeit schlussfolgern, dass Bemühungen erfolgen sollten, Schlafunterbrechungen und Störungen des zirkadianen Rhythmus bei Schichtarbeit zu reduzieren, um so das Risiko für interpersonelle Gewalt zu reduzieren oder gar zu verhindern.

Autor:
Stand:
12.12.2023
Quelle:

Flinn et al (2023): Associations between sleep and circadian disruption in shift work and perpetration of interpersonal violence. Frontiers in Sleep. DOI: https://doi.org/10.3389/frsle.2023.1220056

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