Wirksamkeit der Radiotherapie bei wachsenden Vestibularisschwannomen

Das Vestibularisschwannom wächst in der Regel langsam. Bei stärkerem Wachstum sind Therapieentscheidungen komplex. Eine neue internationale Kohorte liefert belastbare Daten zur Wirksamkeit der Radiotherapie bei wachstumsaktiven Tumoren.

Vestibularisschwannom

Lebenszeitprävalenz Akustikusneurinom liegt bei 1:500 bei über 70-Jährigen

Das Akustikusneurinom (Vestibularisschwannom) ist ein benigner Tumor der Schwann-Zellen des Nervus vestibulocochlearis. Die geschätzte Lebenszeitprävalenz beträgt 1:500 bei Menschen, die älter als 70 Jahre sind. Als Symptome treten typischerweise eine Hörminderung, Tinnitus und Schwindel auf. In der Regel wachsen die Vestibularisschwannome langsam mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 1 mm pro Jahr. Die derzeit genutzten Therapien sind die aktive Überwachung, Radiotherapie oder chirurgische Entfernung. Die aktive Überwachung kommt insbesondere für kleine bis mittelgroße Tumoren in Frage.

Wachstumskontrollrate als Parameter für Therapieerfolg bei Radiotherapie

Diese Tumorgrößen eignen sich auch für die Radiotherapie. Diese wird entweder als Single-Fraction oder fraktionierte stereotaktische Radiotherapie durchgeführt. Studien zeigten für diese Therapieform Tumorwachstumskontrollraten, die größer als 95 % sind. Allerdings wiesen diese Untersuchungen Limitationen auf. So unterschieden sie in der Regel nicht zwischen radiologisch stabilen oder radiologisch wachsenden Tumoren vor der Aufnahme der Radiotherapie. Die hohen Kontrollraten könnten also auf einem hohen Prozentsatzes radiologisch stabiler Tumoren in den untersuchten Kohorten basieren.

Studie untersuchte Wachstumskontrollrate bei Radiotherapie bei wachsenden Akustikusneurinomen

Diese Limitation zu überwinden setzte sich eine aktuelle Studie zum Ziel, indem sie sich auf radiologisch nachgewiesene aktiv wachsende Tumore fokussierte. Bei diesen untersuchten die Forscher die Langzeit-Tumorkontrollraten nach primärer Radiotherapie. In dieser internationalen, multizentrischen Kohortenstudie wurden prospektiv erhobene Daten von 1.883 Patienten mit unilateralem, radiologisch wachsendem Vestibularisschwannom ausgewertet. Die meisten Tumore waren extrakanalikulär lokalisiert (86,9 %). Die mediane Größe lag vor der Behandlung bei 14 mm.

Die Intervention bestand in einer primären Radiotherapie - ohne vorherige Operation. Das primäre Endpunktkriterium war definiert als „Therapieversagen“ – einem Anstieg vom intrakraniellen Tumordurchmesser von > 3 mm innerhalb der ersten zwei Jahre post-Radiotherapie bzw. > 2mm danach. Sekundäre Endpunkte beinhalteten alternative Wachstumskriterien (z. B. ≥ 2 mm Anstieg) sowie eine Konversion zur Operation.

10-Jahres Tumorkontrollrate lag bei 76,1 %

Mit dem primären Definitionskriterium ergab sich eine geschätzte 10-Jahres-Tumorkontrollrate von 76,1 %. Damit bewegt sich die Wirksamkeit der Radiotherapie im Rahmen früherer kleinerer Studien, zeigt jedoch erstmals eine robuste Evidenz für die spezielle Patientengruppe von aktiv wachsenden Akustikusneurinomen. Wenn man die Konversion zur Operation als Therapieversagen definierte, lag die Tumorkontrollrate bei 92,6 %.

Therapieversagen war nicht mit Tumorgröße oder -lokalisation assoziiert

Interessanterweise waren weder die Tumorgröße vor Behandlung noch die Tumorlokalisation (intrakanalikulär vs. extrakanalikulär) signifikant mit dem Therapieversagen assoziiert. Das spricht dafür, dass sich die Radiotherapie unabhängig von der Lokalisation und Ausgangsgröße für Akustikusneurinome eignet.

Tumore, die wuchsen, taten dies meist innerhalb der ersten zwei Jahre

Zudem sahen die Forscher, dass die Tumorkontrollraten sich im Laufe der Zeit stabilisierten. Dies war unabhängig von der genutzten Definition der Tumorprogression. Weiterhin beobachteten die Wissenschaftler, dass die Tumore, die sich um mindestens 3 mm vergrößerten, dazu tendierten, dies innerhalb der ersten zwei Jahren nach der Radiotherapie zu tun. Von diesen Tumoren, die früh wuchsen (> 3 mm innerhalb von zwei Jahren), zeigten nur 6,6 % eine weitere Progression (> 2mm) über drei Jahre hinaus. Dieses frühe Tumorwachstum kann entweder eine echte radiologische Progression darstellen oder eine Pseudoprogression, also eine vorübergehende Vergrößerung des Tumors aufgrund einer postradiotherapeutischen Entzündung. Dazu passend zeigten nur wenige Tumoren eine Progression, die dann eine Salvage-Operation notwendig machte.

Bedeutung der Studie für die Klinik

In der Praxis kann die Studie dazu beitragen, Behandlungsentscheidungen zu treffen. Die Radiotherapie erscheint als valide Option mit soliden langfristigen Ergebnissen. Dennoch ist eine individuelle Bewertung notwendig, insbesondere hinsichtlich Hör- und Nervenfunktion, Patientenpräferenz und Komorbiditäten.

Quelle:

Sethi et al. (2025): Radiotherapy for Growing Vestibular Schwannomas. JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery.  doi:10.1001/jamaoto.2025.1953.  

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