Hintergrund
Eine großangelegte US-amerikanische Kohortenstudie deutetet darauf hin, dass eine SARS-CoV-2-Infektion während der Schwangerschaft das Risiko für eine Reihe von neurologischen Entwicklungsstörungen bei den männlichen Nachkommen erhöht. Dazu zählten Störungen der Motorik, Kommunikation und Autismus-Spektrum-Erkrankungen. Bei Mädchen war kein signifikanter Zusammenhang feststellbar. Die Ergebnisse der Studie sind in der medizinischen Open-Access-Zeitschrift „JAMA Network Open“ erschienen [1].
Daten von mehr als 18.000 Kindern ausgewertet
Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Forschern des Massachusetts General Hospital (MGH) analysierte retrospektive Gesundheitsdaten von 18.355 Kindern, die zwischen dem 1. März 2020 und 31. Mai 2021 in acht Krankenhäusern in Ost-Massachusetts, USA, geboren wurden. Unter den Teilnehmenden wiesen 883 (4,8%) eine SARS-CoV-2-Exposition während der Schwangerschaft auf. Deren Daten wurden mit zwei Kontrollgruppen verglichen: einmal mit Kindern, die vor der Pandemie zur Welt kamen und einmal mit Kindern, die während der Pandemie aufwuchsen, aber vor der mütterlichen Infektion geboren wurden.
Söhne von SARS-CoV-2-positiven Müttern haben höheres Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen als Mädchen
Von den 883 SARS-CoV-2-exponierten Kindern entwickelten 26 (2,9%) in den ersten zwölf Lebensmonaten eine frühkindliche Entwicklungsstörung. Bei den Kindern nicht infizierter Mütter erhielten 317 (1,8 %) eine solche Diagnose.
Nachdem Faktoren wie Rasse, ethnischer Hintergrund, Versicherungsstatus, Art des Krankenhauses (akademisches Zentrum vs. Gemeinde), mütterliches Alter und Frühgeburt berücksichtigt wurden, ergab sich eine fast doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit (adjustierte Odds ratio [OR] 1,94, 95%-Konfidenzintervall [95%-KI] 1,12-3,17) für eine gestörte neurologische Entwicklung bei Söhnen von Müttern, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, im Vergleich zu Jungen von nicht-infizierten Frauen. Nach 18 Monaten war die Erkrankungswahrscheinlichkeit noch um 42% erhöht. Bei Töchtern war dieser Zusammenhang nicht feststellbar. Ihr Risiko war mit 0,89 sogar leicht verringert.
Da zu wenige der Mütter geimpft waren, konnte nicht ermittelt werden, ob eine Covid-19-Impfung das Risiko verändert.
Fazit
„Das neurologische Entwicklungsrisiko, das mit einer mütterlichen SARS-CoV-2-Infektion verbunden ist, war bei männlichen Säuglingen unverhältnismäßig hoch, was der bekannten erhöhten Anfälligkeit von Männern bei pränatalen ungünstigen Expositionen entspricht“, sagt Co-Autorin Andrea Edlow, außerordentliche Professorin für Geburtshilfe, Gynäkologie und reproduktive Biologie sowie Maternal-Fetal-Medizin-Spezialistin am MGH, in einer Pressemitteilung der Klinik.
Mit-Autor Roy Perlis, stellvertretender Leiter der Forschung in der Abteilung für Psychiatrie und Leiter des Zentrums für quantitative Gesundheit am MGH, merkt den Bedarf an größeren Studien mit längeren Nachbeobachtungszeiten an. „Wir hoffen, diese Kohorte auszubauen und sie im Laufe der Zeit weiter zu verfolgen, um bessere Antworten auf mögliche langfristige Auswirkungen zu liefern“, so Perlis.









