SARS-CoV-2 bleibt evolutionär aktiv: Neue Herausforderungen für die Impfstoffstrategie
Seit Beginn der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 haben sich SARS-CoV-2-Varianten stetig weiterentwickelt – ein typisches Merkmal von RNA-Viren. Insbesondere Mutationen im Spike-Protein begünstigen Immunfluchtmechanismen und steigern die virale Fitness. Während zugelassene Impfstoffe weiterhin Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bieten, ist zunehmend zu beobachten, dass dieser Schutz mit größerer antigenischer Distanz der Virusvarianten abnimmt.
Aktuelle epidemiologische Daten zeigen, dass neue Subvarianten wie LP.8.1 – Teil der JN.1-abgeleiteten BA.2.86-Familie – eine wachsende Dominanz entwickeln. Sie zeichnen sich durch erhöhte Transmissibilität und ausgeprägte humorale Immunflucht aus, was bestehende Impfstoffkompositionen auf die Probe stellt.
Die LP.8.1-Variante im Fokus: Wachsende Dominanz und besondere Eigenschaften
Im Verlauf von 2024 und Anfang 2025 wurde zunächst die XEC-Variante prävalent, die sich als rekombinantes Produkt aus JN.1-Nachfahren (KS.1.1 und KP.3.3) etablierte. Seit Februar 2025 zeigt jedoch die LP.8.1-Variante ein rasantes Wachstum und dominiert inzwischen in vielen Regionen weltweit – unter anderem in den USA und zunehmend auch in Europa.
LP.8.1 weist sechs zusätzliche Spike-Mutationen im Vergleich zu XEC auf, was zu einer stärkeren Bindungsaffinität an den ACE2-Rezeptor und damit zu höherer Übertragbarkeit führt. Gleichzeitig zeigt LP.8.1 eine signifikant gesteigerte Immunflucht gegenüber zuvor eingesetzten Impfstoffantigenen. Damit rückt sie ins Zentrum aktueller regulatorischer und wissenschaftlicher Bewertungen.
EMA bewertet aktuelle Impfstoffe: Effektivität gegen neue Subvarianten
In der Bewertung der EMA wurden zahlreiche Datenquellen berücksichtigt – von Kohortenstudien über tierexperimentelle Daten bis hin zur antigenischen Kartierung. Die aktuellen mRNA-Impfstoffe auf Basis von JN.1 und KP.2 bieten weiterhin Schutz vor schweren Verläufen, wie unter anderem eine große dänische Registerstudie belegt.
Dennoch zeigen neutralisierende Antikörpertiter eine Reduktion (2- bis 3-fach) gegenüber neueren Varianten wie LP.8.1, XEC und LF.7.2.1.
Während KP.2 gegenüber JN.1 eine etwas breitere Antikörperantwort erzeugt, sind diese Unterschiede klinisch bislang schwer zu interpretieren. Experimentelle Impfstoffe, die spezifisch auf LP.8.1 oder LF.7 angepasst wurden, induzieren – erwartungsgemäß – eine robuste Neutralisation gegen homologe und verwandte Stämme der JN.1-Familie.
EMA-Empfehlung: LP.8.1 als Zielvariante für kommende Impfstoffe
Auf Grundlage dieser Daten empfiehlt die Emergency Task Force (ETF) der EMA die gezielte Anpassung künftiger COVID-19-Impfstoffe an die LP.8.1-Variante. Dieser Schritt soll eine möglichst breite Kreuzreaktivität gegenüber derzeit zirkulierenden sowie neuen immunflüchtigen Varianten ermöglichen. Alternativ können auch Impfstoffe gegen andere JN.1-Nachfahren verwendet werden, sofern eine ausreichende Begründung vorliegt.
Im Rahmen des vereinfachten Zulassungsverfahrens können Hersteller auf bestehende Qualitäts- und nicht-klinische Daten zurückgreifen, sofern die Immunogenitätsprofile vorangegangener Impfstoffversionen als prädiktiv anerkannt sind. Bis LP.8.1-basierte Impfstoffe breit verfügbar sind, können weiterhin JN.1- oder KP.2-haltige Impfstoffe in den Kampagnen 2025 zum Einsatz kommen.
Ausblick: Implikationen für klinische Praxis und künftige Forschung
Die Empfehlung zur LP.8.1-Anpassung unterstreicht die wachsende Bedeutung kontinuierlicher Surveillance, antigenischer Kartierung und adaptiver Impfstoffentwicklung. Zwar bieten bestehende Impfstoffe weiterhin Schutz vor schweren Verläufen, jedoch könnte eine zielgerichtete Anpassung die Effektivität in Bezug auf Infektionsprävention und Transmission verbessern.
Für die klinische Praxis bedeutet dies eine potenzielle Umstellung der Impfstoffauswahl für die Wintersaison 2025/26. Darüber hinaus ist eine systematische Erfassung der Wirksamkeit und Immunogenität nach Zulassung erforderlich, um künftige Updates evidenzbasiert zu gestalten.
Die Entwicklung bleibt dynamisch – auch neue Subvarianten wie LF.7.2.1 oder NP.1 könnten mittelfristig relevant werden. Weitere Forschung zur evolutionären Fitness, zur Kreuzimmunität sowie zur Dauer des Impfschutzes ist notwendig, um die Impfstrategie langfristig stabil und wirksam zu halten.










