Geschlechtsspezifische Unterschiede bei kardiovaskulären Risikofaktoren

Die traditionellen Risikofaktoren für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass sie sich bei Frauen anders auswirken als bei Männern. Zudem erhöhen frauenspezifische Erkrankungen das Risiko zusätzlich.

Junge Frau mit Brustschmerzen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) sind weltweit die Hauptursache für die Sterblichkeit und den vorzeitigen Tod bei Frauen. Trotz erheblicher Anstrengungen zur Eindämmung von CVD stirbt weiterhin jede dritte Frau an einer solchen Krankheit und die Zahlen steigen weiter. Die Entwicklung von CVD bei Frauen wird zusätzlich durch Unterschiede in den traditionellen kardiovaskulären Risikofaktoren, das Vorhandensein frauenspezifischer Risikofaktoren und die bei Frauen vorherrschenden Hochrisikokrankheiten beeinflusst.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei traditionellen Risikofaktoren

Bei Frauen und Männer finden sich zwar die gleichen traditionellen Risikofaktoren, doch ist die relative Auswirkung dieser unterschiedlich. Dies ist zum Teil auf biologische Geschlechtsunterschiede und zum Teil auf unterschiedliche Verhaltensweisen zurückzuführen. So ist z.B. bei Frauen mit Diabetes und Bluthochdruck das Risiko eine CVD zu entwickeln höher als bei Männern.

Auch bei Raucherinnen konnte gezeigt werden, dass das Risiko eine CVD zu entwickeln um ca. 25% höher ist als bei männlichen Rauchern. Orale Kontrazeptiva erhöhen dieses Risiko weiter. Ähnliches findet sich z.B. bei Übergewicht. Übergewichtige Frauen haben ein um 64% erhöhtes Risiko eine koronare Herzerkrankung (KHK) zu entwickeln; bei übergewichtigen Männern liegt dieses Risiko bei 46%.

Der Einfluss hormoneller Faktoren

Durch den monatlichen Zyklus liegt bei Frauen eine andere hormonelle Situation vor als bei Männern. Studien konnten zeigen, dass beispielsweise eine frühe Menarche (<12 Jahre) ein erhöhtes Risiko für CVD und auch für das metabolische Syndrom und Diabetes nach sich zieht. Auch eine frühe Menopause (<45 Jahre) wird mit einem erhöhten Risiko für CVD in Verbindung gebracht. Man vermutet hier als Ursache den Abfall von endogenen Östrogenen und den Anstieg von Androgenen.

Ein erhöhtes Risiko für CVD fand sich ebenfalls bei Frauen, die am polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS) leiden. Sie weisen zudem ein erhöhtes Risiko für das metabolischen Syndrom, Typ-2-Diabetes, Hypertonie und Dyslipidämie auf. Es wird davon ausgegangen, dass die Hyperandrogenämie bei PCOS die Insulinresistenz begünstigt und das Risiko für Atherosklerose erhöht. Betroffene Frauen sollten einen gesunden Lebensstil pflegen, ihren Blutdruck und die Blutfettwerte überwachen, Übergewicht vorbeugen bzw. reduzieren und gegebenenfalls Metformin bzw. GLP-1-Rezeptor-Agonisten einnehmen.

Ebenso werden assistierte Reproduktionstechnologien (ART) mit einem erhöhten Risiko für CVD in Verbindung gebracht. Dies ist wahrscheinlich auf die höhere Prävalenz bekannter kardiovaskulärer Risikofaktoren bei Frauen mit Unfruchtbarkeit zurückzuführen, wie z.B. fortgeschrittenes mütterliches Alter, chronischer Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas und PCOS. Jedoch sind die genauen Zusammenhänge bisher nicht vollständig verstanden. Eine Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse und der daraus resultierende Östrogenmangel werden hier unter anderem diskutiert.

Weitere Risikofaktoren bei Frauen

Autoimmunerkrankungen, wie systemischer Lupus erythematodes und rheumatische Arthritis, treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Auch diese Erkrankungen zählen zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer CVD. Die höheren systemischen Entzündungswerte begünstigen endotheliale Dysfunktion, arterielle Steifigkeit, vorzeitige Atherosklerose, koronare mikrovaskuläre Dysfunktion und fortgeschrittene Plaque-Instabilität.

Eine weitere Erkrankung, die bei Frauen häufiger auftritt und CVD begünstigt, ist die Migräne. So ist beispielsweise das Risiko eines ischämischen Schlaganfalls oder eines kardiovaskulären Todes bei Patienten mit Migräne und visuellen Auren mindestens zweifach erhöht. Rauchen und kombinierte hormonelle Kontrazeptiva erhöhen das Risiko weiter.

Psychologische Faktoren, sowohl positive als auch negative, beeinflussen das CVD-Risiko und unterstreichen die Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper. Depressionen treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Depression und koronarer Herzkrankheit (KHK) bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei traditionellen Risikofaktoren. Eine spezifische Studie zu KHK-Patienten zeigte, dass ein erhöhter psychischer Stress insbesondere bei Frauen, nicht jedoch bei Männern, mit einem gesteigerten CVD-Risiko korreliert.

Autor:
Stand:
10.10.2023
Quelle:

Rajendran et al. (2023): Sex-specific differences in cardiovascular risk factors and implications for cardiovascular disease prevention in women. Atherosclerosis, DOI: 10.1016/j.atherosclerosis.2023.117269.

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