Koronare Herzkrankheit bleibt diagnostische Herausforderung
Die koronare Herzkrankheit (KHK) zählt zu den häufigsten kardiovaskulären Erkrankungen in industrialisierten Ländern. In Deutschland sind schätzungsweise über 5 Millionen Menschen betroffen [2]. Diagnostische Standards wie Belastungs-EKG, Koronar-CT, Stressechokardiografie oder koronare Angiografie dienen der Risikostratifizierung und Therapieentscheidung. Jedoch sind diese Verfahren teilweise invasiv, ressourcenintensiv oder mit Strahlenbelastung verbunden. Der Bedarf an weniger belastenden, nicht-invasiven Alternativen für die KHK-Diagnostik ist entsprechend hoch.
Vor diesem Hintergrund wurde die Phonokardiografie als potenziell neues Verfahren zur Früherkennung diskutiert. Dabei werden mittels eines speziellen Mikrofons strömungsbedingte Herzgeräusche aufgenommen, die bei verengten Koronargefäßen entstehen können. Der daraus berechnete Score soll zur Einschätzung des individuellen KHK-Risikos dienen. Doch hält die Methode, was sie verspricht?
IQWiG bewertet Nutzen der Phonokardiografie beim KHK-Ausschluss
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) untersuchte im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), ob die Phonokardiografie zur Ausschlussdiagnostik bei KHK einen Zusatznutzen bietet. Grundlage war unter anderem die dänisch-schwedische FILTER-SCAD-Studie [1], in der über 2000 Erwachsene mit Brustschmerzen und intermediärem KHK-Risiko untersucht wurden.
Ziel war es herauszufinden, ob eine nach der Basisdiagnostik eingesetzte Phonokardiografie dazu beitragen kann, belastende Folgediagnostik zu vermeiden, ohne die diagnostische Sicherheit zu gefährden.
Keine Reduktion von Folgediagnostik – trotz Einsatz der Phonokardiografie
Die Ergebnisse der FILTER-SCAD-Studie zeigten: Unabhängig davon, ob eine Phonokardiografie durchgeführt wurde, entschieden sich Ärzte in ähnlich hohem Maße für weiterführende Diagnostik. Die Untersuchung konnte somit keinen substanziellen Beitrag zur Reduktion nachfolgender Verfahren wie Koronar-CT, kardialem MRT oder Belastungsuntersuchungen leisten.
Diagnostische Güte nicht ausreichend für Ausschlussdiagnostik
Ein zentrales Kriterium für den Ausschluss einer ernsthaften Erkrankung wie der KHK ist eine hohe Sensitivität. Ein Wert über 95 % gilt als notwendig, um klinisch relevante Sicherheit zu gewährleisten. In einer zweiten, vom IQWiG berücksichtigten Studie, der prospektiven Querschnittsstudie Dan-NICAD 2, lag die Sensitivität der Phonokardiografie jedoch unter diesem Schwellenwert – konkret unter 90 %. Das bedeutet: Bei über 10 % der untersuchten Personen wurde eine KHK nicht erkannt. Dieses diagnostische Risiko ist aus Sicht des IQWiG nicht vertretbar, um die Phonokardiografie als verlässlichen Triage-Test zur sicheren Ausschlussdiagnose einer stenosierenden KHK einzusetzen.
Keine Empfehlung für die Regelversorgung
Bereits 2019 hatte das IQWiG dem Verfahren in einer Potenzialbewertung attestiert, dass weitere Studien zur Wirksamkeit notwendig seien. Da die FILTER-SCAD-Studie diese Evidenzbasis nun erweitert hat, entfiel eine Erprobungsstudie in Deutschland. Die aktuelle Nutzenbewertung kommt nun zu dem Schluss, dass die Phonokardiografie keinen belegbaren Nutzen für den Ausschluss einer KHK bietet. Der Abschluss des Verfahrens durch den G-BA steht noch aus.
Einordnung und Ausblick: Erkenntnisgewinn trotz negativem Ergebnis
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass innovative Diagnostikmethoden auch dann kritisch geprüft werden müssen, wenn sie technisch vielversprechend erscheinen. Die Bewertung der Phonokardiografie unterstreicht, wie wichtig eine hohe Sensitivität für Ausschlussdiagnosen ist – gerade bei potenziell lebensbedrohlichen Erkrankungen wie der KHK. Auch wenn die Methode vorerst keinen Eingang in die Regelversorgung findet, zeigt das Verfahren beispielhaft, wie durch strukturierte Nutzenbewertungen Fehlallokationen vermieden und Patientensicherheit gewährleistet werden können.
Für die Zukunft bleibt die Suche nach nicht-invasiven, verlässlichen Alternativen zur KHK-Diagnostik weiterhin ein bedeutendes Ziel der kardiologischen Forschung.








