Chronische Schmerzen: Volkskrankheit mit strukturellem Versorgungsdefizit
Mit einer klaren gesundheitspolitischen Positionierung ist die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS) in ihren Jahreskongress in Frankfurt gestartet. Im Rahmen der Auftakt‑Pressekonferenz machten DGS‑Präsident Dr. Richard Ibrahim und Kongresspräsident Dr. Carsten Brau auf die weiterhin unzureichende Versorgung chronisch schmerzkranker Menschen in Deutschland aufmerksam.
Rund 23 Millionen Menschen leiden hierzulande unter chronischen Schmerzen, etwa vier Millionen davon unter schweren, komplexen Schmerzerkrankungen. Trotz dieser hohen Prävalenz werde die Schmerzmedizin in bestehenden Versorgungsstrukturen und aktuellen Reformvorhaben bislang nur randständig berücksichtigt. Die DGS sprach in diesem Zusammenhang von einer nicht länger tragbaren Unterversorgung.
Krankenhausreform: Schmerzmedizin strukturell übergangen
Besondere Kritik äußerte die DGS an der aktuellen Krankenhausstrukturreform. In den vorgesehenen Leistungsgruppen finde die Schmerzmedizin kaum Berücksichtigung – mit potenziell gravierenden Folgen für bestehende Versorgungsangebote. Insbesondere spezialisierte Einrichtungen könnten dadurch unter erheblichen wirtschaftlichen und strukturellen Druck geraten.
Aus Sicht der Fachgesellschaft besteht die Gefahr, dass eine große und besonders vulnerable Patientengruppe weiter an den Rand des Versorgungssystems gedrängt wird.
Forderung nach einem eigenständigen Facharzt für Schmerzmedizin
Vor diesem Hintergrund bekräftigte die DGS ihre zentrale Forderung nach der Einführung eines eigenständigen Facharztes für Schmerzmedizin. Die bislang bestehende Zusatzweiterbildung reiche angesichts der zunehmenden Komplexität chronischer Schmerzerkrankungen nicht mehr aus, um Ausbildung, Versorgungsplanung und Qualitätssicherung adäquat abzubilden.
Ein Facharztstatus sei Voraussetzung für strukturierte Weiterbildungswege, eine bedarfsgerechte Versorgungsplanung sowie eine gezielte Nachwuchsförderung – sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.
Interdisziplinarität als Grundprinzip moderner Schmerzmedizin
Ein weiterer Schwerpunkt der Pressekonferenz war die konsequent interdisziplinäre Ausrichtung moderner Schmerztherapie. Chronische Schmerzen seien keine monokausale Erkrankung, sondern stets im biopsychosozialen Kontext zu betrachten. Entsprechend müssten konservative, physiotherapeutische, psychologische und – bei Bedarf – invasive Verfahren sinnvoll miteinander kombiniert werden.
Die DGS setzt hierbei verstärkt auf strukturierte, qualitätsgesicherte Versorgungskonzepte, die unterschiedliche therapeutische Ansätze bündeln und patientenzentriert ausrichten. Ziel sei es, fachliche Vorurteile zwischen einzelnen Disziplinen abzubauen und Behandlungspfade klar zu definieren.
Strukturaufbau: Landeszentren als gesundheitspolitische Schnittstellen
Kern der strategischen Neuausrichtung ist ein bundesweiter Strukturaufbau über Landes‑ und Regionalzentren. In den vergangenen Monaten wurden zahlreiche neue Zentren gegründet; nahezu alle Bundesländer sind inzwischen angebunden oder stehen kurz vor der Implementierung.
Diese föderale Struktur soll nicht nur die Versorgung vor Ort verbessern, sondern auch den gesundheitspolitischen Dialog mit Ärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen stärken. Gesundheitspolitik werde in Deutschland maßgeblich auf Länderebene umgesetzt – entsprechend müsse die Schmerzmedizin dort sichtbar und ansprechbar sein.
Nachwuchs fördern, Versorgung sichern
Angesichts veränderter demografischer Entwicklungen unter Ärzten und Therapeuten misst die DGS der Nachwuchsförderung besondere Bedeutung bei. Interdisziplinäre Teamarbeit, komplexe Krankheitsbilder und moderne Therapiekonzepte könnten junge Ärzte für das Fach gewinnen und langfristig zur Sicherung der Versorgung beitragen.
Formate wie die „Young Pain Professionals“ sollen gezielt Plattformen für Austausch, Qualifikation und berufliche Orientierung bieten.






