Chronische postoperative Schmerzen vermeiden
Nach einem chirurgischen Eingriff entwickeln etwa 10% der Patienten moderate bis starke chronische Schmerzen (chronic postsurgical pain [CPSP]), die die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen und das Gesundheitssystem belasten. Ein neue Versorgungsform der Transitional Pain Service (TPS), der die Patienten auf die Operation vorbereitet und ihre analgetische Versorgung stationär sowie bis zu 6 Monate nach der Entlassung aus dem Krankenhaus koordiniert, soll die Entstehung von CPSP bei Risikopatienten vermeiden.
Im Rahmen des vom Innovationsausschuss des Gemeinsamer Bundesausschuss geförderten Projektes „Prävention operationsbedingter anhaltender Schmerzen durch Einführung eines perioperativen TPS (POET)-Pain“ wird die neue Versorgungsform noch bis zum 31.07.2024 untersucht. Auf dem Deutschen Schmerzkongress 2023 beleuchtete Katrin Merkle vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in ihrem Vortrag die Rolle des Arztes im perioperativen TPS und berichtete von ihren Erfahrungen als ärztliches Teammitglied.
Aufbau des TPS
Für den TPS kommen ausschließlich Patienten mit hohem Risiko für die Entwicklung von CPSP infrage. Im TPS wird ein Patient von einem Team von Fachkräften betreut, die jeweils einem von vier Modulen (Arzt/Ärztin, Pflege, Physiotherapie und Psychologie) angehören. Die Versorgung im TPS läuft in drei Phasen: der prästationären Phase, der postoperativen stationären Phase und der poststationären Phase. Kennzeichnend für den TPS ist die integrativ-interdisziplinäre Zusammenarbeit inklusive der Interaktion mit anderen Versorgern entsprechend dem biopsychosozialen Verständnis von Schmerz.
Rolle des Arztes
Der Transitional Pain Service ist eine Teamleistung, wie Merkle zu Anfang ihres Vortrags betonte. In der prästationären Phase erhebt der Arzt die ärztliche schmerzbezogene Anamnese mit dem Fokus auf Risikofaktoren für eine Schmerz-Chronifizierung und erarbeitet anhand dieser Informationen ein ärztliches Präventionskonzept für den stationären Aufenthalt. Darüber hinaus koordiniert er die Präventionsmaßnahmen des TPS und kommuniziert mit dem Operateur und dem Anästhesisten sowie ggf. mit dem vorbehandelnden Arzt. In jeder Phase des TPS findet ein reger Austausch der Teammitglieder in Teamsitzungen statt.
Versorgung in der Klinik und poststationär
In der stationären Phase sieht der TPS-Arzt den Patienten dreimal oder öfter. Dabei führt er eine schmerzbezogene Anamnese und Untersuchung durch. Die Präventionsmaßnahmen des gesamten Teams werden entsprechend dem individuellen postoperativen Verlauf des Patienten angepasst. Das ärztliche Teammitglied koordiniert dabei die Zusammenarbeit und ist für die Kommunikation mit dem Stationspersonal zuständig.
Vor der Entlassung führt der TPS-Arzt ein schmerzbezogenes Entlassungsgespräch mit dem Patienten, fertigt einen Zwischenbericht an und kommuniziert mit den Nachbehandelnden. Die poststationäre Betreuung besteht aus 1-3 Terminen, in denen der Arzt eine weitere Schmerzanamnese und -untersuchung durchführt und ggf. die medizinischen Prophylaxe- und Therapiemaßnahmen anpasst und koordiniert.
Zwischenstand bei POET-Pain
In die POET-Pain Studie wurden bislang insgesamt 1.810 Patienten aufgenommen. Die Risikopatienten wurden in eine Therapiegruppe und eine Risikokontrollgruppe randomisiert und darüber hinaus eine Kontrollgruppe mit Nicht-Risikopatienten gebildet. Nur die Therapiegruppe erhielt den TPS, alle anderen die Regelversorgung. Die Patienten werden in der laufenden Studie jeweils am 1., 3. und 7. Tag nach der Operation sowie im 1., 3. und 6. Monat nach Entlassung zu ihren Schmerzen befragt.
Erfahrungen mit TPS
Ihre bisherigen Erfahrungen als TPS-Ärztin beschrieb Merkle so: „Meine klinische Rolle war gar nicht so abweichend von dem, was ich als Akutschmerz-Dienstärztin oder Schmerztherapeutin kenne.“ Sie hob jedoch hervor, dass die Fragebögen des TPS eine systematische und detaillierte Anamnese sowie eine strukturierte Risikostratifizierung fördern. Als herausfordernd betrachtete sie den hohen koordinativen Aufwand des TPS, der jedoch auch darin begründet wäre, dass es noch keine etablierten Strukturen für diese Versorgungsform gäbe. Darüber hinaus war es schwierig die komplexe TPS-Behandlung zusätzlich zur Regelversorgung insbesondere bei „Kurzliegern“ umzusetzen.
Trotz der Probleme erklärte Merkle: „Wir als Team sind absolut überzeugt von dieser Versorgungsform!“ Die TPS wäre die erste angemessene Therapieform für Patienten mit hohem CPSP-Risko und für Schmerzpatienten, die sich einer Operation unterziehen müssen.







