Muskuloskelettale Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen für funktionelle Einschränkungen, Arbeitsausfälle und eine hohe Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung. Unklare Zuständigkeiten zwischen Primärversorgung und spezialisierter Versorgung können zu doppelter Diagnostik, verzögerten Zuweisungen und langen Wartelisten führen.
Auf dem diesjährigen EULAR-Kongress stellte Dr. Ligia Gabrie die Ergebnisse einer Längsschnittstudie zu einem integrierten Versorgungsmodell aus den Bereichen Rheumatologie und Primärversorgung vor. Im Fokus der Untersuchung stand die Frage, ob ein solches Modell die Versorgung muskuloskelettaler Beschwerden langfristig effizienter gestalten kann.
Rheumatologische Expertise in der Primärversorgung
Untersucht wurde die Musculoskeletal Pathology Unit (MSPU) am Universitätsklinikum Marqués de Valdecilla in Santander. Das 2010 eingeführte Modell verknüpft die Primärversorgung direkt mit rheumatologischer Expertise aus dem Krankenhaus. Ziel ist eine frühzeitige fachliche Einordnung, diagnostische Abklärung, gezielte Triage und koordinierte Weiterbetreuung von Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden.
Die vorgestellte Analyse umfasste alle Patienten, die zwischen Januar 2010 und Juni 2024 in der MSPU betreut wurden. Das Einzugsgebiet umfasste rund 315.000 Einwohner in 20 regionalen Versorgungsbereichen. Ausgewertet wurden anonymisierte elektronische Gesundheitsdaten sowie Daten aus der Krankenhausdokumentation.
Zentrale Endpunkte waren die Entwicklung der Wartezeiten und Wartelisten in den Fachbereichen Rheumatologie und Orthopädie, der Anteil abschließend in der Primärversorgung betreuter Fälle sowie die Verteilung der Überweisungen in spezialisierte Fachbereiche.
Primärärztliche Versorgung deckte viele Erstvorstellungen ab
Insgesamt wurden 86.720 Patientenkontakte erfasst, darunter 36.452 Erstvorstellungen sowie 50.268 Folgekontakte. Ein zentrales Ergebnis war der hohe Anteil an Fällen, die ohne Weiterleitung in die krankenhausbasierte Versorgung abgeschlossen werden konnten. Von den Erstvorstellungen wurden 23.437 Fälle vollständig innerhalb der Primärversorgung betreut (64,3 %).
Besonders häufig wurden Rückenschmerzen, periartikuläre Syndrome und degenerative Gelenkerkrankungen im primärärztlichen Setting abschließend versorgt. Dies ist für die Praxis relevant, da gerade diese Beschwerdebilder einen großen Teil der muskuloskelettalen Versorgung ausmachen und erhebliche Kapazitäten in spezialisierten Ambulanzen binden können.
Integriertes Modell entlastete Fachambulanzen langfristig
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Entwicklung der Wartezeiten. Laut den gezeigten Daten sank die mittlere Wartezeit für rheumatologische Konsultationen von 92 Tagen im Jahr 2010 auf 42 Tage im Jahr 2024, was einem Rückgang von 54,3 % entspricht. Die Abbildung zeigt zudem eine über den Studienzeitraum anhaltende Verringerung der Wartelisten in der Rheumatologie.
Auch in der Orthopädie zeigte sich eine deutliche Entlastung: Die Zahl der Patienten auf der Warteliste sank von 1.706 auf 119, was einer Reduktion um rund 90 % entsprach. Diese Entwicklung war besonders ausgeprägt in den ersten Jahren nach Einführung der MSPU und blieb anschließend auf einem deutlich niedrigeren Niveau.
Frühere Beurteilung ermöglichte gezielte Überweisungen
Bei den weiterüberwiesenen Patienten war die Rheumatologie der häufigste Zielbereich. Weitere Zuweisungen erfolgten vor allem in die Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie in die Orthopädie. Dies spricht für eine strukturierte Weiterleitung der Fälle, die innerhalb der Primärversorgung nicht abschließend betreut werden konnten.
Wie Dr. Gabrie hervorhob, liegt der klinische Nutzen dieses Modells in der Kombination aus früher Beurteilung, hoher Lösungskapazität in der Primärversorgung und gezielter Weiterleitung komplexerer Fälle. Dadurch können spezialisierte Ressourcen stärker für Patienten genutzt werden, die eine weiterführende fachärztliche Abklärung oder Behandlung benötigen.
Übertragbares Modell für öffentliche Gesundheitssysteme
Die vorgestellten Daten verdeutlichten, dass ein integriertes Modell aus Rheumatologie und Primärversorgung langfristig zu einer effizienteren Versorgung muskuloskelettaler Erkrankungen beitragen kann. Die MSPU könnte somit ein skalierbares Versorgungskonzept für öffentliche Gesundheitssysteme darstellen. Voraussetzung dafür ist, dass fachärztliche Expertise früh in die primärärztliche Versorgung eingebunden wird.












