Ausstellung der DGKJ: Medizinische Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit

Die Wanderausstellung der DGKJ zu medizinischen Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit wird aktuell in Regensburg präsentiert. Ergänzend ist sie nun auch als virtuelle Version verfügbar. Die Ausstellung beleuchtet die Rolle der Pädiatrie und regt zur ethischen Reflexion an.

NS-Verbrechen

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ) präsentiert eine aktualisierte Version ihrer Ausstellung unter dem Titel „Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“. Das Ziel der DGKJ ist es, die Rolle der Kinderärzte im Nationalsozialismus aufzuarbeiten, Verantwortung zu übernehmen und eine Erinnerungskultur in der Pädiatrie zu etablieren.

Ethik im Abgrund: Was die Ausstellung sichtbar macht

Die Ausstellung zeigt die Beteiligung von Kinderärzten an Menschenversuchen, Zwangssterilisationen, sogenannten „Euthanasie“-Maßnahmen sowie an der Diskriminierung kranker, behinderter oder als „lebensunwert“ eingestufter Kinder. Im Zentrum steht die Frage der berufsethischen und gesellschaftlichen Verantwortung im Übergang von Heilen zu Vernichten.

Seit ihrer erstmaligen Präsentation 2010 wurde die Ausstellung mehrfach erweitert und an zahlreichen Standorten in Deutschland gezeigt. Aktuell wird sie vom 23. November bis 14. Dezember jeweils an vier Sonntagen in der Galerie St. Klara in Regensburg gezeigt. Für Schulklassen werden gesonderte Führungen angeboten.

Systematische Verbrechen in der NS-Zeit

Im Mittelpunkt steht die gezielte Tötung von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund rassenideologischer Vorstellungen des NS-Regimes als „belastend“ oder „unerwünscht“ galten. Mehrere tausend Kinder und Jugendliche kamen in speziellen Kinderfachabteilungen ums Leben, die ausschließlich zur Durchführung dieser Tötungen eingerichtet worden waren. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung, dass Minderjährige auch Opfer der zentral organisierten Gasmordaktion T4 wurden, in Anstalten durch extreme Mangelernährung starben oder in medizinische Experimente einbezogen wurden. In vielen Fällen wurden ihre Körper und Organe nach dem Tod für Forschungszwecke weitergenutzt. Die Präsentation macht deutlich, dass diese Verbrechen nicht isoliert an wenigen Orten stattfanden, sondern im medizinischen Alltag verankert waren.

Jetzt neu auch als Online-Ausstellung

Die Ausstellung ist nun auch als erweiterte Online-Version verfügbar. Sie ist in zwei „Räume“ gegliedert, die den Weg von der medizinischen Fürsorge hin zur systematischen Vernichtung und ihre spätere juristische sowie erinnerungskulturelle Verarbeitung nachzeichnen. Sie umfasst 28 Text- und Bildtafeln, Videointerviews mit Ausstellungsmachern sowie eine Hördatei mit Briefwechseln zwischen Eltern und Medizinern. Darüber hinaus finden sich detaillierte Profile verantwortlicher Mediziner und betroffener Einrichtungen.

Historische Verantwortung in der Pädiatrie

Die DGKJ versteht die Ausstellung als einen zentralen Beitrag zu einer nachhaltigen Erinnerungskultur in der Kinder- und Jugendmedizin. Die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen verdeutlicht, dass Prinzipien wie Patientenautonomie, informierte Einwilligung, verantwortungsvolle Indikationsstellung und interdisziplinäre Zusammenarbeit historisch gewachsene, zugleich aber verletzliche Errungenschaften darstellen. So verdeutlicht die Ausstellung, wie schnell medizinische Expertise in autoritären Kontexten instrumentalisiert werden kann und welches Risiko besteht, wenn vulnerable Gruppen wie schwerkranke oder behinderte Kinder entmenschlicht werden.

Für das medizinische Fachpersonal der Pädiatrie bietet diese Aufarbeitung mehrere wichtige Impulse:

  • Reflexion über die historische Verantwortung von Kinderärzten und multidisziplinären Teams in einem autoritären System.
  • Sensibilisierung für ethische Grenzfragen in der Medizin: Welche Kriterien führen zur Ausgrenzung, welche zur Indikation?
  • Erinnerungskultur als Teil der professionellen Weiterbildung: Die Ausstellung fördert eine bewusste Auseinandersetzung mit dem medizinischen Berufsbild und seinem Wandel.

Bedeutung für die heutige pädiatrische Praxis

Für die pädiatrische Fachpraxis ergibt sich daraus ein klarer Auftrag. Medizinisches Handeln sollte stets im Bewusstsein historischer Fehlentwicklungen erfolgen. Die Rekonstruktion der Ereignisse unterstützt die Sensibilisierung gegenüber diskriminierenden Strukturen, fördert ein reflektiertes Berufsverständnis und stärkt das ethische Fundament der modernen Kinderheilkunde. Die Ausstellung empfiehlt sich daher allen, die die Verbindung von Heilen, Ethik und Geschichte verstehen möchten und die Konsequenzen aus dieser Epoche für ein verantwortungsvolles Arbeiten in der heutigen Versorgung ziehen wollen.

Autor:
Stand:
26.11.2025
Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), „Im Gedenken der Kinder“: Wanderausstellung, Zugriff am 22.11.2025.

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