Bei Neugeborenen befindet sich das kardiovaskuläre System noch in der Entwicklung, welche überwiegend vom autonomen Nervensystem (ANS) reguliert wird. Ein Schlüsselindikator für die Funktionsfähigkeit und Entwicklung des ANS ist die Herzfrequenzvariabilität (HFV), die als wichtiges nicht-invasives Messinstrument dient.
Vergleich der ANS-Reifung zwischen Früh- und Reifgeborenen
Frühgeborene zeigen im Vergleich zu Reifgeborenen atypische Merkmale in der HFV. Da die vollständige Reifung des ANS in utero in der Regel um die 37. Schwangerschaftswoche erreicht wird, sind Frühgeborene häufig mit einem noch nicht abgeschlossenen Reifungsprozess des ANS konfrontiert. Termäquivalent zeigen Frühgeborene eine geringere parasympathische Aktivität, erkennbar an niedrigeren HFV-Hochfrequenzkomponenten im Vergleich zu Reifgeborenen. Diese Diskrepanz in der HFV zeigt sich auch bei späten Frühgeborenen, die weniger Risikofaktoren aufweisen, aber immer noch von HFV-Abweichungen betroffen sind.
Die HFV von Säuglingen wird sowohl durch endogene als auch durch exogene Faktoren beeinflusst. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Herstellung eines inneren Gleichgewichts und der Reaktion auf äußere soziale und perzeptive Reize. Dieses Gleichgewicht ermöglicht z. B. die Entstehung einer spontanen Reaktion auf externe Sinnesreize, die als Grundlage für spätere soziale Erfahrungen dient.
Auswirkungen von Singen und Stimme der Mutter
Die Stimme der Mutter ist für Neugeborene ein grundlegender sozialer Reiz, der von ihnen unterschieden und gegenüber fremden Stimmen bevorzugt wird. Im Vergleich zu Reifgeborenen werden Stimmen bei Frühgeborenen im Reifealter atypisch verarbeitet. Frühere Studien konnten zeigen, dass Frühgeborene mütterliche und fremde Stimmen tendenziell ähnlich verarbeiten.
Darüber hinaus bestätigten mehrere Studien der letzten Jahre, dass die mütterliche Stimme die physiologische Stabilität von Frühgeborenen erhöht, sich positiv auf den Ernährungszustand des Säuglings auswirkt und die mütterliche Angst reduziert. Elterliches Singen, das von einem Musiktherapeuten während des Hautkontaktes zwischen Eltern und Kind unterstützt wird, verbessert die neuronale Unterscheidung von Klangveränderungen und steht im Zusammenhang mit neuronalen Reaktionen auf abweichende Geräusche. Darüber hinaus reduziert das Sprechen und Singen der Mutter während eines schmerzhaften Vorgangs die Schmerzen und erhöht den Oxytocinspiegel des Kindes.
Vorläufige Ergebnisse zeigen auch, dass mütterliches Singen die HFV des Frühgeborenen kurzfristig positiv moduliert. Inwiefern diese unmittelbare Modulation des ANS einen positiven Einfluss auf die Reifung des ANS haben könnte, ist noch unbekannt.
Studie zur Auswirkung von Gesang auf Frühgeborene
In einer multizentrischen randomisierten klinischen Studie wurde daher der Einfluss von mütterlichem Singen und Sprechen auf die Reifung des ANS bei Frühgeborenen, gemessen anhand der HFV, untersucht.
Dazu wurden 30 stabile, gesunde Frühgeborene in eine Interventionsgruppe (n=16) und eine Kontrollgruppe (n=14) randomisiert. Die HFV wurde in insgesamt 80 Aufnahmen während des Krankenhausaufenthaltes sowie vor und nach jeder Sing- oder Sprechsession gemessen.
Die Intervention bestand aus einem 20-minütigen Kontakt, bei dem die Mütter mit ihren Neugeborenen sprachen und sangen. Dabei wurde 10 Minuten lang gesprochen und 10 Minuten lang gesungen, wobei die Reihenfolge der beiden Bedingungen am nächsten Tag umgekehrt wurde. Die Intervention wurde dreimal pro Woche über einen Zeitraum von zwei Wochen durchgeführt. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der HFV des Säuglings.
Singen hat positiven Einfluss auf die Herzfrequenzvariabilität
Die Interventionsgruppe zeigte dabei einen signifikanten Anstieg der HFV im Vergleich zur Kontrollgruppe. Das mütterliche Singen erhöhte die hochfrequente Leistung und verringerte das Verhältnis von nieder- und hochfrequenter Leistung.
Daraus lässt sich ableiten, dass das Singen unter Anleitung die HFV des Neugeborenen moduliert und somit die Entwicklung und Reifung des autonomen Nervensystems (ANS) bei Frühgeborenen unterstützt, sowohl unmittelbar als auch kumulativ.









