Empfehlungen für die pädiatrische Notfallversorgung

Nicht notwendige Diagnostik und Therapie bei Kindern in der Notaufnahme bringen keinen Nutzen, erhöhen die Kosten und können zu Folgeschäden führen. Um dieses Problem zu vermeiden, wurden die Choosing Wisely-Empfehlungen entwickelt.

Wartezimmer Kinderklinik

Die Notfallversorgung von Kindern steht stets vor der Herausforderung, wirksame Behandlungen bereitzustellen und gleichzeitig unnötige Diagnostik zu vermeiden, welche die Kosten und potenzielle Risiken erhöhen kann, ohne den Patienten zu nutzen.

Choosing Wisely Initiative

Die Choosing Wisely Initiative ist eine Gesundheitskampagne, die von der American Board of Internal Medicine Foundation (ABIM Foundation) 2012 ins Leben gerufen wurde. Ihr Hauptziel ist es, das Bewusstsein für unnötige medizinische Tests, Behandlungen und Verfahren zu schärfen und dadurch die medizinische Versorgung zu verbessern, Kosten zu reduzieren und potenzielle Schäden für Patienten durch überflüssige medizinische Interventionen zu vermeiden.

Choosing Wisely-Empfehlungen bei pädiatrischen Notfällen

Im Jahr 2021 wurde die Notwendigkeit der Entwicklung einer Choosing Wisely-Empfehlungsliste speziell für Kinder von einigen Experten für pädiatrische Notfallmedizin in der Abteilung für Notfallmedizin der American Academy of Pediatrics (AAP) erkannt.

Daraufhin wurde eine Taskforce, bestehend aus acht Experten der pädiatrischen Notfallmedizin aus den USA und Kanada, gebildet. In einem systematischen und mehrstufigen Prozess wurden Vorschläge von Ärzten und Pflegepersonal gesammelt und bewertet. Die wichtigsten Empfehlungen wurden anschließend durch eine Befragung von Fachkollegen und externe Reviews finalisiert.

Fünf Hauptempfehlungen für eine bessere medizinische Praxis

Die finale Liste umfasst fünf Hauptempfehlungen, die sich auf die Reduzierung unnötiger diagnostischer Tests konzentrieren.

1. Vermeiden von Röntgenaufnahmen bei Atemwegserkrankungen

Es wird empfohlen, bei Kindern mit Bronchiolitis, Krupp, Asthma oder erstmaligem Wheezing (pfeifenden Atemgeräuschen) keine Röntgenaufnahmen zu machen. Ausnahmen sind klinische Befunde wie ausgeprägte Hypoxie oder anhaltende schwere Krankheitssymptome, die eine Indikation rechtfertigen. Die Basis der Diagnostik sollten Anamnese und körperliche Untersuchung bilden.

2. Keine Screening-Labortests zur stationären Aufnahme bei psychiatrischen Patienten

Es wird empfohlen, auf routinemäßige Laboruntersuchungen bei der Einweisung von Kindern in psychiatrische Einrichtungen zu verzichten, wenn keine klinische Indikation vorliegt. Forschungsergebnisse zeigen, dass die meisten akuten psychischen Störungen bei Kindern keine medizinische Ursache haben, sodass solche Tests nur die Gesundheitskosten erhöhen, ohne die Patientenversorgung zu verbessern.

3. Nach unprovozierten, generalisierten Anfällen oder einfachen Fieberkrämpfen kein CT

Bei Kindern, die sich nach einem unprovozierten, generalisierten Anfall oder einem einfachen Fieberkrampf wieder in ihrem ursprünglichen mentalen Zustand befinden, sollten keine Labortests oder Schädel-CTs durchgeführt werden. Solche Tests liefern selten Informationen, die das Akutmanagement ändern würden, und sind mit unnötigen Risiken und Kosten verbunden.

4. Keine Abdomen-Röntgenaufnahmen bei Verdacht auf Obstipation

Bei Verdacht auf Obstipation sollten keine Röntgenaufnahmen des Abdomens angefertigt werden, da diese häufig zu Fehldiagnosen führen und keine zuverlässigen Ergebnisse liefern. Die Diagnose sollte in erster Linie durch Anamnese und körperliche Untersuchung gestellt werden, gegebenenfalls unterstützt durch eine digitale rektale Untersuchung.

5. Keine Virus-Panel-Tests bei Verdacht auf respiratorische Virusinfektionen

Bei Kindern mit Verdacht auf respiratorische Virusinfektionen sollten keine umfassenden Virus-Panel-Tests durchgeführt werden. Diese Tests sind teuer, belasten die Patienten und haben selten Auswirkungen auf die Therapie. Tests sollten nur dann durchgeführt werden, wenn sie einen direkten Einfluss auf die Behandlung haben oder für spezifische klinische Entscheidungen erforderlich sind

Zukünftige Pläne und Implementierung der Empfehlungen

Die Empfehlungen basieren auf der Konsultation einer Vielzahl von Experten, können jedoch nicht alle Aspekte oder spezifischen Situationen in Notaufnahmen weltweit abdecken. Die Task Force hat jedoch ein breites Feedback eingeholt, um sicherzustellen, dass die Liste der Empfehlungen repräsentativ und evidenzbasiert ist.

Dennoch stellt die Initiative einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Qualität und Effizienz der pädiatrischen Notfallversorgung dar. Durch die Umsetzung der Choosing Wisely-Empfehlungen können die Patientenversorgung verbessert, Überdiagnosen reduziert und unnötige Kosten eingespart werden. Die Task Force plant, die Empfehlungen weiter zu verbreiten und durch Fortbildungsinitiativen in die klinische Praxis zu integrieren.

Autor:
Stand:
04.06.2024
Quelle:

Mullan et al. (2024): Recommendations for Choosing Wisely in Pediatric Emergency Medicine: Five Opportunities to Improve Value. Annals of Emergency Medicine, DOI: 10.1016/j.annemergmed.2024.01.007

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