Analyse der Verwendung von Ethnizität in pädiatrischen Leitlinien

Eine systematische Übersichtsarbeit überprüfte eine mögliche Relation zwischen der Verwendung von Ausdrücken im Zusammenhang mit „Rasse“ in pädiatrischen klinischen Leitlinien und strukturellem Rassismus in der Gesundheitsversorgung der USA.

Multikulturelle Jungen

Nationale Leitlinien für die klinische Praxis (Englisch: Clinical practice guidelines [CPGs]) sind bedeutsam für den täglichen Praxisalltag. Sie sind in der Lage, komplexe Forschungsergebnisse so zu übersetzen, dass ihre Empfehlungen zu einer verbesserten Gesundheitsversorgung führen.

Werden jedoch Ausdrücke im Zusammenhang mit dem englischen Begriff „race“ in CPGs verwendet, ist es denkbar, dass sich diese negativ auf die Gesundheit auswirken und strukturellen Rassismus sowie Unterschiede in der Gesundheitsversorgung positiv oder negativ beeinflussen oder fördern können [1].

Historisch bedingtes Prinzip der „Rassen“

Das Konzept der „Rassen“ ist ein westliches Klassifikationssystem, hervorgegangen aus dem Kolonialismus – eine sozial-politische Konstruktion. Es diente der Unterdrückung und Diskriminierung und bietet keinerlei biologische Grundlage. Die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe liefert somit keine genaue Darstellung der biologischen Variationen von Menschen, hierbei gibt es keine Gruppe von Menschen, die „biologisch homogen“ wäre. Im Laufe der Zeit entstandene regionale Unterschiede in der menschlichen Biologie – etwa hervorgerufen durch Genom-/Umwelt-Interaktionen oder genetischen Austausch - bedeuten nicht, dass diese Menschen einer eigenen „Rasse“ angehören. Die unterschiedlichen Varianten sind nicht eindeutig gesellschaftlich anerkannten Rassengruppen zuzuordnen. Das gilt zusätzlich auch für Merkmale, wie die Hautfarbe oder Gesichtszüge. Aspekte, die gerne in Diskussionen über „Rasse“ angeführt werden.

Demnach lässt sich der Mensch biologisch nicht in verschiedene oder gar rassische Typen unterteilen: Menschliche Rassen gibt es nicht. Trotzdem entwickelte sich das Prinzip der „Rassen“ historisch bedingt zu einer sozialen Realität, die Gesellschaften beeinflusst und strukturiert. In der Folge resultieren daraus reale biologische Konsequenzen, wie etwa die möglichen Unterschiede in der Gesundheitsversorgung [2].

Wie steht nun aber die Verwendung von Ausdrücken im Zusammenhang mit „Rasse“ in veröffentlichten klinischen Leitlinien für Kinder in Verbindung mit strukturellem Rassismus und Ungleichgewichte in der Gesundheitsversorgung der USA? Dieser Fragestellung ging ein Autorenteam mit einer systematischen Übersichtsarbeit auf den Grund.

Leitlinien für Kinder analysiert

Dafür führten die Autoren im Zeitraum von Januar 2016 bis April 2021 eine Literaturrecherche unter englischsprachigen klinischen Leitlinien für Personen unter 19 Jahren von verschiedenen wissenschaftlichen Informationsquellen, wie etwa PubMed oder Medscape durch. Dabei identifizierte und bewertete das Team um Courtney A. Gilliam systematisch alle Artikel, die Begriffe wie „Rasse“ und „ethnische Zugehörigkeit“ enthalten. Das Team untersuchte, ob die verwendeten Begriffe dazu beitragen, strukturellen Rassismus und rassistische Ungleichheiten im Gesundheitswesen zu verringern oder zu verstärken. Hierzu wurde im Rahmen und mit Hilfe der kritischen Rassentheorie (Critical Race Theory) jede Verwendung eines Begriffs nach ihrem Potenzial eingestuft, ob sie strukturellen Rassismus und rassistische Ungleichheiten im Gesundheitswesen entweder positiv oder negativ beeinflusst.

Bei der Critial Race Theory handelt es sich um einen, ursprünglich in der Rechtswissenschaft der USA in den 1970er Jahren entstandenen, Theorieansatz, der besagt, dass Rassismus historisch gewachsen und strukturell in der Gesellschaft verankert ist. Als gesamtgesellschaftliche Problematik stellt er darum die Regel und nicht die Ausnahme dar [3].

Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit

Von 414 identifizierten Leitlinien verwendeten 288 (70%) die definierten Begriffe nicht. Dahingegen erfüllten 30% (126) die Kriterien für eine Überprüfung, da Begrifflichkeiten im Zusammenhang mit Ethnie oder „Rasse“ vorgekommen sind. Potenziell negative Effekte traten 87 Mal (49,7%) in 73 CPGs auf, positive Effekte 50 Mal (28,6%) in 45 CPGs.

Die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit zeigen, dass die ethnische Herkunft in den untersuchten Leitlinien zum Teil in einer Weise verwendet wird, die sich negativ auf die Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung auswirken kann.

Rassismus als öffentliches Gesundheitsproblem

Zahlreiche Gesundheitsorganisationen erkennen heutzutage ihre Verantwortung in Bezug auf ungleiche Gesundheitschancen und rassistische Ungleichheiten an und setzen sich mit dem seit Langem existierenden Erbe des systematischen Rassismus und seinem Einfluss auf die Medizin auseinander. Auch die US Centers for Disease Control erklärten den Rassismus zur Bedrohung für die öffentliche Gesundheit. Trotzdem sehen die Autoren nach wie vor einen fortwährenden Bedarf an sinnvollen Lösungen gegen den langjährigen strukturellen Rassismus in der Gesundheitsversorgung.

Die Autoren raten dazu, die Verwendung von unterschiedlichen Ethnien und „Rassenbegriffen“ in nationalen pädiatrischen Leitlinien zu verbessern. Dies soll dazu beitragen, Ungleichgewichte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und Unterschiede in der Gesundheitsversorgung nicht weiter aufrechtzuerhalten, zu verhindern sowie positiv zu beeinflussen. Gerade ethnischen Minderheiten soll das zu Gute kommen – eine weitere Gelegenheit, das systematische Problem in Angriff zu nehmen [1].

Autor:
Stand:
29.04.2024
Quelle:
  1. Gilliam, CA.,et al. (2022): Use of Race in Pediatric Clinical Practice Guidelines: A Systematic Review. JAMA Pediatr. 2022;176(8):804–810. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2022.1641
  2. Fuentes, A., et al. (2019): AAPA Statement on Race and Racism. Am J Phys Anthropol 2019; DOI: 10.1002/ajpa.23882
  3. Tagesschau; Reveland, C.: Critical Race Theory: Die Geschichte eines Kampfbegriffs, 30.06.2021
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