DGP 2023: Aufholjagd bei Digitalisierung

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen hinterher. Das Bundesgesundheitsministerium hat deswegen im März eine ehrgeizige Digitalisierungsstrategie vorgestellt. In Essen wird „Smart Healthcare“ schon gelebt.

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„Wir sind international Schlusslichter – wir müssen jetzt auf den Zug aufspringen“, erklärte Dr. Anke Diehl, Chief Transformation Officer, Leiterin Stabsstelle Digitale Transformation der Universitätsmedizin Essen. Die digitale Transformation im Gesundheitswesen sei „alternativlos“, sagte sie anlässlich des Pneumologie-Kongresses 2023 in Düsseldorf. Insofern begrüßte sie die vom Bundesgesundheitsministerium am 9. März 203 vorgestellte Digitalisierungsstrategie. Die Zeitvorgaben zur Umsetzung der Ziele hält sie allerdings für sehr ambitioniert.

ePA als opt-out-Angebot

Laut Strategiepapier sollen bis zum Jahr 2025 80% der gesetzlich Versicherten über eine elektronische Patientenakte (ePA) verfügen. Bislang wurde die ePA allerdings sehr schlecht angenommen. Bislang kann man auch wenig mit ihr anfangen, fand Diehl. Das soll sich mit einer neuen Telematikinfrastruktur und der ePA für alle mit Opt-out-Prinzip ändern. Jeder Versicherte, der nicht widerspricht, erhält zukünftig eine ePA.

Telemedizin als Lösung in der Fläche

Die Telemedizin soll ausgebaut werden, um einen niedrigschwelligen Zugang zur Versorgung zu ermöglichen. Die durch Fachpersonal assistierte Telemedizin soll in Apotheken und Gesundheitskiosken in Anspruch genommen werden können. Die 30-Prozent-Limitierung für telemedizinische Leistungen soll fallen. 2026 soll in mindestens 60% der hausärztlich unterversorgten Regionen eine Anlaufstelle für assistierte Telemedizin existieren. Indikationsbezogene, digital unterstützte und integrierte Versorgungspfade („digitalisierte Disease-Management-Programme“ – dDMP) und der Ausbau sicherer digitaler Kommunikationskanäle sollen außerdem ermöglichen, dass im Jahr 2026 80% der Kommunikationsvorgänge im Gesundheits- und Pflegewesen papierlos sind.

Beispiel Universitätsmedizin Essen

Die Universitätsmedizin Essen hatte etwas mehr Zeit, zum „Smart Hospital“ zu werden. Die Entwicklung begann durch die Initiative einzelner Abteilungsleiter und Klinikdirektoren. In der Radiologie wurden schon früh Daten digital verfügbar gemacht, die Notaufnahme wurde papierlos, eine Biobank wurde aufgebaut. Irgendwann galt es, die einzelnen Systeme mit ihren nicht kompatiblen Daten zusammenzuführen und für verschiedene Nutzer verfügbar zu machen. Heute liegt die Universitätsmedizin Essen nach einer Listung der Zeitschrift Newsweek auf Platz 20 der Smart Hospitals weltweit – „noch vor Stanford“, wie Diehl betonte. In Deutschland liegt sonst nur die Charité noch weiter vorn.

Smart Hospital: Von Anfang bis Ende

Das Konzept des Smart Hospitals reicht über das Krankenhaus und die stationäre Versorgung hinaus. Patienten sollen beispielsweise schon zuhause über Smartphone oder PC Informationen erhalten und auf Dokumentation und Aufklärungsbögen zugreifen können. Bei der Aufnahme können Daten aus ePA, Klinikinformationssystem und Apps abgeglichen und gesammelt, Vitalparameter über Sensorik ermittelt und dokumentiert und die Diagnosestellung über künstliche Intelligenz (KI) unterstützt werden. Behandlungsdaten werden an die Patientenakte und den Behandler übermittelt und stehen nach Entlassung zur Verfügung. Auch die digitale Unterstützung der Nachsorge mit einem „Health Tracking“ ist möglich, beispielsweise um die Compliance zu unterstützen. Und nicht zuletzt erfolgt die Kodierung automatisiert.

Von der Datensammlung zur Datennutzung

Bislang generieren in Essen die einzelnen Abteilungen immer noch selbst Daten, die in unterschiedlichen Datenbanken abgelegt werden. Mit einem speziellen System (HL7FHIR) werden daraus die Daten extrahiert, die für verschiedene Anwender durch spezifische Apps nutzbar gemacht werden sollen. Ziel ist es, behandelnden Ärzten, der Pflege, dem Patienten und den Zuweisern jeweils die notwendigen Informationen zur Verfügung zu stellen. Es können auch Patientenfragebögen integriert werden oder die Wunddokumentation per Smart-Phone-Kamera, erläuterte Diehl beispielhaft.

Patient soll im Mittelpunkt bleiben

Letztlich geht es aber immer um den Menschen. Daher ist die Patientenbeteiligung wichtig. Die Einwilligung in die Behandlung (möglichst breit, um beispielsweise auch ein Biobanking oder die Datennutzung in zukünftigen Studien zu ermöglichen) und in die Telemedizin gehört dazu und es gibt in Essen auch ein spezielles Patientenportal. Außerdem wurde ein Institut für Patientenerleben gegründet und Patienten sind im Beirat für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) vertreten.

Virtuelle Realität hilft

Die virtuelle Realität kann beispielsweise genutzt werden, um Kindern die Angst vor der Magnetresonanztomographie (MRT) zu nehmen. Dank der Pingunauten-App, in der sich Kinder in Essen langsam an die Bedingungen in der „Röhre“ gewöhnen können, benötigen viele keine Anästhesie mehr, um mit der MRT untersucht zu werden, berichtete Diehl.  Die Möglichkeit des Aufbaus virtueller Räume und augmentierter Lernumgebungen werden für Aus- und Weiterbildung genutzt, aber auch für OP-Vorbereitung und -Durchführung oder in der Dermatologie.

Wo KI hilft

Die KI unterstützt die Automatisierung von Prozessen. Es werden Sprach- und Dialogsysteme möglich, die sowohl bei der Steuerung von Prozeduren z.B. der Angiographie eingesetzt werden können, als auch in Form einer Sprachbox am Krankenbett bei der Kommunikation des Patienten mit der Pflege. Und nicht zuletzt ermöglicht die KI die Analyse der immer größer werdenden Menge von Gesundheitsdaten. In Essen wird demnächst in einem alten Fabriktrakt nahe des Uniklinikums ein Showroom zum Thema „Mit KI das Krankenhaus von morgen gestalten“ eröffnet, der nicht nur für Information und Workshops von Gesundheitsprofis, sondern auch für die Information der Öffentlichkeit genutzt werden soll.

Auf dem Weg zu „Smart Healthcare“

Es ist aber nicht mit einem digitalen, KI-unterstützten Krankenhaus getan. Ziel ist laut Diehl ein insgesamt smartes Gesundheitswesen mit dem Patienten im Mittelpunkt einer sektorenübergreifenden Digitalisierung. Daher begrüßte sie die Digitalisierungsstrategie des Bundegesundheitsministeriums ausdrücklich und hofft, dass dieser Anspruch auch in der nächsten Legislaturperiode weiter verfolgt wird. „Lassen Sie uns als Visionäre hier herausgehen“, forderte sie die Zuhörer ihrer Keynote-Lecture in Düsseldorf auf.

Autor:
Stand:
11.04.2023
Quelle:

Dr. Anke Diehl: „Smart Healthcare: Traum, Ziel oder Vision?“, 63. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, Düsseldorf, 29. März – 1. April 2023.

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