Ein neuer Referentenentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) sieht vor, die Online-Verordnungspraxis von Medizinalcannabis stärker zu regulieren. Ziel ist ein höheres Maß an Sicherheit bei der Verschreibung und Abgabe der Produkte. Thomas Preis, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – begrüßt die geplanten Änderungen am Medizinalcannabisgesetz: „Arzneimittel sind keine handelsüblichen Konsumgüter und gehören nicht auf rein kommerziell ausgerichtete Handelsplattformen.“
Das Ministerium unter Bundesgesundheitsministerin Nina Warken nimmt vorrangig Internetplattformen ins Visier, auf denen ärztliche Verordnungen auf Basis von Fragebögen ausgestellt und direkt an kooperierende Versandapotheken weitergeleitet werden.
Kritik an digitalen Rezeptplattformen
Bereits im Juni hatte die Bundesapothekerkammer (BAK) auf Missstände in der aktuellen Praxis hingewiesen. Auch unabhängige Gutachten bewerten das Modell der rezeptgenerierenden Plattformen kritisch. ABDA-Präsident Preis sagt: „Wir halten es für extrem bedenklich, dass solche Plattformen lediglich der Beschaffung von Verschreibungen dienen. Die ärztliche Entscheidung einer Arzneimitteltherapie wird so zu einem reinen Bestellvorgang degradiert.“
Preis fordert besonders bei suchtgefährdenden Substanzen wie Cannabis eine fundierte Beratung vor Ort in der Apotheke, gerade auch im Hinblick auf potenzielle Nebenwirkungen wie eine beeinträchtigte Gehirnentwicklung bei jungen Menschen.
Digitale Lösungen ja – aber nur mit Qualitätsanspruch
Die Apothekerschaft stellt sich laut Preis nicht grundsätzlich gegen digitale Versorgungsmodelle. Der ABDA-Präsident betont, dass die Apothekerschaft seit Jahren die Digitalisierung aktiv mit vorantreibe. Das reiche vom E-Rezept bis zur elektronischen Patientenakte. „Bei allen neuen Versorgungsentwicklungen muss aber sichergestellt sein, dass die hohe pharmazeutische Qualität, die individuelle Beratung und der Schutz der Patientinnen und Patienten an erster Stelle stehen“, sagt der ABDA-Präsident.
Marktentwicklung: Überangebot drückt Preise
Parallel zur politischen Debatte verändert sich der Markt rasant. Laut einer aktuellen Analyse der Grünhorn Gruppe, die sich als Ansprechpartner für Politik, Fachverbände und Branche positioniert, hat sich das Importvolumen von Medizinalcannabis innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt – von 32 Tonnen (2023) auf 72 Tonnen (2024). Die Zahl spezialisierter Cannabis-Apotheken stieg von rund 50 auf über 250.
Mit der Ausweitung des Angebots sanken auch die Preise - von durchschnittlich 9,98 € auf 9,06 € pro Gramm und im Juni 2025 sogar auf 8,77 €. Produkte mit mittlerem THC-Gehalt (15–20 %) verbilligten sich dabei um 24 %, hochpotente Sorten (über 25 % THC) nur um rund 10 %.
Wettbewerb nimmt zu – wachsende Risiken für Apotheken
Für Patienten bedeutet die Entwicklung eine bessere Verfügbarkeit, mehr Auswahl und sinkende Preise. Für Apotheken steigt jedoch der wirtschaftliche Druck. Besonders neue Marktteilnehmer setzen laut Grünhorn auf aggressive Preismodelle, die teils unter Produktionskosten liegen.
Angesichts dieser Dynamik fordert die Branche klare regulatorische Leitlinien. Nur so lasse sich die Versorgung langfristig sicherstellen und wirtschaftliche Planbarkeit für Apotheken und Hersteller gewährleisten.









