Deutschland belegt im Public Health Index nur Rang 17 von 18
Der erstmals veröffentlichte Public Health Index (PHI) bewertet den Umsetzungsgrad wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen in Europa. Deutschland erreicht nur geringe Punktzahlen in den Bereichen Tabak, Alkohol und Ernährung und landet hier auf den hinteren Rängen. Im Handlungsfeld Bewegung liegt die Bundesrepublik im unteren Mittelfeld. Besonders unzureichend sind strukturelle Maßnahmen zum Kinder- und Jugendschutz sowie gesundheitsorientierte Besteuerung.
Spitzenreiter setzen auf umfassende Prävention
Großbritannien, Finnland und Irland führen das Ranking an. Sie setzen konsequent Maßnahmen zur Eindämmung von Tabak- und Alkoholkonsum um, schaffen gesunde Ernährungsumgebungen und fördern Bewegung in Schulen, Gemeinden und Betrieben. Dazu zählen Mindeststandards für Schulessen, Abgaben auf stark zuckerhaltige Getränke sowie Werbebeschränkungen für gesundheitsschädliche Produkte. Länder wie Norwegen und Schweden integrieren Bewegung langfristig in den Alltag, etwa durch sichere Rad- und Fußwege sowie öffentliche Initiativen.
Deutschland bleibt bei Tabak, Alkohol und Ernährung weit zurück
Tabakpolitik
Deutschland belegt im Handlungsfeld Tabak den vorletzten Platz. Mit nur 43 von 100 Punkten bleibt die Bundesrepublik weit hinter den WHO-Empfehlungen zurück. Tabaksteuern liegen unter dem empfohlenen Niveau, Werbung ist am Verkaufsort erlaubt und der Nichtraucherschutz weist zahlreiche Ausnahmen auf. Vergleichsländer wie Irland und Großbritannien erzielen deutlich höhere Wirkung durch umfassenden Kinder- und Jugendschutz, neutrale Verpackungen und restriktive Werbung.
Alkoholpolitik
Bei Alkohol erreicht Deutschland lediglich 9 von 40 Punkten und teilt sich mit Österreich den vorletzten Rang. Verfügbarkeit, Werbung und niedrige Preise fördern weiterhin hohen Konsum. Spitzenländer wie Norwegen, Finnland und Litauen zeigen, dass höhere Preise, Zugangsbeschränkungen und präventive Kampagnen den Konsum und alkoholbedingte Erkrankungen deutlich senken.
Ernährungspolitik
Deutschland setzt keine der sechs untersuchten Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung flächendeckend um. Weder Mindeststandards für Schulessen noch Abgaben auf zuckerhaltige Softdrinks oder Werbebeschränkungen für ungesunde Produkte sind verbindlich umgesetzt. In Großbritannien sind vier Maßnahmen etabliert, Finnland, Frankreich, Lettland und Polen jeweils drei. Studien zeigen, dass ein umfassender Maßnahmen-Mix am effektivsten ist, den Deutschland bislang nur unzureichend nutzt.
Bewegungspolitik zeigt gemischtes Bild
Im Bereich Bewegung erfüllt Deutschland viele formale Kriterien: Nationale Empfehlungen liegen vor, Bewegungsverhalten wird erhoben, und Projekte wie „IN FORM“ bündeln Initiativen in Schulen, Kommunen und Betrieben. Dennoch fehlt eine umfassende Strategie, insbesondere für sichere Fuß- und Radwege. Dänemark und Norwegen zeigen, wie langfristige, strukturierte Maßnahmen Bewegung nachhaltig im Alltag verankern.
Ungenutztes Präventionspotenzial und volkswirtschaftliche Folgen
Der PHI macht deutlich, dass Deutschland erhebliches Präventionspotenzial ungenutzt lässt. Experten verweisen auf volkswirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe: Tabakkonsum 97 Mrd. €, Adipositas 63 Mrd. €, Alkoholkonsum 57 Mrd. €. Trotz breiter gesellschaftlicher Unterstützung fehlt es an politischem Willen, evidenzbasierte Maßnahmen umzusetzen.
Public Health Index als Impulsgeber für Politik
Der PHI vergleicht 18 europäische Länder in den Handlungsfeldern Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Tabak- und Alkoholpolitik basieren auf etablierten Skalen, Ernährung und Bewegung wurden neu entwickelt. Alle Felder fließen gleichgewichtet in die Gesamtbewertung ein. Der Index liefert Orientierung für eine evidenzbasierte Präventionspolitik und soll 2027 aktualisiert und auf europäischer Ebene erweitert werden.
Experten fordern ressortübergreifende Präventionsstrategie
Dr. Carola Reimann (AOK) betont, dass Prävention systematisch politisch verankert werden muss. Prof. Michael Baumann (DKFZ) weist auf den Zusammenhang von Lebensstil und Krebsprävention hin: Über die Hälfte vermeidbarer Fälle entstehen durch Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegungsmangel. Dr. Klaus Reinhardt (Bundesärztekammer) fordert höhere Steuern auf Nikotin, Alkohol und Zucker, ressortübergreifende Prävention und konkrete Präventionsziele, um die Krankheitslast zu senken.










