Das Schönheitsideal im Wandel der Zeit
Nach heutigen Erkenntnissen liegt Essstörungen ein multifaktorielles ätiologisches Modell zugrunde. Neben biologischen Faktoren wie genetischen Prädispositionen und neurobiologischen Prozessen spielen auch Umweltbedingungen und insbesondere soziokulturelle Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Entstehung eines gestörten Essverhaltens. Ein zentraler Aspekt hierbei ist die Entwicklung eines Schönheitsideals.
Früher wurden korpulentere Menschen mit Wohlstand und Gesundheit assoziiert, während heute eine schlanke Figur als Ideal gilt. Schlankheit wird aktuell mit Schönheit, Gesundheit, Intelligenz und beruflichem Erfolg verknüpft. Körperliche Attraktivität ist für das Selbstwertgefühl der Frau nach wie vor von großer Bedeutung, wobei insbesondere junge Frauen häufig eine Diskrepanz zwischen ihrem Körper und dem propagierten Ideal erleben. Diese Wahrnehmung wird durch das gestiegene Nahrungsmittelangebot und die abnehmende körperliche Aktivität, die zu einem Anstieg des durchschnittlichen Körpergewichts führt, zusätzlich verstärkt.
Darüber hinaus verbreitet sich dieses Schönheitsideal zunehmend über soziale Medien, was vor allem junge Frauen dazu bringt, ihren Influencern nacheifern zu wollen.
Essstörungen
Essstörungen umfassen Krankheitsbilder, die mit einer anhaltenden Störung des Essverhaltens einhergehen und sowohl die körperliche Gesundheit als auch psychosoziale Funktionen beeinträchtigen können. Sie gehen mit Untergewicht, Übergewicht oder normalem Körpergewicht einher. Gemeinsam ist allen Essstörungen die Angst, dick zu sein oder zu werden, was das Selbstwertgefühl der Betroffenen häufig erheblich mindert. Um Gewicht zu verlieren oder ein bestimmtes Gewicht zu halten, greifen Betroffene auf gezügeltes Essverhalten zurück.
Zu den Essstörungen zählen laut ICD-10 und DSM-5: Anorexia nervosa, Bulimie, Bing-Eating-Störung, Pica, Ruminationsstörung und die vermeidend/restriktive Ernährungsstörung.
Prävalenz von Essstörungen
Essstörungen sind in westlichen Industrienationen bei jungen Menschen relativ häufig. Etwa 5,5 - 17,9% der jungen Frauen und 0,6 - 2,4% der jungen Männer haben bis ins junge Erwachsenenalter bereits Erfahrungen mit einer Essstörung gemacht.
Lin, B. Y. et al. analysierten reale Daten (Real-World Data, RWD) mit Hilfe der Gesundheitsplattform TriNetX, um die Prävalenz von Essstörungen in verschiedenen Altersgruppen im Zeitraum 2017 bis 2022 zu untersuchen, der auch die Zeit vor und nach COVID-19 umfasst. Insgesamt wurden Daten von 46.388.498 Patienten (80% aus der US-Bevölkerung) im Alter von 5 bis 26 Jahren ausgewertet. Die Daten wurden altersabhängig in drei Kohorten unterteilt: 5-12-Jährige (Prä-Adoleszenz), 13-18-Jährige (Pubertät) und 19-26-Jährige (Post-Adoleszenz). Insgesamt litten 117.213 Patienten an einer Essstörung. Die Gesamtprävalenz betrug 250/100.000. Das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose einer Essstörung lag bei 17,57 Jahren, also in der Pubertät.
Prävalenz der Essstörungen im Jahr 2017 vs. 2022
Im Jahr 2017 lag die Prävalenz von Essstörungen bei den Teilnehmern bei 167/100.000 und stieg bis 2022 auf 322/100.000 an. Das Alter bei Erstdiagnose nahm hingegen ab (18,66 Jahre in 2017 vs. 17,01 Jahre in 2022). Besonders stark war der Anstieg bei den 13-18-Jährigen (2017: 112/100.000 vs. 2022: 560/100.000). Auch bei den jüngeren Betroffenen (5-12 Jahre) stieg die Prävalenz von 81/100.000 im Jahr 2017 auf 139/100.000 im Jahr 2022. Bei den 19-26-Jährigen blieb die Prävalenz hingegen nahezu konstant (2017: 306/100.000 vs. 2022: 328/100.000).
Prävalenz der Essstörungen Männer vs. Frauen
Insgesamt waren Frauen dreimal so häufig von einer Essstörung betroffen wie Männer (Frauen: 370/100.000 vs. Männer: 130/100.000). In der Altersgruppe der 5-12-Jährigen war die Prävalenz bei Jungen jedoch etwas höher als bei Mädchen (Jungen: 135/100.000 vs. Mädchen: 108/100.000). In der Pubertät (13-18 Jahre) und der Post-Adoleszenz (19-26 Jahre) waren Mädchen und junge Frauen wiederum häufiger betroffen. Jungen erhielten die Erstdiagnose im Durchschnitt jünger als die Mädchen (14,08 Jahre bei Jungen vs. 18,71 Jahre bei Mädchen). Besonders stark stieg die Prävalenz bei Mädchen in der Pubertät, von 120/100.000 im Jahr 2017 auf 916/100.000 im Jahr 2022.
Sozialmedizinische Relevanz
Die Studie bestätigt, dass Frauen häufiger von Essstörungen betroffen sind. Sie zeigt aber auch, dass die Erstdiagnose einer Essstörung stärker vom Geschlecht abhängt, als in früheren Studien angenommen, und bereits in frühen Lebensjahren erfolgen kann.
Diese Entwicklung erfordert eine verstärkte Aufmerksamkeit von Klinikern, Erziehern und Eltern, um gestörtes Essverhalten frühzeitig zu erkennen, betonen die Autoren.
Die sozialmedizinische Relevanz ist hoch: Die Mortalität der Betroffenen ist doppelt so hoch wie die der Allgemeinbevölkerung. Ohne entsprechende Therapien besteht zudem ein erhöhtes Risiko für bleibende psychische Komorbiditäten sowie körperliche Folgen wie metabolische und endokrinologische Veränderungen. Präventive Maßnahmen und eine verbesserte Diagnostik sind daher entscheidend, um die richtige Behandlung einzuleiten und chronische Folgeschäden zu vermeiden.










