Autismus-Spektrum-Störung: steigende Inzidenz und verändertes Geschlechterverhältnis
Die Prävalenz der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) liegt in westlichen Ländern aktuell zwischen 1 % und 3 %. Historisch wurde ein deutliches Männer-Frauen-Verhältnis (male-to-female ratio, MFR) von etwa 3:1 bis 4:1 beschrieben. Diese Diskrepanz prägte ätiologische Hypothesen wie den „female protective effect“ oder geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptompräsentation.
Gleichzeitig haben sich diagnostische Kriterien (von ICD-9 zu ICD-10; DSM-5) erweitert, Versorgungsstrukturen verändert und das öffentliche Bewusstsein für ASS erhöht. Unklar blieb bislang, in welchem Ausmaß Alters-, Perioden- und Kohorteneffekte das beobachtete Geschlechterverhältnis beeinflussen.
Studie untersucht ASS-Inzidenz bei über 2 Millionen Schweden
Eine schwedische, populationsbasierte Geburtskohortenstudie untersuchte daher systematisch zeitliche Trends der ASS-Inzidenz und der MFR über 35 Jahre. Die Studie umfasste 2.756.779 zwischen 1985 und 2020 geborene Kinder aus dem schwedischen Geburtenregister. ASS-Diagnosen wurden bis Ende 2022 aus dem nationalen Patientenregister erfasst. Insgesamt erhielten 78.522 Personen (2,8 %) eine ASS-Diagnose.
Mittels alters-, perioden- und kohortenspezifischer Poisson-Regression wurden Inzidenzraten und MFR modelliert. Interaktionen mit dem Geschlecht wurden explizit berücksichtigt.
Autismus-Spektrum-Störung: Altersabhängige Inzidenz und Geschlechterverhältnis
Über alle Altersgruppen hinweg stieg die ASS-Inzidenz zwischen 1995 und 2022 deutlich an. Die altersabhängige Analyse zeigte markante Unterschiede zwischen den Geschlechtern:
- Die Inzidenz erreichte 2020–2022 ihren Höhepunkt bei
o Jungen im Alter von 10–14 Jahren (645,5 pro 100.000 Personenjahre)
o Mädchen im Alter von 15–19 Jahren (602,6 pro 100.000 Personenjahre). - Das mediane Diagnosealter lag bei 14,3 Jahren.
- Die MFR betrug bis zum 10. Lebensjahr etwa 3:1.
- Ab dem 10. Lebensjahr sank die MFR kontinuierlich.
- Bei Diagnosen im Zeitraum 2020–2022 lag die MFR ab 15 Jahren ≤1.
Diese Befunde sprechen für einen ausgeprägten „female catch-up“-Effekt im Jugendalter.
Mögliche Erklärungen für die Angleichung im Geschlechterverhältnis bei ASS
In dieser Studie kam es insbesondere im Jugendalter zu einer deutlichen Annäherung der Inzidenzraten, sodass die MFR bei älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeitweise unter 1 liegt.
Als mögliche Erklärungen kommen eine spätere Diagnosestellung bei Mädchen aufgrund subtilerer oder internalisierender Symptomatik sowie diagnostische Überlagerungen durch komorbide psychische Störungen in Betracht. Darüber hinaus dürften die Erweiterung der diagnostischen Kriterien und die gestiegene Sensibilisierung für ASS wesentlich zur beobachteten Dynamik beigetragen haben.
Ist eine Angleichung des Geschlechterverhältnisses bei ASS auch in Deutschland zu erwarten?
Die Daten der aktuellen Studie stammen aus Schweden, wodurch sich die Frage nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Länder stellt.
Für Deutschland ordnet Dr. Sanna Stroth, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Philipps-Universität Marburg, die Ergebnisse in einer Meldung ein: „Systematische deutsche Registeranalysen über alle Altersgruppen hinweg fehlen bislang; es spricht aber vieles dafür, dass auch hier das Geschlechter‑Verhältnis mit zunehmendem Alter abnimmt und dass insbesondere Frauen im Erwachsenenalter einen ‚Nachholeffekt‘ (‚female catch‑up‘) bei Diagnosen zeigen. Solange in Deutschland keine vergleichbar umfassenden Registeranalysen vorliegen, sollte man die schwedischen Zahlen nicht einfach auf Deutschland übertragen. Sie bieten aber einen plausiblen Referenzrahmen dafür, wohin sich das Geschlechterverhältnis auch hierzulande entwickeln dürfte.“
Geschlechtsspezifische Symptome bei ASS-Verdacht berücksichtigen
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das Geschlechterverhältnis bei ASS im Erwachsenenalter deutlich geringer ist als traditionell angenommen. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass insbesondere bei weiblichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine erhöhte diagnostische Wachsamkeit erforderlich ist. Atypische oder weniger externalisierende Symptomkonstellationen sollten gezielt exploriert werden.
Perspektivisch erscheint es notwendig, Screening- und Diagnostikverfahren stärker an geschlechtsspezifische Präsentationsmuster anzupassen. Weitere Forschung sollte phänotypische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, geschlechtsspezifische Zugangswege in die Versorgung sowie strukturelle Einflussfaktoren auf die Diagnosestellung systematisch untersuchen.











