Wiederauftreten eines historischen Toxidroms im digitalen Zeitalter
Bromidintoxikationen (Bromismus) galten lange als Rarität, seit bromidhaltige Präparate in den 1980er-Jahren weitgehend vom Markt verschwanden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Bromismus jedoch eine häufige Ursache für psychiatrische Auffälligkeiten. Typisch sind neuropsychiatrische, dermatologische und metabolische Symptome wie Halluzinationen, Tremor, Akne und Hyperchlorämie mit negativer Anionenlücke.
Mit der leichten Verfügbarkeit chemischer Substanzen über das Internet steigt das Risiko neuer Vergiftungsfälle. Die ionenselektive Elektrodenanalyse (ISE), eine potentiometrische Messmethode zur Laborbestimmung von Chlorid, kann bromidinduzierte Pseudohyperchlorämien zudem fehldeuten – was die Diagnosestellung erschwert.
Paranoide Vorstellungen und Halluzinationen bei einem 60-Jährigen
Ein 60-jähriger Mann ohne psychiatrische oder internistische Vorerkrankungen wurde wegen akuter paranoider Vorstellungen und Halluzinationen stationär aufgenommen. Initial fanden sich Hyperchlorämie (126 mmol/L), negative Anionenlücke (–21 mEq/L) und Hypophosphatämie. Trotz unauffälliger Medikamenten- und Drogentests ergab sich nach toxikologischer Beratung der Verdacht auf Bromismus.
Patient zeigt deutlich erhöhte Bromidkonzentrationen
Der Patient berichtete, nach der Lektüre von Onlinequellen und einer Konsultation des KI-gestützten Chatbots ChatGPT, Kochsalz (Natriumchlorid) in seiner Ernährung durch Natriumbromid ersetzt zu haben. Die Sorge vor negativen Effekten von Kochsalz und die Suche nach Alternativen hatten den Patienten veranlasst, bei ChatGPT nachzufragen.
Die Bromidkonzentration des Patienten betrug 1.700 mg/L (Norm: < 7,3 mg/L). Die Hyperchlorämie entpuppte sich als Pseudohyperchlorämie, da die Messung mittels ISE keine Unterscheidung zwischen verschiedenen Halogeniden erlaubt. Unter intravenöser Kochsalzinfusion und Elektrolytkorrektur normalisierten sich Laborwerte und psychische Symptome innerhalb von drei Wochen vollständig.
Künstliche Intelligenz als neue Variable im Risikoprofil von Patienten
Der Fall, den Dr. Audrey Eichenberger von der Uniklinik in Seattle und Team vorstellen, zeigt, wie KI-basierte Sprachmodelle durch kontextfreie oder missverständliche Antworten gesundheitsrelevante Fehlentscheidungen fördern können. ChatGPT nannte Bromid als möglichen Ersatz für Chlorid, ohne auf dessen toxikologische Risiken hinzuweisen. Anders als medizinisches Fachpersonal kann ein KI-System keine gezielte Risikobewertung vornehmen oder Rückfragen zum Anwendungskontext stellen.
Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, KI-generierte Inhalte im Gesundheitskontext kritisch zu prüfen und ärztliche Supervision sicherzustellen. Ärzte sollten bei unklaren oder ungewöhnlichen Selbstmedikationspraktiken gezielt nach digitalen Informationsquellen fragen.
ChatGPT & Co.: Wie kann man gesundheitliche Risiken durch Fehlinformationen vermeiden?
Der vorgestellte Fall erweitert das Verständnis moderner Ursachen des Bromismus und unterstreicht die Bedeutung digitaler Informationsquellen als potenzielle Gesundheitsrisiken.
Für die klinische Praxis bedeutet dies:
- Diagnostisch: Bromismus sollte bei unerklärter Hyperchlorämie mit negativer Anionenlücke differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.
- Präventiv: Aufklärung über Risiken unsachgemäßer Internet- und KI-Nutzung ist essenziell.
- Forschungsperspektive: Zukünftige Studien sollten untersuchen, wie generative KI-Systeme in der Patientenaufklärung sicher integriert und Fehlanwendungen verhindert werden können.
Fazit: KI ohne adäquate Aufklärung birgt Risiken
Dieser Fallbericht zeigt: Bromismus bleibt trotz seiner Seltenheit relevant – insbesondere im Kontext digitaler Gesundheitsinformationen. Dieser Fall verdeutlicht, dass technologische Innovation ohne adäquate Aufklärung neue toxikologische Risiken schaffen kann. Ein bewusster und ärztlich begleiteter Umgang mit KI-basierten Tools ist entscheidend, um vermeidbare Intoxikationen und andere Gesundheitsrisiken zu verhindern.










