DGPPN 2024: Natur als Therapie für die Seele

Der moderne Mensch hat den Kontakt zur Natur manchmal verloren. Dabei können Natur- und Tierbegegnungen bei psychischer Belastung und psychischen Erkrankungen entlasten.

Schafherde

Naturerleben hat positive Auswirkungen auf die psychische, körperliche und soziale Gesundheit, ist Prof. Dr. Elisabeth Schramm von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg überzeugt. In den Indikationen Depression und Trauma werden bereits verbreitet tier- und naturgestützte Therapien angeboten. Die Datenlage zur Effektivität dieser Interventionen hinkt allerdings hinterher, sagte sie anlässlich des DGPPN-Kongresses 2024.

Achtsamkeit mit Schafen 

Sie selbst bietet ein Natur- und tiergestütztes Achtsamkeitsprogramm (NTA) für Patientinnen und Patienten mit depressiven Symptomen und frühen Traumatisierungen an. Validiert wurde dieses Programm mit 67 Betroffenen von früher Kindesmisshandlung, welche mindestens drei depressive Episoden mit teilweiser oder instabiler Remission erlebt haben.

Die Patienten wurden randomisiert in eine Gruppe mit dem NTA und eine mit einer Behandlung wie üblich (engl. treatment as usual, TAU). Das NTA umfasste acht wöchentliche Gruppensitzungen von jeweils 150 Minuten und eine spätere Booster-Sitzung. Nach zwei einführenden Sitzungen zur Achtsamkeit folgten die Gruppentermine in der Natur. Bei mehreren Sitzungen wurden Schafe eingesetzt, selbst sehr achtsame Tiere, die rasch auf die Befindlichkeiten von Menschen reagieren, wie Schramm erzählte. 

Hohe Akzeptanz für NTA 

Im Jahr nach dieser Therapie traten deutlich weniger Rückfälle in der Gruppe mit NTA als in der Gruppe mit TAU auf (12% vs. 30%). Die mittlere individuelle Zeit in Depression im Folgejahr betrug mit NTA 0,23 Monate, mit TAU 0,90 Monate. 

Nach der WHO-Lebensqualitätsskala WHOQoL global verbesserte sich die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten in der NTA-Gruppe während der Intervention, als auch bis Ende der Ein-Jahres-Nachbeobachtung. 

In der TAU-Gruppe blieb die Lebensqualität über die Therapie hinweg stabil und nahm im Folgejahr im Mittel etwas ab. Die Zufriedenheit mit dem NTA war hoch und es gab nur 6% Therapieabbrüche, betonte Schramm. 

Sind Tiere nötig? 

Schramm verglich den Effekt der tiergestützten Therapie mit dem einer naturbasierten Achtsamkeitstherapie. 

Elemente der Therapie ohne Tiere waren beispielsweise Hör- und Gehmeditation im Wald, Augenscan der Natur oder Naturmaterialen achtsam verarbeiten. Nach dem Beck-Depressions-Inventar (BDI) nahm die depressive Symptomatik im Mittel in beiden Gruppen vergleichbar ab. 

Die Ansprechrate lag bei Achtsamkeitstherapie mit Tieren bei 75%, bei naturbasierter Achtsamkeitstherapie bei 70%, die Remissionsrate betrug mit Tieren 58%, ohne 60%. Die Lebensqualität stieg in beiden Gruppen vergleichbar an. 

Die naturbasierte Therapie ist im Gegensatz zur Achtsamkeitstherapie mit Tieren für die Teilnehmenden eher im Alltag umsetzbar. Allerdings ist mehr Evidenz aus randomisiert-kontrollierten Studien mit hoher Evidenz wünschenswert, sagte Schramm.

Wald statt Warten auf die Psychotherapie 

In Greifswald wird derzeit eine Waldtherapie entwickelt, die die Wartezeit bis zum Beginn einer Psychotherapie überbrücken könnte. Wie Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie der Universität Greifswald, berichtete, sollen in Vorgesprächen individuelle Ziele der Waldtherapie festgelegt werden. 

Die Waldtherapie selbst besteht nach den aktuellen Planungen aus drei Modulen mit jeweils drei Sitzungen von 90-120 Minuten. Diese sollen in einer Gruppe von acht bis zehn Personen über insgesamt zwölf Wochen stattfinden. Ein Modul soll speziell auf die Therapie der Depression ausgerichtet sein. Aktuell ist das Projekt noch in der Konzeptionsphase.

Autor:
Stand:
17.12.2024
Quelle:
  1. Prof. Dr. Elisabeth Schramm: „Bringen Tiere ein Mehrwert? Naturgestützt versus Tiergestützte Therapie bei depressiven, früh traumatisierten PatientInnen“, 29. November 2024. DGPPN-Kongress 2024, Berlin, 27.-30. November 2024.
  2. Schramm E et al. (2021): Effectiveness of Nature- and Animal Assisted Mindfulness for Relapse Prevention in Depressed Patients With a History of Childhood Maltreatment.  Frontiers Psychiatry. DOI: 10.3389/fpsyt.2022.899318
  3. Eva-Lotta Brakemeier: „Macht Wald(baden) gesund? Waldtherapie bei Menschen mit Depressionen“. 29. November 2024. DGPPN-Kongress 2024, Berlin, 27.-30. November 2024.
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