Die dritte Auflage der Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ soll noch 2025 erscheinen, berichtete Privatdozentin Dr. Uta Gühne von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Die Leitlinie ist diagnoseübergreifend für Menschen konzipiert, die seit längerer Zeit an einer psychischen Erkrankung leiden und dadurch erhebliche Einschränkungen im Alltag erfahren. Psychosoziale Therapien sollen die Möglichkeiten für Betroffene verbessern, mit einer möglichst großen Selbstbestimmung in ihrem sozialen Umfeld zu leben und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Viele neue Aspekte sind das Resultat des Trialogs mit Vertretern von Betroffenen und Angehörigen im Rahmen der Leitlinienüberarbeitung.
Recovery im Mittelpunkt
Die theoretische Grundlage der psychosozialen Versorgung wurde zu einem Recovery-orientierten Modell weiterentwickelt. „Im Mittelpunkt steht der persönliche Genesungsweg beziehungsweise das Recovery“, betonte Gühne. Die psychosozialen Therapien sind in fünf Dimensionen strukturiert, die auf dieses Ziel ausgerichtet sind:
- Gesundheitskompetenz und Selbsthilfe,
- Beschäftigung und berufliche Teilhabe,
- Gesundheit und Wohlergehen,
- Behandlungsergebnisse und Behandlungskoordination und
- Soziale und kulturelle Teilhabe.
Beschäftigung und berufliche Teilhabe
Die höchste Empfehlungsstufe in diesem Bereich hat die unterstützte Anstellung für die Teilhabe an Arbeit. Nach einer Metaanalyse führt diese Maßnahme wesentlich häufiger zu Beschäftigung als die herkömmliche berufliche Rehabilitation (48,8 % vs. 28,3 % Voraussetzung ist, dass die Betroffenen den Wunsch danach haben. Laut der Querschnittsstudie Impetus wünschen sich etwa 60 % der 18- bis 65-jährigen Patienten mit schwerer psychischer Erkrankung eine bezahlte Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Tatsächlich war nach der 2019 in Bayern und Schwaben durchgeführten Studie 2019 nur ein Viertel dieser Menschen in einer solchen Beschäftigung. Ein Viertel war arbeitslos, zwei von drei in dieser Gruppe bekundeten aber einen großen Wunsch nach einem Arbeitsverhältnis. Die Hälfte derjenigen in einem geschützten Arbeitsverhältnis würden auch gerne in den ersten Arbeitsmarkt wechseln. Von den Frühberenteten äußerte ein Drittel den Wunsch nach einer Tätigkeit am allgemeinen Arbeitsmarkt.
Gesundheit und Wohlergehen
Zur Förderung der Gesundheit sollen Betroffene mit schwerer psychischer Erkrankung individualisiert multimodale Interventionen mit den Schwerpunkten gesunde Ernährung und körperliche Aktivität erhalten. Diese Empfehlung wird durch zahlreiche Metaanalysen gestützt, betonte Gühne. Speziell Bewegungs- und sporttherapeutische Interventionen haben einen hohen Empfehlungsgrad. Neu ist die Empfehlung zur Behandlung der somatischen Komorbiditäten aufgenommen worden, da das erhöhte Mortalitätsrisiko bei schwerer psychischer Erkrankung stark von den somatischen Komorbiditäten abhängt.
Behandlungsergebnisse und Koordination
Um die Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zu verbessern, wird mit hohem Empfehlungsgrad die multiprofessionelle gemeindespsychiatrische und teambasierte Behandlung, die Akutbehandlung im häuslichen Umfeld und die intensive aufsuchende Behandlung empfohlen. So lassen sich Zahl und Dauer stationärer Aufenthalte reduzieren und Behandlungsabbrüche nehmen ab. Das Case-Management gilt als wichtig, die Evidenzlage ist jedoch etwas schwächer. Auch Peer-Support und Genesungsbegleitung werden unter Berücksichtigung der individuellen Wünsche und Bedarfe zur Stärkung des Recovery-Prozesses empfohlen. Bislang nutzen eine Genesungsbegleitung nur 15 % der Betroffenen und nur 38 % kennen diese Möglichkeit überhaupt.
Frühinterventionen gehören dazu
Mit hoher Empfehlungsstärke neu aufgenommen wurde die Frühintervention bei ersten Episoden. Damit wird die Zielgruppe der Leitlinie erweitert, betonte Gühne. Menschen mit ersten Episoden psychotischer oder anderer schwerer psychischer Erkrankung sollen frühzeitig eine koordinierte, umfassende und multiprofessionelle Behandlung, bei Erfordernis aufsuchend und Setting-übergreifend, erhalten. So sollen Verschlechterung und Chronifizierung der Symptome, erneute Krankheitsepisoden und die soziale Exklusion verhindert werden.
Soziale und kulturelle Teilhabe
Bislang waren in diesem Bereich Wohnen mit mobiler Unterstützung und mit etwas weniger hoher Empfehlungsstärke Ergotherapie und künstlerische Therapien empfohlen. Das wird nun deutlich erweitert. Neu hinzugekommen ist die evidenzbasierte Empfehlung für psychosoziale Interventionen in sozialen Kontexten. Genannt werden Familieninterventionen, Angehörigeninterventionen, Interventionen zur unterstützten Elternschaft und die Stärkung von sozialen Netzen und Aktivitäten. Eine hohe Empfehlungsstärke erhielt erstmals auch das Training sozialer und sozial-kognitiver Fertigkeiten. Mit etwas weniger guter Evidenz wird das Training von Alltagsfertigkeiten empfohlen.
Gesundheitskompetenz und Selbsthilfe
In diesem Bereich war die Evidenzlage meist begrenzt. Im klinischen Konsens empfohlen werden die trialogische Zusammenarbeit, Informationen zu Selbsthilfegruppen und -organisationen und Informationsmaterialien. Neu ist die „Sollte“-Empfehlung für spezifische Selbstmanagementansätze und eine „Kann“-Empfehlung für digital-gestützte Interventionen, die phasenabhängig und therapeutisch begleitet werden sollen.











