Pandemien, Klimakrise, Kriege und wirtschaftliche Unsicherheiten gehören zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Dies geht nicht spurlos an uns vorbei und vor allem die Psyche von Kindern und Jugendlichen kann in dieser vulnerablen Zeit der individuellen Entwicklung darunter leiden. Wie es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland derzeit bestellt ist, untersuchten zwei Expertinnen aus Hamburg in der COPSY-Studie.
Die COPSY-Studie
Die COPSY-Studie untersuchte ursprünglich die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Dies zeigt sich bereits im Namen der Studie, der für COrona und PSYche steht. In den aktuellen Langzeitdaten, die bislang auf dem Preprint-Server SSRN veröffentlich sind, geht es um die post-pandemischen Herausforderungen wie etwa Sorgen vor Kriegen und wirtschaftliche Unsicherheiten.
Die COPSY-Studie ist eine von wenigen bundesweiten Längsschnittstudien in Deutschland, die seit Beginn der COVID-19-Pandemie die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen untersucht. Erfasst werden das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und die Auswirkungen von Krisen auf die Psychische der jungen Menschen sowie um Ressourcen und Resilienzfaktoren. Durch die Anwendung etablierter Forschungsmethoden ist auch ein Vergleich mit ähnlichen Daten aus der präpandemischen BELLA-Studie möglich.
Daten von über 2.800 Kindern und Jugendlichen vor und nach Corona
Insgesamt nahmen mehr als 2.800 Familien mit Kindern und Jugendlichen an der Studie teil. Die Wiederteilnahme-Quote zu den unterschiedlichen Befragungszeiträumen war hoch, was eine gute Datengrundlage liefert und die Beurteilung individueller Entwicklungsverläufe über die Zeit erlaubt. Die erste Befragung fand im Mai 2020 statt, am Ende des ersten Lockdowns. Danach folgten vier weitere Befragungen während der Pandemie. Die letzten beiden Befragungen fanden im Oktober 2023 und 2024 statt, ebenfalls zu Krisenzeiten, geprägt etwa durch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten.
Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen erreicht Prä-Pandemie-Werte nicht mehr
Die Hauptergebnisse der beiden aktuellen Studien geben Auskunft zur Lebensqualität und zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Verlauf. „Zu Beginn der Pandemie verschlechterte sich die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen im Vergleich zu präpandemischen Daten deutlich. Die höchsten Prävalenz wurden im Winter 2020 während des zweiten bundesweiten Lockdowns festgestellt. Hier berichteten fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, also 48 Prozent, eine geminderte Lebensqualität. In den Jahren 2022 und 2023 konnten wir dann eine Verbesserung der Lebensqualität beobachten. Allerdings setzte sich dieser positive Trend im Herbst 2024 nicht weiter fort. Zuletzt gaben 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine verminderte Lebensqualität an und damit liegt dieser Wert weiterhin etwa 5 Prozent über dem präpandemischen Vergleichswert“, so Dr. Anne Kaman, stellvertretende Leitung, Forschungssektion „Child Public Health“, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und Autorin der COPSY-Studie gegenüber dem Science Media Center.
Daten zu psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen aus der COPSY-Studie
Es wurden auch Daten zu psychischen Auffälligkeiten, Ängsten und depressiven Symptomen erhoben. Bei den psychischen Auffälligkeiten kam es zu einem deutlichen Anstieg während der Pandemie von etwa 10% vor der Pandemie auf bis zu 31%. In der Hochphase und in den Jahren 2022 und 2023 verbesserten sich die Werte wieder. Die aktuellen Daten aus 2024 zeigen, dass immer noch 22% der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten zeigen. Dies zeige, dass sich die psychische Belastung auch hier auf einem erhöhten Niveau eingependelt hat, so Kaman.
Bei Angstsymptome kam es zu Pandemie-Beginn zu einer Verschlechterung, die sich mittlerweile wieder verbessert. Doch auch hier ist die Prävalenz mit 23% auf einem höheren Niveau als vor der Corona-Pandemie. Ähnlich ist der Trend bei depressiven Symptomen.
Was Kinder und Jugendliche aktuell besorgt
Es ist naheliegend, dass die Sorgen und Ängste durch die Corona-Pandemie rückläufig sind. Doch werden sie durch andere Ängste abgelöst. Das zeigen Daten aus der letzten Befragungsrunde der Studie im Herbst 2024. Folgende Themen bereiten den Kindern und Jugendlichen nun Sorgen:
- Klimakrise: 57%
- Wirtschaftliche Krisen: 62%
- Terrorismus und Kriege: 72%.
„Viele Kinder und Jugendliche leiden unter sogenannten krisenbezogenen Zukunftsängsten“, erklärt Kaman. Außerdem zeigen Kinder und Jugendliche mit diesen Zukunftsängsten häufiger psychische Auffälligkeiten, Ängste und auch depressive Symptome. Zukunftsängste und das Risiko, dass die Psyche bedeutend darunter leidet, können durch mehrere Risikofaktoren verstärkt werden. Zu diesen Risikofaktoren zählen: Geringe Bildung der Eltern, psychische Belastungen der Eltern, Migrationshintergrund und beengter Wohnraum.
Was sich positiv auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen auswirkt
Die Daten der COPSY-Studie zeigen neben den Risikofaktoren auch die Ressourcen, welche die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflussen können. Dazu zählen ausgeprägte personale, familiäre und soziale Ressourcen. Kinder, die der Überzeugung sind, dass sie eine Herausforderung aus eigener Kraft meistern können – also eine hohe Selbstwirksamkeit besitzen – haben meist ein positives soziales Umfeld, von dem sie sich gut unterstützt fühlen. Solche Kinder haben ein bis zu zehnfach geringeres Risiko für eine reduzierte Lebensqualität und psychische Auffälligkeiten.
Präventionsmaßnahmen von großer Bedeutung
In Anbetracht der aktuellen Ergebnisse der COPSY-Studie betonen die Autoren und weitere Experten die große Bedeutung von Präventionsmaßnahmen und die Stärkung von Ressourcen. Die Daten zeigen, dass es Kindern und Jugendlichen derzeit tendenziell psychisch schlechter geht. Somit sei eine umfassende Prävention und Versorgung von höchster Wichtigkeit, betonen die Forscher.










