Belastungen im Rettungsdienst und psychische Folgen für Einsatzkräfte
Rettungssanitäter sind täglich mit hochbelastenden Situationen konfrontiert – von lebensbedrohlichen Notfällen über Gewalt im Einsatz bis hin zu Personalmangel und langen Arbeitszeiten. Diese Kombination macht sie besonders anfällig für das sogenannte Second-Victim-Phänomen (SVP). Beim SVP handelt es sich um eine Form emotionaler Traumatisierung nach belastenden Patientensituationen, bei denen sich die medizinischen Fachkräfte danach selbst als zweites Opfer fühlen.
Forschungslücke zu Second-Victim-Phänomen bei Rettungssanitätern
Während Ärzte und Pflegekräfte bereits im Fokus zahlreicher SVP-Studien stehen, wurde das Phänomen bei Rettungssanitätern bisher kaum untersucht. Erste Daten aus Deutschland wiesen auf eine relevante Prävalenz hin, ohne jedoch detaillierte Risikofaktoren oder Schutzmechanismen zu beschreiben. Eine aktuelle Studie eines Teams um Hartwig Marung von der MSH Medical School Hamburg schließt diese Lücke, indem sie die Belastungslage systematisch erfasst.
Querschnittsstudie wertet Daten von fast 700 Rettungskräften aus
Die Querschnittsstudie nutzte den validierten SeViD (Second Victims im Deutschsprachigen Raum)-Fragebogen. Von 699 teilnehmenden Rettungsfachkräften gingen 528 vollständige Datensätze in die Analyse ein. Neben Prävalenz und Symptomatik wurden auch Persönlichkeitsmerkmale (Big Five Inventory [BFI-10]) und bevorzugte Unterstützungsangebote erfasst.
Hohe Prävalenz des Second-Victim-Phänomens bei Rettungskräften in Deutschland
Die Ergebnisse der Studie zeigen:
- 65,3 % der Befragten identifizierten sich als Second Victims, über 53 % innerhalb der letzten 12 Monate.
- Häufigste Auslöser: unerwartete Todesfälle (37,1 %), aggressive Patienten oder Angehörige (19,1 %).
Die Analysen identifizierten verschiedene Risko- und Schutzfaktoren:
- Risikofaktoren: steigende Berufserfahrung (+5,5 % Risiko pro Jahr), Tätigkeit im bodengestützten Intensivtransport (Odds Ratio [OR] = 2,37).
- Schützende Faktoren: männliches Geschlecht (OR = 0,39), hohe Gewissenhaftigkeit (OR = 0,77), extrovertierte Personen (reduziert Symptomlast).
Symptome beim Second-Victim-Phänomen und Unterstützungsbedarf
Viele Second Victims berichteten über depressive Stimmung, Schlafstörungen und das erneute Durchleben des Ereignisses, sowohl unter ähnlichen beruflichen Umständen als auch im nicht beruflichen Kontext. Besonders belastend waren Einsätze, bei denen Kinder involviert waren oder mit mehreren Verletzten bzw. Todesfällen.
Als wichtigste Unterstützungsmaßnahmen nannten die Betroffenen rechtliche Beratung und psychologische Betreuung. Peer-Support-Strukturen sind bislang kaum etabliert, obwohl sie nachweislich wirksam wären.
Fazit: Viele Rettungssanitäter betroffen, Unterstützung dringend notwendig
Die Ergebnisse dieser Studie zum Second-Victim-Phänomen bei Rettungssanitätern in Deutschland verdeutlichen den dringenden Bedarf an strukturierten Unterstützungsprogrammen im Rettungsdienst. Niedrigschwellige Peer-Support-Angebote könnten die psychische Gesundheit der Einsatzkräfte stärken und damit indirekt die Patientensicherheit erhöhen.
Offen bleibt unter anderem die Bedeutung geschlechtsspezifischer Unterschiede sowie die praktische Umsetzung von Peer-Support-Strukturen.











