Erschwerte Risikokommunikation bei Cannabiskonsum
Cannabis zählt weltweit zu den am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanzen. Etwa jede fünfte konsumierende Person entwickelt im Verlauf eine Cannabiskonsumstörung (Cannabis Use Disorder, CUD). Potenz und Vielfalt der Produkte haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Diese Entwicklungen erschweren eine präzise Risikokommunikation, da herkömmliche Angaben zur Konsumfrequenz nur begrenzt Rückschlüsse auf die tatsächliche Wirkstoffexposition zulassen.
Fehlende quantitative Schwellenwerte für Cannabis
In der klinischen Praxis fehlt bislang ein quantitatives Pendant zu den etablierten Alkohol-Einheiten. Empfehlungen zur Schadensminimierung beschränken sich meist auf qualitative Hinweise, etwa zur Reduktion der Konsumhäufigkeit oder zur Vermeidung hochpotenter Produkte. Konkrete, zahlenbasierte Orientierungswerte für eine geringere Gefährdung durch Cannabis existieren bisher kaum.
Bedeutung standardisierter THC-Einheiten für die Risikobewertung
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept standardisierter Tetrahydrocannabinol (THC)-Einheiten an Bedeutung. Die zugrunde liegende Studie analysierte longitudinale Daten der CannTeen-Kohorte, um zu prüfen, inwieweit die wöchentliche THC-Exposition das Risiko einer nach DSM-5 diagnostizierten CUD vorhersagen kann. Besonderes Augenmerk lag auf altersabhängigen Unterschieden zwischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Eine standardisierte Einheit entspricht 5 mg Δ9-Tetrahydrocannabinol und erlaubt eine vergleichbare Erfassung unterschiedlicher Konsumformen und Produktstärken. Damit wird ein zentraler methodischer Mangel früherer Studien adressiert, die entweder ausschließlich die Häufigkeit oder einzelne Konsumformen berücksichtigten.
Studie etabliert THC-Schwellenwerte für Jugendliche und Erwachsene
Analysiert wurden 150 Teilnehmer im Alter von 16–17 bzw. 26–29 Jahren, die innerhalb eines Jahres mindestens einmal Cannabis konsumiert hatten. Der Konsum wurde vierteljährlich mittels eines erweiterten Timeline-Followback-Verfahrens detailliert erfasst und in durchschnittliche wöchentliche THC-Einheiten umgerechnet. Diagnose und Schweregradeinstufung der CUD erfolgten am Studienende anhand eines strukturierten klinischen Interviews.
Zur Bestimmung der Risikoschwellen wurden Grenzwertoptimierungskurven (Receiver Operating Characteristic [ROC]) eingesetzt. Diese erlauben eine Abschätzung, ab welcher THC-Menge pro Woche zwischen Personen mit und ohne CUD zuverlässig unterschieden werden kann. Getrennte Modelle wurden für „jede CUD“ sowie für „moderate bis schwere CUD“ berechnet.
Jugendliche zeigen deutlich niedrigere Schwellenwerte
Die Ergebnisse zeigen eine insgesamt gute bis sehr gute Diskriminationsfähigkeit der wöchentlichen THC-Einheiten. Bei Erwachsenen lag der optimale Schwellenwert für das Vorliegen irgendeiner CUD bei rund 8 THC-Einheiten pro Woche. Für moderate bis schwere Verläufe verschob sich dieser Wert auf etwa 13 Einheiten. Dies weist auf eine dosisabhängige Risikoeskalation hin.
Bei Jugendlichen zeigten sich deutlich niedrigere Schwellenwerte. Bereits ab etwa 6 THC-Einheiten pro Woche war das Risiko sowohl für jede als auch für moderat bis schwer ausgeprägte CUD erhöht. Auffällig ist die geringe Differenz zwischen den beiden Schweregraden, was auf eine erhöhte Vulnerabilität dieser Altersgruppe hinweist und eine klare Dosis-Wirkungs-Trennung erschwert.
Schwierigkeiten bei der Bestimmung von THC-Schwellenwerten
Im Vergleich zu Alkohol erschweren die verschiedenen Wirkstoffe in der Cannabispflanze und die unterschiedlichen Konsumformen die Etablierung von Schwellenwerten. „Im Gegensatz zu Alkohol oder den meisten anderen Drogen enthält Cannabis viele verschiedene Wirkstoffe. THC ist sicherlich der relevanteste dieser Wirkstoffe, weshalb der Fokus auf diese Substanz für die Risikokommunikation auch gerechtfertigt ist“, erklärt Dr. Jakob Manthey, Arbeitsgruppenleiter „Substanzkonsum und Public Health“ am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Meldung.
Weiterhin erklärt der Experte: „Die subjektive Wirkung und das Risikopotenzial von Cannabis werden allerdings nicht nur durch den THC-Gehalt, sondern auch durch andere Wirkstoffe (Cannabinoide) sowie durch die Konsumform und den damit verbundenen Metabolismus beeinflusst. Im Vergleich zur Inhalation wirkt die gleiche Menge THC beispielsweise in Form einer cannabishaltigen Backware sehr viel stärker, wenn sie oral eingenommen wird.“
Einordnung der THC-Schwellenwerte als Grundlage für Präventionsstrategien
Die Studie liefert eine wichtige Grundlage für die Entwicklung quantitativer, risikoorientierter Leitlinien zum Cannabiskonsum. Für Erwachsene könnten wöchentliche THC-Grenzwerte ähnlich den Alkohol-Empfehlungen in der Präventionsarbeit genutzt werden. Für Jugendliche verdeutlichen die Daten hingegen, dass bereits geringe THC-Mengen mit einem erheblichen Risiko einhergehen und abstinenzorientierte Botschaften weiterhin zentral bleiben sollten.










