Pflanzliche Präparate sind bei vielen Rheumapatienten beliebt, da sie als natürliche und nebenwirkungsarme Alternative zu herkömmlichen Medikamenten gelten. Der Markt für solche Präparate boomt, mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro im Jahr 2020 allein in Deutschland. Trotz der Popularität ist die Wirksamkeit dieser Heilmittel wissenschaftlich umstritten. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e.V. (DGRh) hat nun durch ihre Kommission für Komplementäre Heilverfahren und Ernährung die Wirksamkeit von pflanzlichen Arzneimitteln bei rheumatischen Erkrankungen geprüft. Die Ergebnisse, die auf dem Rheumatologiekongress 2024 in Düsseldorf vorgestellt wurden, zeigen, dass pflanzliche Präparate nur einen geringen therapeutischen Nutzen bieten und in einigen Fällen sogar Risiken bergen.
Bewertung pflanzlicher Präparate
Die Kommission der DGRh untersuchte die wissenschaftliche Literatur zu einer Reihe von pflanzlichen Präparaten, die häufig bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden, darunter Borretschöl, Brennnessel, Cannabis, Rosa canina (Heckenrose), Rosmarin, Safran und Weidenrinde. Zudem wurde ein Mischpräparat aus Eschenrinde, Zitterpappelrinde und Echtem Goldrutenkraut, das bei Rheumapatienten bekannt ist, untersucht.
Keine ausreichende klinische Evidenz
Professor Dr. med. Gernot Keyßer, Sprecher der Kommission und Leiter des Arbeitsbereichs Rheumatologie an der Universitätsmedizin Halle, fasst in einer Pressemeldung der DGRh die Ergebnisse der Kommission zusammen. Obwohl tierexperimentelle Studien entzündungshemmende und immunologische Effekte bei vielen dieser Pflanzenstoffe gezeigt haben, fehlen demnach belastbare klinische Daten, die deren Wirksamkeit bei Menschen mit rheumatischen Erkrankungen bestätigen könnten. Keines der untersuchten Präparate konnte in klinischen Studien eine therapeutische Wirksamkeit nachweisen, die deren Einsatz bei entzündlichen Gelenkerkrankungen oder anderen rheumatischen Beschwerden rechtfertigen würde.
Einzelbewertungen der Phytotherapeutika
Die Bewertung der einzelnen Phytotherapeutika fiel wie folgt aus.
- Safran und Rosmarin: Diese beiden Präparate werden von der Kommission generell nicht empfohlen.
- Borretschöl: Borretschöl, das aus Samen gewonnen wird, kann im Rahmen einer gesundheitsbewussten Ernährung verwendet werden, allerdings ohne eine signifikante entzündungshemmende Wirkung zu erwarten. Hier wird eine standardisierte Herstellung empfohlen.
- Brennnessel, Weidenrinde und Rosa canina: Von diesen Präparaten müssen Rheumatologen nicht grundsätzlich abraten, sofern die Patienten eine evidenzbasierte Basistherapie einhalten.
- Mischpräparat aus Eschenrinde, Zitterpappelrinde und Echtem Goldrutenkraut: Auch dieses beliebte Mischpräparat konnte in Studien keinen nachweisbaren Nutzen für Rheuma-Patienten aufzeigen, gilt jedoch als unbedenklich, solange es ergänzend zur etablierten Basistherapie verwendet wird.
- Medizinisches Cannabis: Für medizinisches Cannabis existiert keine ausreichende Evidenz, die eine Empfehlung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen rechtfertigen würde. In Einzelfällen kann Cannabis jedoch zur Linderung chronischer, neuropathischer Schmerzen oder bei Schlafstörungen eingesetzt werden.
Risiken und Nebenwirkungen pflanzlicher Heilmittel
Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass pflanzliche Präparate frei von Nebenwirkungen seien. Professor Dr. Christof Specker, Präsident der DGRh, betont, dass auch pflanzliche Medikamente unerwünschte Wirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, allergische Reaktionen und Hautprobleme hervorrufen können. Zudem birgt die fehlende Standardisierung der Inhaltsstoffe bei frei verkäuflichen Präparaten weitere Risiken. Er weist daraufhin, dass bei sogenannten traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln kein klinischer Wirksamkeitsnachweis erforderlich ist, wenn diese bereits seit mindestens 30 Jahren medizinisch angewendet werden.
Empfehlungen der DGRh
Die DGRh-Kommission empfiehlt, die Anwendung pflanzlicher Heilmittel immer mit einem behandelnden Rheumatologen abzustimmen. Phytotherapeutika können eine Basistherapie ergänzen, dürfen diese jedoch keinesfalls ersetzen. Rheumapatienten, die auf pflanzliche Arzneimittel zurückgreifen, sollten sich der eingeschränkten Wirksamkeit und der möglichen Nebenwirkungen bewusst sein.








