Langfristige Wirksamkeit konservativer Therapien bei chronischen Rückenschmerzen

Chronische Rückenschmerzen verursachen erhebliche individuelle und gesellschaftliche Belastungen. Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt nun, dass konservative Therapien langfristig nur begrenzte Wirksamkeit entfalten, mit den verlässlichsten Effekten für psychologische Verfahren.

Rueckenschmerzen

Chronische Rückenschmerzen gehören zu den weltweit häufigsten muskuloskelettalen Erkrankungen. Sie verursachen erhebliche persönliche Einschränkungen und hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Zwar sind viele konservative Maßnahmen kurzfristig wirksam, doch blieb bisher unklar, ob die Effekte auch langfristig bestehen.

Unzureichende Evidenz zur Langzeitwirksamkeit konservativer Therapien

Chronische Rückenschmerzen verlaufen in der Regel rezidivierend und sind durch eine wechselnde Schmerzintensität gekennzeichnet. Sie zählen zu den Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung. Im Jahresverlauf verursachen Patienten mit chronischen Rückenschmerzen etwa doppelt so hohe Gesundheitskosten wie Personen ohne Rückenschmerzen. Eine Kohortenstudie zeigte, dass zwei Drittel der Betroffenen auch ein Jahr später noch unter Schmerzen und funktionellen Einschränkungen litten.

Leitlinien empfehlen verschiedene konservative Therapien, darunter Bewegung, kognitive Verhaltenstherapie, edukative Ansätze und multimodale Programme. Die zugrunde liegende Evidenz beruht jedoch überwiegend auf Nachbeobachtungszeiten von weniger als zwölf Monaten. Angesichts der chronisch-fluktuierenden Natur der Erkrankung ist diese Datenlage nicht ausreichend.

Aktuelle Ergebnisse der HUNT-Studie

Ergänzend weist eine aktuelle norwegische Kohortenstudie (HUNT-Studie) darauf hin, dass bereits regelmäßiges Gehen präventiv wirken und das Risiko für die Entwicklung chronischer Rückenschmerzen senken kann. Damit liegen erstmals Daten vor, die sowohl den präventiven Nutzen von Alltagsbewegung als auch die langfristige Wirksamkeit therapeutischer Interventionen beleuchten.

Langfristige Wirksamkeit als Studienschwerpunkt

Das Ziel einer aktuellen Übersichtsarbeit war daher, die langfristige Wirksamkeit nicht-chirurgischer Interventionen zu bewerten. In die Analyse wurden randomisierte kontrollierte Studien mit Erwachsenen eingeschlossen, die seit mindestens zwölf Wochen unter Rückenschmerzen litten. Erfasst wurden die Schmerzintensität und Behinderung nach mindestens einem Jahr.

Die Literaturrecherche erfolgte bis Mai 2024 in den Datenbanken MEDLINE, EMBASE und CINAHL. Insgesamt wurden 75 Studien mit 15.395 Teilnehmern eingeschlossen.

Bewegung am häufigsten untersucht

Die meisten Studien wurden im hausärztlichen oder klinischen Umfeld durchgeführt. 91 % der Arbeiten bezogen sich auf unspezifische Rückenschmerzen. Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei rund 46 Jahren, 61 % von ihnen waren Frauen. Am häufigsten wurde die Bewegungstherapie untersucht, während Edukation, Beratung oder Massage nur in Einzelfällen geprüft wurden. Rund zwei Drittel der Studien wiesen ein hohes Risiko für Bias auf, was die Aussagekraft deutlich einschränkt.

Psychologische Verfahren mit den verlässlichsten Effekten

Nach ein bis zwei Jahren zeigten kognitive Verhaltenstherapie und achtsamkeitsbasierte Verfahren kleine bis moderate Verbesserungen sowohl der Schmerzen als auch der Funktion. Diese Ansätze gehören somit zu den Verfahren mit der besten Evidenz.

Programme mit strukturierter Zielsetzung sowie Needling-Methoden führten langfristig zu kleinen, aber signifikanten Verbesserungen der Funktion.

Biopsychosoziale Konzepte und multidisziplinäre Programme, die verschiedene Behandlungsansätze kombinieren, zeigten ebenfalls Potenzial für langfristige Effekte. Aufgrund methodischer Schwächen wurde die Evidenz jedoch nur als niedrig eingestuft.

Bewegungstherapie mit begrenzten Langzeiteffekten

Die Bewegungstherapie war die am häufigsten untersuchte Maßnahme. Während die kurzfristigen Effekte gut belegt sind, fallen die langfristigen Ergebnisse geringer und inkonsistenter aus. Über einen Zeitraum von zwei Jahren konnten leichte funktionelle Vorteile nachgewiesen werden, jedoch keine konsistenten Verbesserungen der Schmerzen.

Passive Verfahren wie manuelle Manipulation oder physikalische Therapien zeigten keine gesicherten Langzeiteffekte. Bei spezifischen Ursachen, wie facettengelenkbedingten Schmerzen, deuteten die Ergebnisse der Radiofrequenzdenervation auf deutliche Verbesserungen hin. Die Evidenz hierfür ist jedoch sehr unsicher und ebenfalls stark von Bias geprägt.

Evidenzlage zu Langzeiteffekten bleibt begrenzt

Keine der untersuchten Interventionen konnte eindeutige und robuste Langzeiteffekte nachweisen. Die Daten für kognitive Verhaltenstherapie und Achtsamkeit weisen die stärkste Evidenz auf. Bewegung und multimodale Konzepte können ergänzend hilfreich sein, auch wenn die Evidenz dafür schwächer ausfällt und die Effekte überwiegend klein bleiben. Passive Verfahren und symptomorientierte Maßnahmen sollten hingegen kritisch bewertet werden. Für den Versorgungsalltag ergibt sich daraus keine grundlegende Veränderung, da die untersuchten Verfahren bereits zu den etablierten Standardtherapien zählen. Die Ergebnisse stärken jedoch die Position psychologischer Verfahren und untermauern die Empfehlung, passive Verfahren zurückhaltend einzusetzen.

Die Ergebnisse der HUNT-Studie zeigen zudem, dass regelmäßiges Gehen präventiv wirkt und das Risiko für die Entwicklung chronischer Rückenschmerzen senken kann. Damit ergänzen sich die Daten zur Prävention und zur Therapie bestehender Beschwerden. Angesichts der hohen Krankheitslast sind psychologische und multimodale Ansätze ein zentraler Bestandteil der Versorgung. Um die Evidenzbasis zu stärken und die Therapieoptionen zu verbessern, sind qualitativ hochwertige, langfristig angelegte Studien erforderlich.

Autor:
Stand:
19.09.2025
Quelle:

Jenkins et al. (2025): Long-term effectiveness of non-surgical interventions for chronic low back pain: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Rheumatology, DOI: 10.1016/ S2665-9913(25)00064-5

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