Die mit antineutrophilen zytoplasmatischen Antikörpern assoziierte Vaskulitis (ANCA-V) stellt eine komplexe Autoimmunerkrankung dar, die üblicherweise in zwei Formen unterteilt wird: die Granulomatose mit Polyangiitis (GPA) sowie die mikroskopische Polyangiitis (MPA). Anhand der ANCA-Spezifität wird außerdem zwischen einer Proteinase-3 (PR3)-ANCA- und einer Myeloperoxidase (MPO)-ANCA-V unterschieden.
Diese dichotomen Subklassifizierungen repräsentieren allerdings die Heterogenität der Manifestationen der ANCA-Vaskulitis nicht ausreichend und sind somit aktuelles Diskussions- und Forschungsthema.
Im Rahmen einer kürzlich publizierten Studie wurde anhand einer cluster-basierten Datenanalyse das phänotypische Spektrum der ANCA-V untersucht. Ziel war es, weitere Möglichkeiten der Subklassifizierung dieser Erkrankung zu finden.
Modellbasierte Cluster einer internationalen Kohorte
Die Studie basiert auf Daten aus dem kollaborativen Daten-Wiederverwendung-Projekt “Findable, Accessible, Interoperable, Reusable, Vasculitis" (FAIRVASC). In diesem sind Vaskulitis-Datenregister aus europäischen Ländern einsichtig.
Für die Studie wurden Patientendaten aus Tschechien, Frankreich, Polen, Irland, Schweden sowie aus einem gemeinsamen Register der deutschsprachigen Länder verwendet.
Basierend auf zwei latenten Gaußschen Variablenmodellen erfolgte ein Clustering von 17 klinischen Variablen. Hierzu zählten Alter, die Konzentrationen des Serum-Kreatinins und des C-reaktiven Proteins (CRP) bei Erstdiagnose, Geschlecht, systemische Symptome und Organbefall, darunter des muskuloskeletalen-, gastrointestinalen- und kardiovaskulären Systems, des zentralen und peripheren Nervensystems sowie von Haut, Augen, Mukosa, Hals, Nase, Rachen und Nieren.
Die Vorhersagekraft der Krankheits-Subklassifizierung in die identifizierten Cluster wurde mit der Vorhersagekraft herkömmlicher Klassifikationen verglichen.
Datenanalyse von 3868 Patienten
In die Studie wurden Daten von 3868 Patienten, die zwischen 1966 und 2023 mit einer ANCA-Vaskulitis diagnostiziert wurden, aufgenommen. Das mittlere Alter lag bei 57 Jahren. Etwa 52% der Patienten waren männlich.
62,9% waren an einer GPA erkrankt, während 37,1% eine MPA hatten. Etwa 18% der Patienten sind im Studienzeitraum verstorben.
Die Nierenbeteiligung stellte den häufigsten spezifischen Organbefall dar und wurde bei 67% der Patienten festgestellt. 16,6% erreichten im Beobachtungszeitraum das Endstadium der Nierenerkrankung. Das am zweithäufigsten befallene Organ war mit 51,2% die Lunge.
Basierend auf phänotypischen und biochemischen Charakteristika sowie Krankheits-Outcomes wurden fünf Cluster identifiziert.
Eingeschränkte Nierenfunktion in drei der fünf Cluster
Ein Cluster mit insgesamt 14,3% der Patienten zeichnete sich durch eine stark eingeschränkte Nierenfunktion bei 99,8% der hier zugehörigen Patienten aus (medianes Serumkreatinin bei 579,5 ųmol/L). Weitere gemeinsame Merkmale waren Lungenbefall, hohe CRP-Werte und eine variable ANCA-Spezifität. Die Autoren bezeichneten dieses als “schweres Nierencluster”.
Das zweite Cluster verzeichnete 20,2% der Patienten. Drei Viertel davon wiesen eine MPO-Spezifität auf, sodass dieses als “MPO-Cluster” bezeichnet wurde. Auch hier bestand ein Nierenbefall (mittleres Serumkreatinin von 238,5 ųl/L). Die CRP-Werte waren in dieser Gruppe niedrig.
Im dritten Cluster mit 17,3% der Patienten und einer ähnlich dem zweiten Cluster eingeschränkten Nierenfunktion (mittleres Serumkreatinin von 221 ųl/L) war die PR3-ANCA-Spezifität bei 82,3% der Patienten dominant, sodass diese namensgebend für das Cluster war.
In den letzten beiden Clustern war die Nierenfunktion weniger bis nicht eingeschränkt.
Das vierte Cluster, bestehend aus 16,7% der Patienten, war gekennzeichnet durch junge Menschen im Durchschnittsalter von 47 Jahren. Bei etwa 70% war die Hals-Nase-Rachen-Region befallen. Mit 17,8% war dieses Cluster häufiger ANCA-negativ als andere Cluster. Es wurde als “junges respiratorisches Cluster” bezeichnet.
Das fünfte und größte Cluster mit 31,1% der Patienten war, wie das dritte Cluster, überwiegend PR3-ANCA-positiv (67,6% der Patienten), zeichnete sich jedoch durch höhere CRP-Werte und mehrere befallene Organe aus. Es wurde somit als “inflammatorisches multisystemisches Cluster” bezeichnet.
Vorhersagekraft des Cluster-Modells herkömmlichen Modellen überlegen
Im Vergleich zu den auf der klinischen Diagnose und dem ANCA-Status basierenden Modellen zeigte das Cluster-basierte Modell eine höhere Vorhersagekraft bezogen auf das Patientenüberleben und die Nierenfunktion.
Fazit: ANCA-Vaskulitis ist vielfältiger als bisher angenommen
Die vorliegende Studie basiert auf der bislang größten ANCA-Vaskulitis-Kohorte. Trotz der Heterogenität der in der Studie verwendeten Daten, welche die Vergleichbarkeit der Ergebnisse einschränken könnten, deuten diese darauf hin, dass die ANCA-V eine sehr vielfältige Erkrankung ist, die sich möglicherweise in mehr Subgruppen einteilen lassen könnte, als die bisher verwendeten dichotomen Konstrukte. Die Autoren empfehlen eine datengesteuerte Subklassifizierung anhand der fünf von ihnen vorgeschlagenen Cluster und weisen auf den Bedarf weiterer Studien zu dieser Thematik hin.









