Diagnose ohne Biopsie: Speichel als Schlüssel zur Sjögren-Diagnostik
Die Diagnose des Sjögren-Syndroms basiert bislang auf invasiven Lippenspeicheldrüsenbiopsien, serologischen Tests sowie zahnärztlichen und ophthalmologischen Untersuchungen. Viele Patienten mit Trockenheitssymptomen erfüllen jedoch nicht die Klassifikationskriterien und werden als Non-Sjögren-Sicca (NSS) klassifiziert – eine bisher wenig erforschte Gruppe mit hohem medizinischem Bedarf. Da Tränen und Speichel von den beim Sjögren-Syndrom entzündeten Drüsen produziert werden, erscheint es plausibel, dass Autoantikörper auch in diesen Körperflüssigkeiten nachgewiesen werden können, ohne dass sie im Serum erscheinen.
Eine aktuelle Querschnittsstudie untersuchte daher das Vorkommen gängiger Autoantikörper im Speichel von Patienten mit Sjögren-Syndrom oder NSS im Vergleich zu gesunden Kontrollen. Dafür wurden gefrorene, unstimulierte Gesamtspeichelproben von 175 Sjögren-Patienten, 225 NSS-Probanden und 46 gesunden Kontrollen auf Anti-Ro60-, Anti-La- und Rheumafaktor (RF)-Autoantikörper der Isotypen IgG und IgA analysiert.
Hohe Prävalenz von Autoantikörpern im Speichel
Die Auswertung zeigte, dass IgG- und IgA-Anti-Ro60-Antikörper im Speichel signifikant häufiger bei Patienten mit Sjögren-Syndrom (71 %) und NSS (40 %) nachweisbar waren als bei gesunden Kontrollen (7 %). Ähnliche Ergebnisse fanden sich für Anti-La-Antikörper: Sie wurden bei 50 % der Sjögren-Patienten, 38 % der NSS-Probanden und nur 2 % der gesunden Kontrollen detektiert – alle Unterschiede waren statistisch signifikant.
RF-Antikörper (IgG und IgA) fanden sich bei 31 % der Sjögren-Patienten, ebenfalls deutlich häufiger als bei NSS (12 %) und gesunden Kontrollen (4 %). Zwischen NSS und Kontrollen bestand diesbezüglich kein signifikanter Unterschied.
Viele seronegative Patienten mit positiven Speichel-Antikörpern
Ein zentrales Ergebnis der Studie war der Nachweis von Speichel-Anti-Ro60-Antikörpern (IgG/IgA) bei 70 % der Sjögren-Patienten und 40 % der NSS-Probanden. Bemerkenswert: Von den Patienten mit positivem Speichelbefund waren 42 % der Sjögren-Patienten und sogar 99 % der NSS-Probanden im Serum negativ für diese Antikörper.
Lediglich 1,5 % der NSS-Probanden und 23 % der seropositiven Sjögren-Patienten wiesen keine Speichel-Antikörper auf. Bei den gesunden Kontrollen zeigten 7 % Autoantikörper im Speichel, jedoch ohne serologisches Korrelat.
Klinische Relevanz bei NSS-Patienten mit Speichel-Anti-Ro60
In einem weiteren Schritt verglichen die Autoren NSS-Probanden mit (NSS+) und ohne (NSS−) Speichel-Anti-Ro60-Antikörper hinsichtlich objektiver Trockenheitsparameter. Während die Ocular Staining Scores vergleichbar waren, zeigten NSS+-Probanden signifikant häufiger pathologische Schirmer-Test-Ergebnisse (34 % vs. 21 %; p = 0,045; Odds Ratio: 1,88), was auf eine ausgeprägtere Beeinträchtigung der Tränendrüsenfunktion hindeutet.
Beim unstimulierten Gesamtspeichelfluss zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Aus der Gruppe der 88 seronegativen NSS-Probanden mit positivem Speichelbefund identifizierten die Autoren 75 Personen, die – sofern Speichel-Anti-Ro60 in die ACR/EULAR-Kriterien aufgenommen würde – als „reklassifiziertes Sjögren-Syndrom“ (R-SjD) gelten könnten.
Diese R-SjD-Gruppe zeigte in den objektiven Trockenheitstests signifikante Unterschiede zur übrigen NSS-Gruppe und ähnelte in ihren Werten stark den klassifizierten Sjögren-Patienten. So zeigten etwa 40 % der R-SjD-Patienten pathologische Schirmer-Werte (vs. 19 % bei NSS), was mit den 43 % der Sjögren-Patienten vergleichbar ist. Ähnliches galt für den unstimulierten Speichelfluss (R-SjD: 63 %, NSS: 39 %, Sjögren: 63 %).
Ein neuer Phänotyp des Sjögren-Syndroms?
Die Studie legt nahe, dass bei bestimmten Sicca- und Sjögren-Patienten die Speicheldrüsen selbst Orte der Antikörperproduktion sind, wobei diese direkt in die Mundhöhle gelangen. Die Identifikation von 75 NSS-Patienten mit Speichel-Antikörpern und objektiven Trockenheitszeichen, die mit denen von Sjögren-Patienten vergleichbar sind, deutet auf einen möglichen neuen Phänotyp hin.
Die gängigen Diagnosekriterien, die auf invasiven Biopsien oder serologischen Nachweisen basieren, könnten diese Patientengruppe übersehen. Interessanterweise wiesen 82 NSS-Probanden mit Speichel-Anti-Ro60 negative Fokus-Scores in der Lippenspeicheldrüsenbiopsie auf – ein Hinweis darauf, dass lokale Immunaktivität auch ohne dichte lymphozytäre Infiltrate bestehen kann.
Die Autoren sehen daher in der Bestimmung von Speichel-Anti-Ro60 ein potenziell nützliches Instrument zur Diagnostik und Klassifikation des Sjögren-Syndroms, insbesondere bei seronegativen Patienten. Immerhin waren 42 % der Sjögren-Patienten mit Speichel-Antikörpern in dieser Studie seronegativ.
Einschränkungen der Studie
Limitationen betreffen unter anderem die begrenzte Kohortengröße, die bekannte Heterogenität des Sjögren-Syndroms sowie das Fehlen einer Analyse von Anti-Ro52, einem weiteren relevanten Biomarker. Zukünftige, longitudinale Studien müssen klären, ob es sich beim R-SjD um eine stabile Entität oder ein Frühstadium des klassischen Sjögren-Syndroms handelt – und ob Speichel- und Serum-Antikörper dieselben Epitope erkennen.







