Ist die Spermaqualität ein Biomarker für die Lebenserwartung?

Die Qualität der Samenparameter – insbesondere die Zahl der beweglichen Spermien - steht im Zusammenhang mit der männlichen Lebenserwartung. Eine dänische Langzeitstudie mit Daten von fast 80.000 Männern liefert belastbare Evidenz für diesen Zusammenhang.

Spermien

Die männliche Fruchtbarkeit ist nicht nur ein Thema der Reproduktionsmedizin, sondern zunehmend auch ein Marker für die allgemeine Gesundheit. Epidemiologische Studien zeigen, dass eingeschränkte Samenparameter mit verschiedenen Gesundheitsrisiken korrelieren – darunter metabolische, endokrine und kardiovaskuläre Erkrankungen. Dennoch blieb unklar, inwieweit die Samenqualität einen prädiktiven Wert für die Lebenserwartung besitzt.

Diese Frage gewinnt angesichts rückläufiger Spermienkonzentrationen bei Männern der westlichen Industrienationen zusätzlich an Relevanz. Die Bestimmung von Samenparametern könnte künftig nicht nur in der Kinderwunschdiagnostik, sondern auch in der präventivmedizinischen Risikostratifizierung von Bedeutung sein.

Spermaanalyse von fast 80.000 Männern

Wie Samenqualität und Gesamtmortalität zusammenhängen, haben nun dänische Wissenschaftler untersucht. Ziel war es, zu klären, ob eine reduzierte Samenqualität unabhängig von Vorerkrankungen oder sozioökonomischen Faktoren mit einer verkürzten Lebenserwartung assoziiert ist. Der Schwerpunkt lag vor allem auf der bisher nie systematisch untersuchten Hypothese, dass die Samenqualität als biologischer Marker für die individuelle Gesundheit und das Altern dienen könnte.

Untersucht wurden 78.284 Männer, deren Sperma zur Fertilitätsbestimmung zwischen 1965 und 2015 untersucht worden war. Die Nachbeobachtung erfolgte über eine mediane Dauer von 23 Jahren anhand nationaler Registerdaten, wobei 8.600 Todesfälle (11,0 %) registriert wurden. Eine jüngere Subkohorte von 59.657 Männern ermöglichte darüber hinaus eine Adjustierung hinsichtlich des Bildungsniveaus und vorbestehender Diagnosen. Bewertet wurden klassische Samenparameter – darunter Spermienkonzentration, Morphologie und Motilität – mit Schwerpunkt auf der Gesamtanzahl beweglicher Spermien.

Besseres Sperma heißt 2–3 Jahre länger leben

Die Ergebnisse zeigen eine klare inverse Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Samenqualität und der Mortalität. Männer mit einer Gesamtanzahl beweglicher Spermien von über 120 Millionen lebten im Median 2,7 Jahre länger als Männer mit weniger als 5 Millionen beweglichen Spermien (80,3 vs. 77,6 Jahre).

Die adjustierten Hazard Ratios (HR) für die Gesamtmortalität lagen – bezogen auf die höchste Referenzkategorie – bei:

  • Azoospermie: HR 1,39
  • 0–5 Mio.: HR 1,61
  • 5–10 Mio.: HR 1,38
  • 10–40 Mio.: HR 1,27
  • 40–80 Mio.: HR 1,16
  • 80–120 Mio.: HR 1,19

Diese Zusammenhänge zeigten sich auch nach Berücksichtigung von Bildungsniveau und Vorerkrankungen stabil. Damit bestätigt sich die Hypothese, dass die Samenqualität über ihre reproduktive Bedeutung hinaus ein potenzieller Biomarker für das individuelle Gesundheitsrisiko ist.

Die Studie gibt allerdings keine Auskunft darüber, wie sich Verhaltensfaktoren wie Rauchen oder Ernährungsgewohnheiten auf die Spermienqualität bzw. auf die Lebenserwartung auswirken. Unklar blieb zudem, ob die Azoospermie durch obstruktive oder nicht-obstruktive Ursachen bedingt war.

Präventionsprogramme für Männer mit eingeschränkter Spermienzahl

Fazit der Autoren: Die Samenanalyse könnte über die Reproduktionsmedizin hinaus prognostischen Wert für das allgemeine Gesundheitsrisiko besitzen. In der klinischen Praxis könnte dies dazu führen, Männer mit deutlich reduzierter Samenqualität früher in präventivmedizinische Programme einzubinden. Zukünftige Studien sollten prüfen, inwieweit Samenparameter mit Biomarkern des Alterns, inflammatorischen Prozessen oder metabolischer Dysregulation korrelieren.

Autor:
Stand:
25.05.2025
Quelle:

Priskorn, L. et al. (2025): Semen quality and lifespan: a study of 78 284 men followed for up to 50 years. Human Reproduction, DOI: /10.1093/humrep/deaf023

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