Alfentanil

Alfentanil ist ein potentes, kurz wirkendes synthetisches Opioidanalgetikum. Es wird hauptsächlich in der Anästhesiologie zur Einleitung und Aufrechterhaltung der Anästhesie sowie für die Analgesie während kurzer chirurgischer Eingriffe eingesetzt.

Alfentanil

Anwendung

Alfentanil ist bei Erwachsenen indiziert als:

  • Analgetikum bei Einleitung einer Allgemeinanästhesie
  • Analgetikum bei Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie

Alfentanil ist bei Neugeborenen, Kleinkindern und Kindern indiziert als:

  • Opioid in Verbindung mit einem Hypnotikum zur Einleitung einer Anästhesie
  • narkotisches Analgetikum in Verbindung mit einer Allgemeinanästhesie sowohl für kurze als auch langdauernde Eingriffe

Wirkmechanismus

Alfentanil ist ein synthetisches Opioid der Phenylpiperidin-Klasse und wirkt hauptsächlich als Agonist am μ-Opioid-Rezeptor (MOR), der in zentralen und peripheren Nervensystemen weit verbreitet ist. Die Bindung von Alfentanil an diese Rezeptoren initiiert eine intrazelluläre Signalkaskade, die durch die Aktivierung von G-Proteinen vermittelt wird, was zu einer verminderten neuronalen Erregbarkeit führt. Dies geschieht durch die Hemmung der Adenylylcyclase, was wiederum die Reduktion der cAMP-Spiegel zur Folge hat und in einer verringerten Freisetzung von Schmerzneurotransmittern wie Substanz P, Glutamat und anderen Neuropeptiden aus den präsynaptischen Nervenenden resultiert.

Auf postsynaptischer Ebene führt die Aktivierung der MORs zur Öffnung von Kaliumkanälen, was zu einer Hyperpolarisation der Nervenzelle und einer weiteren Reduktion der neuronalen Aktivität beiträgt. Gleichzeitig wird die Leitfähigkeit von Calciumkanälen reduziert, was die Neurotransmitterfreisetzung zusätzlich dämpft. Diese Mechanismen zusammen führen zu einer starken analgetischen Wirkung, indem sie die Schmerzsignale im Rückenmark und im Gehirn dämpfen.

Neben den analgetischen Effekten verursacht Alfentanil sedierende Wirkungen durch die Modulation der Aktivität im zentralen Nervensystem, insbesondere im Hirnstamm und in der Medulla oblongata, was zu einer Verringerung der Bewusstseinsebene führt. Durch seine schnelle Penetration durch die Blut-Hirn-Schranke zeigt Alfentanil eine rasche Anschlagszeit, was es für die Anwendung bei kurzen, schmerzhaften Eingriffen besonders geeignet macht. Die kurze Wirkdauer von Alfentanil ist primär auf seine schnelle Redistribution aus dem zentralen Nervensystem in weniger durchblutete Gewebe sowie seinen raschen Metabolismus und Elimination zurückzuführen.

Opioide

Dosierung

Erwachsene

  • Kurzeingriffe (bis 10 Minuten): 15-20 Mikrogramm/kg Körpergewicht als i.v. Bolus-Dosis
  • Mittlere Eingriffe (10-30 Minuten): 20-40 Mikrogramm/kg
  • Längere Eingriffe (30-60 Minuten): 40-80 Mikrogramm/kg
  • Langzeiteingriffe (>60 Minuten): Anfangs eine Bolusinjektion, gefolgt von einer Infusion zur Aufrechterhaltung

Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie

  • Fraktionierte Bolusinjektionen: 5-15 Mikrogramm/kg alle 15 Minuten.
  • Infusion: 0,5-3,0 Mikrogramm/kg/min, idealerweise per Perfusor.

Besondere Patientengruppen

  • Ältere Patienten (>65 Jahre) und solche mit reduziertem Allgemeinzustand sollten niedrigere Dosen erhalten.
  • Bei Nieren- oder Leberinsuffizienz ist eine Dosisreduktion zu erwägen.
  • Patienten mit Opioidtoleranz könnten höhere Dosen benötigen.

Kinder und Jugendliche

  • Neugeborene (0-27 Tage): Geringere Dosis aufgrund variabler Pharmakokinetik und geringerer Plasmaclearance.
  • Säuglinge und Kleinkinder (28 Tage bis 23 Monate): Infusionsrate eventuell erhöhen.
  • Kinder (2-11 Jahre): Infusionsrate eventuell erhöhen.
  • Jugendliche: Keine spezifischen Anpassungen notwendig; Dosierung ähnlich wie bei Erwachsenen.

Dosierungsempfehlungen für Kinder

  • Zur Einleitung: 10-20 Mikrogramm/kg
  • Zusätzliche Injektionen: 5-10 Mikrogramm/kg bei Bedarf
  • Infusion zur Aufrechterhaltung: 0,5-2 Mikrogramm/kg/min

Nebenwirkungen

Eine sehr häufige Nebenwirkung von Alfentanil sind Übelkeit und Erbrechen.

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Alfentanil zu beachten:

  • Sedativa und andere zentral dämpfende Arzneimittel: Die Kombination von Alfentanil mit Benzodiazepinen, Barbituraten, Neuroleptika, Allgemeinanästhetika, Alkohol oder Gabapentinoiden kann das Risiko von Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod erhöhen. Eine Dosisanpassung von Alfentanil kann notwendig sein.
  • Cytochrom-P450-3A4 (CYP3A4)-Inhibitoren: Starke Inhibitoren dieses Enzyms können den Abbau von Alfentanil hemmen und somit das Risiko einer verlängerten Atemdepression erhöhen. Eine sorgfältige Überwachung und eventuelle Dosisreduktion von Alfentanil sind erforderlich.
  • Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer) und serotonerge Arzneimittel: Vor chirurgischen Eingriffen sollte die Einnahme von MAO-Hemmern pausiert werden. Die gleichzeitige Anwendung mit serotonergen Arzneimitteln kann das Risiko eines Serotonin-Syndroms erhöhen.
  • Anpassung der Dosis bei Kombination mit Propofol: Die gleichzeitige Anwendung von Alfentanil und Propofol kann eine niedrigere Dosis von Alfentanil notwendig machen, um das Risiko einer Atemdepression zu minimieren.

Kontraindikationen

Alfentanil darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
  • chronisch obstruktiver Lungenerkrankung und Atemdepression ohne gleichzeitige Beatmung
  • Krankheitszuständen, bei denen eine Dämpfung des Atemzentrums vermieden werden muss
  • akuten hepatischen Porphyrien

Anwendungshinweise

Alfentanil, wie andere starke Opioide, birgt spezifische Risiken und erfordert besondere Vorsichtsmaßnahmen während der Anwendung:

  • Atemdepression: Alfentanil kann eine dosisabhängige Atemdepression auslösen, die mit Opioidantagonisten reversibel ist. Wegen der kurzen Wirkdauer dieser Antagonisten kann eine erneute Atemdepression auftreten, die wiederholte Gabe des Antagonisten erforderlich macht. Besonders in der tiefen Anästhesie und postoperativ ist eine sorgfältige Überwachung der Patienten essenziell.
  • Hyperventilation: Während der Anästhesie kann Hyperventilation die CO2-Antwort des Atemzentrums schwächen, was postoperativ die Atmung beeinträchtigen kann.
  • Toleranz und Opioidgebrauchsstörung: Langfristige Opioidanwendung kann zu Toleranz, physischer und psychischer Abhängigkeit führen. Das Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit ist erhöht bei Personen mit einer Vorgeschichte von Substanzgebrauchsstörungen.
  • Neugeborenen-Entzugssyndrom: Langzeitgebrauch von Opioiden während der Schwangerschaft kann bei Neugeborenen ein Entzugssyndrom verursachen.
  • Muskelrigidität: Kann auftreten, ist jedoch meist vermeidbar durch langsame i.v. Injektion, Prämedikation mit Benzodiazepinen oder die Verwendung von Muskelrelaxanzien.
  • Herz-Kreislauf-System: Alfentanil kann Bradykardie oder Hypotonie auslösen, vor allem bei Unterdosierung von Anticholinergika oder Kombination mit nicht-vagolytischen Relaxanzien. Atropin kann gegen Bradykardie eingesetzt werden.
  • Erhöhter intrakranialer Druck: Bei Patienten mit erhöhtem Hirndruck sollten schnelle Bolusinjektionen vermieden werden.
  • Opioid-induzierte Hyperalgesie (OIH): Langzeitanwendung hoher Dosen kann paradoxerweise zu einer Zunahme der Schmerzwahrnehmung führen.
  • Sedierende Arzneimittel: Die Kombination mit Sedativa kann zu verstärkter Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod führen. Patienten sind engmaschig zu überwachen.
  • Besondere Patientengruppen: Bei älteren, nieren- oder leberinsuffizienten Patienten, sowie bei Neugeborenen und sehr jungen Kindern ist besondere Vorsicht geboten und die Dosis entsprechend anzupassen.

Alternativen

Folgende Behandlungsalternativen zu Alfentanil können im Kontext der Schmerzbehandlung und Anästhesie in Frage kommen:

  • Fentanyl: Ein anderes stark wirkendes, synthetisches Opioid mit längerer Wirkdauer als Alfentanil, häufig verwendet in der Anästhesie und Schmerztherapie.
  • Remifentanil: Ein sehr kurz wirkendes Opioid, das schnell abgebaut wird und für seine einfache Steuerbarkeit während operativer Eingriffe bekannt ist.
  • Sufentanil: Ein extrem potentes Opioid, das in der Anästhesie für seine starke analgetische Wirkung und relativ kurze Wirkdauer genutzt wird.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
416.52 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 1.5 H
Q0-Wert:
1.0
Kindstoff(e):
Autor:
Stand:
14.02.2024
Quelle:

Fachinformation Alfentanil-hameln 0,5 mg/ml Injektionslösung

 

Abbildung:
Anika Mifka adapted from Mutschler Arzneimittelwirkungen, 11. Auflage (S. 273); Marcianò et al. (2023): The Pharmacological Treatment of Chronic Pain: From Guidelines to Daily Clinical Practice. Pharmaceutics, DOI: https://doi.org/10.3390/pharmaceutics15041165; https://www.swisseduc.ch/chemie/molekularium/proteine_op/mu_opioid/b/index.html

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