Alitretinoin

Alitretinoin ist ein oraler Retinoid-Rezeptoragonist mit hoher Affinität zu allen Retinoidrezeptoren, insbesondere den RAR- und RXR-Subtypen, was zu einer Regulation der Zellproliferation, -differenzierung und apoptotischen Prozessen führt. Es wird zur Behandlung von schwerer chronischer Handekzeme eingesetzt, die auf topische Kortikosteroide nicht ansprechen.

Alitretinoin

Anwendung

Der Wirkstoff Alitretinoin ist zugelassen für die Behandlung von Erwachsenen mit schwerem chronischem Handekzem, das gegenüber starken topischen Kortikosteroiden resistent ist.

Achtung!

Aufgrund seiner Teratogenität, also des Risikos schwerer Geburtsfehler bei Einnahme während der Schwangerschaft, sind während der Behandlung und bis zu einem Monat nach Therapieende strenge Verhütungsmaßnahmen erforderlich.

Anwendungsart

Alitretinoin ist in Form von Weichkapseln für die orale Anwendung auf dem deutschen Markt verfügbar.

Wirkmechanismus

Alitretinoin wirkt durch Aktivierung nukleärer Retinoidrezeptoren, einschließlich Retinsäurerezeptoren (RAR) und Retinoid-X-Rezeptoren (RXR). Diese Rezeptoren fungieren als Transkriptionsfaktoren, die die Expression spezifischer Gene regulieren, welche an der Zellproliferation, -differenzierung und an apoptotischen Prozessen beteiligt sind. Durch die Bindung an diese Rezeptoren moduliert Alitretinoin die pathologischen Mechanismen bei Hauterkrankungen, indem es die Zellteilung normalisiert und die Ausbildung von gesunder Haut fördert. Besonders bei chronischem Handekzem reduziert es Entzündungen und hyperkeratotische Läsionen.

Dosierung

Verschreibung:

  • Nur durch Dermatologen oder Ärzte, die mit systemischen Retinoiden vertraut sind.
  • Bei gebärfähigen Frauen auf 30 Tage limitiert, mit erforderlicher erneuter Verschreibung für fortgesetzte Behandlung.

Empfohlene Dosis:

  • Anfangsdosis: 30 mg einmal täglich.
  • Die Weichkapseln einmal täglich mit einer Hauptmahlzeit einnehmen, vorzugsweise zur gleichen Tageszeit.
  • Anpassung: Reduzierung auf 10 mg täglich bei unverantwortbaren Nebenwirkungen.
  • Beide Dosierungen (10 mg und 30 mg) können wirksam sein, wobei 30 mg schneller wirkt und eine höhere Ansprechrate hat. Die 10 mg Dosis ist mit weniger Nebenwirkungen verbunden.

Dauer der Behandlung:

  • Üblicherweise 12 bis 24 Wochen.
  • Abbruch empfohlen, wenn die Hände vor 24 Wochen vollständig oder fast vollständig abgeheilt sind.
  • Bei ausbleibender Besserung nach 12 Wochen kontinuierlicher Behandlung ist ein Therapieabbruch in Betracht zu ziehen.

Nebenwirkungen

Die unter einer Alitretinoin-Therapie am häufigsten beobachteten unerwünschten Wirkungen sind:

  • Kopfschmerzen
  • Erythem
  • Übelkeit
  • Gesichtsröte
  • Erhöhte Triglyceridwerte
  • Erhöhte Cholesterinwerte
  • Erniedrigte Thyreotropinwerte (TSH)
  • Erniedrigte Werte an freiem T4

Auftretende Nebenwirkungen sind dosisabhängig und können durch eine Dosisreduzierung gemindert werden.

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Alitretinoin zu beachten:

  • Pharmakokinetische Wechselwirkungen: Alitretinoin wird durch bestimmte Enzyme (Cytochrom P450 - CYP2C9, CYP2C8, CYP3A4) abgebaut. Die Verwendung von Medikamenten, die diese Enzyme hemmen, kann die Konzentration von Alitretinoin im Blut erhöhen. Dies gilt z.B. für Ketoconazol, was eine Dosisanpassung von Alitretinoin nötig machen kann. Die Wirkung anderer CYP3A4-Hemmer wurde nicht explizit untersucht, aber es ist Vorsicht geboten.
  • Bei gleichzeitiger Anwendung mit starken CYP2C9- oder CYP2C8-Hemmern könnte eine Reduktion der Alitretinoin-Dosis erforderlich sein.
  • Einfluss auf andere Medikamente: Alitretinoin kann die Wirksamkeit von Medikamenten beeinflussen, die von CYP2C8 abgebaut werden, wie z.B. Amiodaron. Eine gemeinsame Anwendung wird nicht empfohlen.
  • Pharmakodynamische Wechselwirkungen: Die gleichzeitige Einnahme von Alitretinoin mit Vitamin A oder anderen Retinoiden kann zu einer Hypervitaminose A führen und sollte vermieden werden. Zudem kann die Kombination mit Tetrazyklinen das Risiko einer benignen Erhöhung des Schädelinnendrucks erhöhen, daher sollte diese Kombination vermieden werden.

Kontraindikationen

Alitretinoin darf nicht angewendet werden bei:

  • schwangeren Frauen (absolut kontraindiziert)
  • Frauen im gebärfähigen Alter, es sei denn, alle Bedingungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms werden eingehalten.
  • Patienten mit Allergien gegen Erdnüsse oder Soja oder mit der seltenen, angeborenen Fructose-Intoleranz, da Alitretinoin Sojaöl enthält.
  • stillenden Frauen.
  • Patienten mit Leberinsuffizienz.
  • Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz.
  • Patienten mit nicht ausreichend eingestellter Hypercholesterinämie.
  • Patienten mit nicht ausreichend eingestellter Hypertriglyceridämie.
  • Patienten mit nicht ausreichend eingestelltem Hypothyreoidismus.
  • Patienten mit Hypervitaminose A.
  • Patienten mit einer Überempfindlichkeit gegenüber Alitretinoin, anderen Retinoiden, Soja, Erdnüssen oder einem der sonstigen Bestandteile.
  • Patienten, die gleichzeitig eine Tetrazyklin-Behandlung erhalten.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Alitretinoin zu beachten:

  • Teratogene Effekte: Alitretinoin ist ein starkes Teratogen, das schwere Missbildungen beim ungeborenen Kind verursachen kann und ist daher bei schwangeren Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter ohne strenge Einhaltung eines Schwangerschaftsverhütungsprogramms kontraindiziert.
  • Schwangerschaftsverhütungsprogramm: Für Frauen im gebärfähigen Alter ist Alitretinoin nur unter der Bedingung zugelassen, dass ein umfassendes Verhütungsprogramm befolgt wird. Dies beinhaltet die Anwendung zuverlässiger Empfängnisverhütungsmethoden vor, während und nach der Behandlung sowie regelmäßige Schwangerschaftstests.
  • Empfängnisverhütung und Schwangerschaftstests: Frauen müssen mindestens einen Monat vor Behandlungsbeginn, während der Behandlung und einen Monat nach Behandlungsende zuverlässige Empfängnisverhütung anwenden. Monatliche Schwangerschaftstests sind erforderlich, um eine Schwangerschaft auszuschließen.
  • Psychiatrische Störungen: Berichte über Depressionen, Angstzustände und in seltenen Fällen über Suizidgedanken bei mit Alitretinoin behandelten Patienten erfordern eine sorgfältige Überwachung auf psychische Veränderungen.
  • UV-Strahlung: Patienten sollten während der Behandlung mit Alitretinoin direktes Sonnenlicht meiden und bei Bedarf Sonnenschutzmittel verwenden, da die Retinoid-Therapie die Hautempfindlichkeit gegenüber UV-Strahlung erhöht.
  • Leberfunktion und Blutfettwerte: Regelmäßige Überwachung der Leberfunktion und Blutfettwerte ist notwendig, da Alitretinoin zu Erhöhungen führen kann.
  • Augenerkrankungen: Augentrockenheit und Sehstörungen können auftreten, wobei Patienten mit Symptomen augenärztlich untersucht werden sollten.
  • Patienteninformation und -schulung: Sowohl männliche als auch weibliche Patienten müssen umfassend über die Risiken, insbesondere das teratogene Risiko, informiert und im Rahmen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms geschult werden.

Alternativen

Für schwere chronische Handekzeme, die nicht auf potente topische Kortikosteroide ansprechen, gibt es mehrere Behandlungsalternativen. Diese Alternativen variieren in ihrer Wirkweise und Anwendungsform:

  • Topische Calcineurin-Inhibitoren: Tacrolimus-Salbe oder Pimecrolimus-Creme können bei bestimmten Patienten wirksam sein, insbesondere bei solchen mit einer Neigung zu entzündlichen Hauterkrankungen.
  • Phototherapie: Behandlungen wie die Schmalband-UVB-Therapie oder die PUVA-Therapie (Psoralen plus UVA) können bei einigen Formen von Ekzemen zur Verbesserung führen.
  • Systemische Kortikosteroide: Obwohl sie aufgrund potenzieller langfristiger Nebenwirkungen nicht bevorzugt werden, können orale Kortikosteroide kurzfristig bei schweren Exazerbationen eingesetzt werden.
  • Ciclosporin: Ein orales Immunsuppressivum, das in einigen Fällen von schwerem Ekzem wirksam ist, aber ein sorgfältiges Monitoring erfordert.
  • Methotrexat: Ein weiteres systemisches Medikament, das bei der Behandlung schwerer Ekzeme nützlich sein kann, insbesondere wenn andere Behandlungen fehlschlagen.
  • Azathioprin: Ein Immunsuppressivum, das in einigen Fällen zur Kontrolle schwerer Ekzeme eingesetzt wird, wobei die Behandlung ein sorgfältiges Monitoring der Blutwerte erfordert.
  • Dupilumab: Ein monoklonaler Antikörper, der für die Behandlung von mittelschwerer bis schwerer atopischer Dermatitis bei Erwachsenen zugelassen ist, könnte off-label oder in zukünftigen Indikationserweiterungen eine Option für bestimmte Patienten mit chronischem Handekzem sein.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
300.44 g·mol-1
Autor:
Stand:
27.03.2024
Quelle:

Fachinformation Toctino

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