Angiotensin II
Angiotensin II wird zur Behandlung von refraktärer Hypotonie bei Erwachsenen mit septischem oder distributivem Schock eingesetzt, die trotz vollständiger Volumenrestitution und Anwendung von Katecholaminen oder anderen Vasopressoren hypotensiv bleiben.
Angiotensin II: Übersicht
Anwendung
Angiotensin II wird in Deutschland unter dem Markennamen Giapreza vertrieben. Der Wirkstoff findet Anwendung in der Therapie der refraktären Hypotonie bei Erwachsenen mit einem septischen oder anderen distributiven Schock, die trotz einer angemessenen Wiederherstellung des Volumens und der Anwendung von Katecholaminen oder anderen verfügbaren gefäßverengenden Therapien hypotensiv bleiben.
Anwendungsart
Angiotensin II ist ausschließlich zur intravenösen Verabreichung bestimmt und muss vor der Anwendung verdünnt werden. Es wird empfohlen, Angiotensin II kontinuierlich über einen zentralen Venenzugang zu infundieren, wobei eine sorgfältige Überwachung der Hämodynamik und der Endorganperfusion erforderlich ist.
Wirkmechanismus
Angiotensin II steigert den Blutdruck durch Gefäßkonstriktion. Die Bindung von Angiotensin II an den G-Protein-gekoppelten Rezeptor Typ 1 auf glatten Gefäßmuskelzellen stimuliert die Ca2+/Calmodulin-abhängige Phosphorylierung von Myosin, was zu einer Muskelkontraktion führt. Diese Aktivität führt auch zur vermehrten Freisetzung von Aldosteron aus der Gefäßwand.
Pharmakokinetik
Die Plasmahalbwertszeit von intravenös verabreichtem Angiotensin II beträgt weniger als eine Minute. Der Abbau erfolgt durch Endspaltung an beiden Enden des Moleküls (Amino- und Carboxy-Terminus) in verschiedenen Geweben, darunter Erythrozyten, Plasma und Hauptorgane wie Darm, Nieren, Leber und Lunge.
Es gibt keine Studien der Pharmakokinetik von Angiotensin II bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion.
Dosierung
Folgende Dosierungsangaben sind bei der Behandlung mit Angiotensin II zu beachten:
- Anfangsdosis: 20 ng/kg pro Minute als kontinuierliche intravenöse Infusion.
- Dosisanpassung: Kann in Schritten von bis zu 15 ng/kg pro Minute alle 5 Minuten erhöht werden, abhängig vom Blutdruck und Zieldruck.
- Maximale Infusionsgeschwindigkeit: 80 ng/kg pro Minute in den ersten 3 Stunden.
- Erhaltungsdosis: Sollte 40 ng/kg pro Minute nicht überschreiten.
- Minimaldosis: 1,25 ng/kg pro Minute, wenn nötig.
- Behandlungsdauer: Durchschnittlich 48 Stunden; kann variieren von 3,5 bis 168 Stunden.
- Absetzen der Therapie: Sollte schrittweise erfolgen, um eine Hypotonie zu vermeiden.
Es ist wichtig, die geringstmögliche Dosis zu verwenden, die noch eine ausreichende Gewebedurchblutung sowie einen angemessenen arteriellen Blutdruck sichert. Zudem sollte der Blutdruck engmaschig überwacht werden, um die Dosis gegebenenfalls entsprechend anpassen zu können.
Nebenwirkungen
Zu den sehr häufigen Nebenwirkungen, die während einer Therapie mit Angiotensin II auftreten können, zählen:
- Thromboembolische Ereignisse
- Vorübergehende Hypertonie
Häufige Nebenwirkungen, die potenziell unter Angiotensin II auftreten können, umfassen:
- Tachykardie
- Periphere Ischämie
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Angiotensin II zu beachten:
- Reaktion auf ACE-Hemmer: Patienten, die kürzlich ACE-Hemmer erhalten haben, können empfindlicher auf Angiotensin II reagieren und eine verstärkte Wirkung erleben.
- Reaktion auf ARB: Patienten, die kürzlich Angiotensin-II-Rezeptorblocker erhalten haben, können weniger sensibel auf Angiotensin II reagieren und ein schwächeres Ansprechen zeigen.
- Kombination mit anderen Vasopressoren: Die gleichzeitige Anwendung mit anderen Vasopressoren kann zu einer additiven Wirkung auf den Blutdruck führen und eine Dosisanpassung der anderen Vasopressoren erforderlich machen.
Kontraindikationen
Die Anwendung von Angiotensin II ist kontraindiziert bei Überempfindlichkeit oder Allergie gegen den Wirkstoff.
Schwangerschaft
Es gibt nur begrenzte Daten zur Anwendung von Angiotensin II bei Schwangeren. Angiotensin II sollte in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der Nutzen das potenzielle Risiko für den Fötus überwiegt.
Stillzeit
Es ist unklar, ob Angiotensin II oder dessen Metaboliten in die Muttermilch übergehen. Ein Risiko für Neugeborene kann nicht ausgeschlossen werden. Das Stillen sollte während der Behandlung mit Angiotensin II unterbrochen werden.
Verkehrstüchtigkeit
Es gibt keine Daten, inwiefern sich Angiotensin II auf die Fähigkeit, am Straßenverkehr teilzunehmen bzw. Maschinen zu bedienen, auswirkt.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Angiotensin II zu beachten:
- Einschränkung des Anwendungsgebiets: Angiotensin II ist ausschließlich für den Einsatz bei septischem oder distributivem Schock zugelassen. Die Anwendung bei anderen Schockformen wie kardiogenem Schock wird nicht empfohlen.
- Thromboembolische Ereignisse: Bei der Anwendung wurden erhöhte Raten an venösen Thromboembolien festgestellt. Eine VTE-Prophylaxe wird empfohlen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen.
- Periphere Ischämie: Die niedrigste effektive Dosis sollte verwendet werden, um periphere Ischämien zu vermeiden.
- Absetzen der Therapie: Angiotensin II sollte schrittweise reduziert werden, um Hypotonie oder eine Verschlimmerung des Schocks zu verhindern.
Alternativen
Angiotensin II wird ausschließlich bei Patienten mit refraktärer Hypotonie im Rahmen eines distributiven Schocks eingesetzt, wenn trotz Volumenrestitution sowie aller sonstigen gefäßverengenden Therapien die Hypotonie nicht ausreichend ausgeglichen werden konnte.
Wenn unter Angiotensin II die Hypotonie weiterhin refraktär bleibt, können weitere Schritte erforderlich sein, die auf die spezifischen Bedürfnisse und die Schwere des Schockzustandes des Patienten zugeschnitten sind. Optionen können eine Anpassung der Dosis anderer Vasopressoren, der Einsatz zusätzlicher unterstützender Therapien wie mechanische Kreislaufunterstützung oder andere spezielle medikamentöse Therapien umfassen. In solchen Fällen ist eine enge Überwachung und spezialisierte intensivmedizinische Betreuung entscheidend.
- Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
- Scholz et al., Taschenbuch der Arzneibehandlung, 2005, Springer
- Europäische Arzneimittelagentur (EPAR): Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels Giapreza










