Cangrelor
Cangrelor ist ein intravenös verabreichter, reversibler P2Y12-Rezeptor-Antagonist, der die Plättchenaggregation hemmt. Der Wirkstoff wird hauptsächlich eingesetzt um thrombotische kardiovaskuläre Komplikationen bei Erwachsenen mit Koronarsyndrom zu verhindern, die sich einer perkutanen Koronarintervention unterziehen.
Cangrelor: Übersicht

Anwendung
Cangrelor wird in Kombination mit Acetylsalicylsäure (ASS) verabreicht und ist indiziert für die Senkung von thrombotischen kardiovaskulären Ereignissen bei erwachsenen Patienten mit koronarer Herzkrankheit, die sich einer perkutanen Koronarintervention (PCI) unterziehen und vor Einleitung der PCI keine oralen P2Y12-Hemmer erhielten und bei denen eine orale Therapie mit P2Y12-Hemmern nicht möglich oder wünschenswert ist.
Wirkmechanismus
Cangrelor ist ein intravenöser, reversibler P2Y12-Rezeptorantagonist, welcher eine zentrale Rolle in der Thrombozytenaktivierung und -aggregation spielt. Der Wirkstoff bindet direkt und kompetitiv an den P2Y12-Rezeptor, einem G-Protein-gekoppelten Rezeptor, der normalerweise durch das endogene Nukleotid Adenosindiphosphat (ADP) aktiviert wird. Durch die Hemmung dieses Rezeptors blockiert Cangrelor die ADP-vermittelte Aktivierung des intrazellulären G-Proteins Gi, was wiederum die Hemmung der Adenylatcyclase und somit eine verminderte Umwandlung von ATP zu zyklischem AMP (cAMP) zur Folge hat.
Das reduzierte cAMP-Niveau führt zu einer verminderten Aktivierung der Proteinkinase A (PKA). Diese verminderte Aktivität der PKA resultiert in einer geringeren Phosphorylierung des Vasodilatator-stimulierten Phosphoproteins (VASP), das eine Schlüsselrolle in der Hemmung der Thrombozytenaggregation spielt. Darüber hinaus verhindert Cangrelor durch die Blockade des P2Y12-Rezeptors die Aktivierung weiterer Signalwege, die für die Expression von Glykoprotein IIb/IIIa an der Thrombozytenoberfläche wichtig sind, was wiederum die Fibrinogenbindung und die Quervernetzung von Thrombozyten hemmt.

Dosierung
Dosierung für Erwachsene bei perkutaner koronarer Intervention (PCI):
- Bolusdosis: 30 Mikrogramm/kg Körpergewicht als intravenöse Bolusinjektion.
- Infusion: Unmittelbar nach der Bolusinjektion, 4 Mikrogramm/kg Körpergewicht pro Minute.
- Dauer der Anwendung: Beginn vor der Intervention, mindestens zwei Stunden oder während der gesamten Dauer der Intervention (je nachdem, was länger ist).
- Die Infusion kann nach Ermessen des Arztes bis zu vier Stunden fortgesetzt werden.
Umstellung auf orale P2Y12-Inhibitoren:
- Standardvorgehen: Beginn einer oralen P2Y12-Therapie unmittelbar nach Beendigung der Cangrelor-Infusion (z.B. mit Clopidogrel, Ticagrelor, Prasugrel).
- Alternative: Anfangsdosis von Ticagrelor oder Prasugrel kann 30 Minuten vor dem Ende der Infusion verabreicht werden (nicht bei Clopidogrel).
Kombination mit anderen Antikoagulanzien:
- Eine zusätzliche Standardtherapie, die bei PCI üblich ist, sollte durchgeführt werden.
Nebenwirkungen
Zu den häufigsten Nebenwirkungen bei Cangrelor zählen leichte und mittelschwere Blutungen und Dyspnoe. Schwerwiegende Nebenwirkungen bei Cangrelor bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit sind schwerwiegende/lebensbedrohliche Blutungen und Überempfindlichkeitsreaktionen.
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Cangrelor zu beachten:
- Orale P2Y12-Rezeptorantagonisten (Clopidogrel, Prasugrel, Ticagrelor): Wenn Clopidogrel während einer Cangrelor-Infusion verabreicht wird, erreicht es nicht die volle plättchenhemmende Wirkung. Die erwartete Wirkung von Clopidogrel tritt vollständig ein, wenn es unmittelbar nach Beendigung der Cangrelor-Infusion verabreicht wird. Prasugrel und Ticagrelor können ebenfalls direkt nach dem Ende der Cangrelor-Infusion verabreicht werden, ohne die Antiplättchenwirkung zu unterbrechen.
- Pharmakodynamische Wirkungen: Cangrelor hemmt rasch und effektiv die Plättchenaktivierung und -aggregation. Die Wirkung setzt innerhalb von zwei Minuten nach Beginn der Infusion ein und hält während der gesamten Infusionsdauer an. Die Plättchenfunktion normalisiert sich innerhalb einer Stunde nach Beendigung der Infusion.
- Acetylsalicylsäure (ASS), Heparin, Nitroglycerin: Es wurde keine Wechselwirkung mit ASS, Heparin oder Nitroglycerin in Bezug auf die Pharmakokinetik oder -dynamik festgestellt.
- Bivalirudin, niedermolekulares Heparin, Fondaparinux und GPIIb/IIIa-Inhibitoren: Cangrelor wurde erfolgreich mit diesen Medikamenten kombiniert, ohne dass Wechselwirkungen auf die Pharmakokinetik oder -dynamik von Cangrelor festgestellt wurden.
- Cytochrom P450: Cangrelor wird nicht über das CYP-System metabolisiert und beeinflusst auch nicht die Aktivität von CYP-Enzymen, was bedeutet, dass keine Wechselwirkungen mit Arzneimitteln zu erwarten sind, die über dieses System metabolisiert werden.
- Brustkrebs-Resistenz-Protein (BCRP): Ein Metabolit von Cangrelor kann das BCRP in vitro hemmen, was bei der Kombination mit anderen Medikamenten, die BCRP-Substrate sind, zu Vorsicht mahnt, obwohl die klinische Relevanz dieser Wechselwirkung noch unklar ist.
Kontraindikationen
Cangrelor darf nicht angewendet werden bei:
- Aktiven Blutungen oder erhöhtem Risiko von Blutungen aufgrund von beeinträchtigter Hämostase und/oder irreversiblen Koagulationsstörungen oder kürzlich erfolgten großen chirurgischen Eingriffen/ Traumata oder unkontrollierter schwerer Hypertonie.
- Schlaganfall oder transienter ischämischer Attacke (TIA) in der Anamnese.
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Cangrelor zu beachten:
- Blutungsrisiko: Cangrelor kann das Blutungsrisiko erhöhen, insbesondere bei Patienten, die sich einer perkutanen Koronarintervention unterziehen. Leichte bis mittelschwere Blutungen traten in Studien häufiger auf als bei mit Clopidogrel behandelten Patienten. Besondere Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Erkrankungen oder Medikamenteneinnahmen, die das Blutungsrisiko erhöhen. Ungeklärte Blutdruck- oder Hämatokritabfälle sollten immer zur Überprüfung auf interne Blutungen führen.
- Intrakranielle Blutungen: Das Risiko für intrakranielle Blutungen ist unter Cangrelor erhöht, insbesondere nach 30 Tagen im Vergleich zu Clopidogrel. Cangrelor ist bei Patienten mit vorherigen Schlaganfällen oder transitorischen ischämischen Attacken kontraindiziert.
- Herzbeuteltamponade: Das Risiko einer Herzbeuteltamponade ist unter Cangrelor erhöht. In Studien traten diese Fälle häufiger auf als bei Patienten, die mit Clopidogrel behandelt wurden.
- Wirkungen auf die Nierenfunktion: Cangrelor kann insbesondere bei Patienten mit bereits bestehenden Nierenfunktionsstörungen zu einer weiteren Verschlechterung führen. Vorsicht ist geboten bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, da eine stärkere Verschlechterung der Nierenfunktion beobachtet wurde.
- Überempfindlichkeitsreaktionen: Es kann zu schwerwiegenden Überempfindlichkeitsreaktionen kommen, einschließlich anaphylaktischer Reaktionen und Angioödemen. Diese traten häufiger auf als in Vergleichsgruppen, die Clopidogrel erhielten.
- Risiko einer Dyspnoe: Cangrelor kann das Risiko einer Dyspnoe erhöhen. Diese tritt häufiger auf als bei der Verwendung von Clopidogrel und ist meist von leichter bis mittelschwerer Intensität mit einer durchschnittlichen Dauer von zwei Stunden.
Wirkstoff-Informationen
- Fachinformation Kengrexal
- Geisslinger, Gerd, et al. "Mutschler Arzneimittelwirkungen." (2020).










