Colistin
Colistin ist ein Polymyxin-Antibiotikum, das durch Bindung an die Lipopolysaccharide und Phospholipide der Bakterienzellmembran deren Permeabilität erhöht, was zum Zelltod führt. Es wird bei schweren Infektionen durch multiresistente gramnegative Bakterien eingesetzt, wenn andere Therapien versagen.
Colistin: Übersicht

Anwendung
Intravenöse Infusion
Colistin ist als Infusion bei Erwachsenen und Kindern, einschließlich Neugeborener, zur Behandlung schwerer, durch bestimmte aerobe Gram-negative Erreger verursachte Infektionen indiziert, sofern für die Patienten nur begrenzte Therapieoptionen zur Verfügung stehen.
Inhalation
Colistin ist bei erwachsenen Patienten und Kindern mit zystischer Fibrose zur Behandlung chronischer pulmonaler Infekte indiziert, die durch Pseudomonas aeruginosa verursacht werden.
Wirkmechanismus
Colistin, auch bekannt als Polymyxin E, ist ein zyklisches Polypeptid-Antibiotikum, das vornehmlich gegen gramnegative Bakterien wirkt. Sein Wirkmechanismus beruht auf der Interaktion mit der äußeren Zellmembran dieser Mikroorganismen, insbesondere durch die Bindung an Lipopolysaccharide (LPS) und Phospholipide. Diese Bindung führt zur Disruption der Membranstruktur und erhöht deren Permeabilität. Als Folge der gestörten Membranintegrität kommt es zum Austritt zellulärer Inhaltsstoffe und schließlich zum Zelltod.
Colistin wirkt spezifisch durch die Verdrängung bivalenter Kationen (wie Ca2+ und Mg2+), die für die Stabilisierung der negativ geladenen LPS-Moleküle in der äußeren Membran essenziell sind. Dieser Mechanismus induziert eine Destabilisierung der äußeren Zellmembran, was eine erhöhte Durchlässigkeit zur Folge hat und letztlich in der Lyse der Bakterienzelle resultiert.

Dosierung
Inhalation
- Erwachsene, Jugendliche und Kinder ab 2 Jahren: 1 - 2 Millionen I.E. zwei- bis dreimal täglich, bis zu einem Maximum von 6 Millionen I.E. pro Tag.
- Kinder unter 2 Jahren: 0,5 - 1 Million I.E. zweimal täglich, mit einem Maximum von 2 Millionen I.E. pro Tag.
- Ältere Patienten und Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion: Keine Dosierungsanpassung erforderlich, aber Vorsicht ist geboten.
Infusion
- Erwachsene und Jugendliche: Standarderhaltungsdosis ist 9 Millionen I.E. pro Tag, aufgeteilt in 2-3 Dosen. Eine Aufsättigungsdosis von 9 Millionen I.E. wird für schwer erkrankte Patienten empfohlen.
- Eingeschränkte Nierenfunktion: Eine Dosisanpassung ist notwendig. Die Dosis variiert je nach Kreatinin-Clearance, mit Empfehlungen von 5,5 bis 7,5 Millionen I.E. für eine Clearance von <50-30 ml/min, 4,5 bis 5,5 Millionen I.E. für eine Clearance von <30-10 ml/min und 3,5 Millionen I.E. für eine Clearance von <10 ml/min.
Nebenwirkungen
Bei der Anwendung von Colistin sind folgende Nebenwirkungen zu beachten:
- Nephrotoxizität: Eine der bedeutendsten Nebenwirkungen von Colistin ist die Nierentoxizität, die zu akutem Nierenversagen führen kann. Die Nierenfunktion sollte während der Behandlung engmaschig überwacht werden.
- Neurotoxizität: Colistin kann auch neurotoxische Effekte haben, die sich als Parästhesien, Faszikulationen, Vertigo oder sogar als neuromuskuläre Blockade äußern können.
- Andere Nebenwirkungen: Weitere mögliche Nebenwirkungen umfassen allergische Reaktionen, Hautausschlag und, in seltenen Fällen, Atemprobleme.
Wechselwirkungen
Inhalation und Infusion
- Potentiell nephrotoxische Arzneimittel: Vorsicht ist geboten bei der gleichzeitigen Anwendung von Colistin mit Arzneimitteln, die die Nierenfunktion beeinträchtigen können, wie Aminoglykoside, bestimmte Cephalosporine und Ciclosporin, da das Risiko einer verstärkten Nierenschädigung besteht.
- Neurotoxische und/oder nephrotoxische Potenziale: Die Anwendung von Colistin in Kombination mit anderen Medikamenten, die ebenfalls neurotoxisch oder nephrotoxisch wirken können (z.B. Gentamicin, Amikacin, Netilmicin, Tobramycin, Cephalosporine und nicht-depolarisierende Muskelrelaxantien), erfordert größte Vorsicht aufgrund eines erhöhten Risikos für Nebenwirkungen.
Spezifisch bei Inhalation
- Muskelrelaxanzien und Inhalationsnarkotika: Bei gleichzeitiger Verwendung von Colistin mit Muskelrelaxanzien (z.B. Tubocurarin, Succinylcholin) oder Inhalationsnarkotika (z.B. Ether, Halothan) besteht ein erhöhtes Risiko für neuromuskuläre Blockaden. Auf neurotoxische Reaktionen sollte sorgfältig geachtet werden.
- Makrolidantibiotika und Fluorchinolone bei Myasthenia gravis: Bei Patienten mit Myasthenia gravis ist bei gleichzeitiger Behandlung mit Colistin und Makrolidantibiotika (z.B. Azithromycin, Clarithromycin) oder Fluorchinolonen (z.B. Norfloxacin, Ciprofloxacin) Vorsicht geboten.
- Dornase alfa: Die Inhalation von Colistin sollte zeitlich versetzt zu Dornase alfa erfolgen, um Interaktionen zu vermeiden.
Spezifisch bei Infusion
- Enzyminteraktionen: Bei der Verabreichung von Colistin per Infusion zusammen mit Arzneimitteln, die Enzyme zur Verstoffwechselung von Arzneimitteln hemmen oder induzieren, sollte die Möglichkeit von Wechselwirkungen berücksichtigt werden.
- Nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien: Aufgrund der Wirkung von Colistin auf die Freisetzung von Acetylcholin müssen nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien mit Vorsicht angewendet werden, da deren Wirkung verlängert werden könnte.
Kontraindikationen
Colistin darf nicht bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder andere Polymyxine angewendet werden.
Schwangerschaft
Aufgrund der möglichen Resorption und des dadurch vorhandenen Risikos nephro- bzw. neurotoxischer Reaktionen beim Ungeborenen darf die Anwendung von Colistin während der Schwangerschaft nur bei zwingender Indikation erfolgen.
Stillzeit
Colistin geht in die Muttermilch über. Falls die Mutter während der Stillzeit mit Colistin CF behandelt werden muss, soll die Milch während dieser Zeit verworfen werden. Beim gestillten Säugling ist die Möglichkeit einer Beeinflussung der physiologischen Darmflora mit Durchfall oder Sprosspilz besiedelung zu beachten. Zudem sollte an die Möglichkeit einer Sensibilisierung gedacht werden.
Verkehrstüchtigkeit
Colistin kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch z. B. durch Auftreten von Schwindel das Reaktionsvermögen so weit verändern, dass die Fähigkeit zum Führen von Fahrzeugen, zum Bedienen von Maschinen oder zum Arbeiten ohne sicheren Halt beeinträchtigt wird.
Alternativen
Bei der Behandlung von Infektionen durch multiresistente gramnegative Bakterien, für die Colistin oft als Reserveantibiotikum eingesetzt wird, können je nach Situation und Erregerspektrum verschiedene alternative Antibiotika oder Therapieansätze in Betracht gezogen werden:
Polymyxine
Polymyxin B: Ähnlich wie Colistin, wird Polymyxin B zur Behandlung von Infektionen durch multiresistente gramnegative Bakterien verwendet. Es hat eine ähnliche Wirkungsweise und ein vergleichbares Spektrum, aber unterschiedliche pharmakokinetische Eigenschaften.
Carbapeneme
Meropenem und Imipenem/Cilastatin: Bei einigen multiresistenten Erregern können Carbapeneme noch wirksam sein. Ihre Anwendung hängt von der lokalen Resistenzsituation und der Empfindlichkeit des spezifischen Erregers ab.
Cephalosporine der neueren Generation
Ceftazidim/Avibactam, Ceftolozan/Tazobactam: Diese Kombinationspräparate erweitern das Spektrum traditioneller Cephalosporine um die Fähigkeit, bestimmte resistente Stämme, einschließlich Pseudomonas aeruginosa und komplizierte Harnwegsinfektionen, zu behandeln.
Tigecyclin
Ein Breitspektrum-Antibiotikum aus der Klasse der Glycylcycline, das gegen eine Vielzahl grampositiver und gramnegativer Bakterien wirksam ist, einschließlich einiger multiresistenter Stämme. Allerdings ist Tigecyclin nicht gegen Pseudomonas aeruginosa wirksam.
Aminoglykoside
Amikacin und Gentamicin: Aminoglykoside können gegen einige multiresistente gramnegative Bakterien wirksam sein, jedoch ist ihre Anwendung aufgrund der potenziellen Nephro- und Ototoxizität eingeschränkt.
Fosfomycin
Fosfomycin kann für bestimmte Indikationen, insbesondere bei Harnwegsinfektionen durch multiresistente Erreger, eine Option sein. Die Wirksamkeit gegen Pseudomonas und andere gramnegative Bakterien variiert.
- Teva: Fachinformation Colistin CF 1 Million I.E., Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Lösung für einen Vernebler
- Teva: Fachinformation Colist-Infusion 1 Million I.E., 2 Millionen I.E. Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung
Abbildung
Dr. Isabelle Viktoria Maucher; Adapted from “Colistin Mechanism of Action”, by BioRender.com










