Ethambutol

Ethambutol ist ein bakteriostatisches Antituberkulotikum, das vorrangig in der Kombinationstherapie zur Behandlung der Tuberkulose eingesetzt wird. Es hemmt die Synthese der Zellwand von Mycobacterium tuberculosis, indem es die Polymerisation von Arabinogalaktan, einem Hauptbestandteil der mykobakteriellen Zellwand, stört.

Ethambutol

Anwendung

Ethambutol wird angewendet bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern:

  • zur Behandlung aller Formen und Stadien der pulmonalen und extrapulmonalen Tuberkulose mit Erregerempfindlichkeit gegen Ethambutol, immer in Kombination mit weiteren antimykobakteriell wirksamen Chemotherapeutika.
  • zur empirischen Therapie in der Initialphase der Standardtherapie der Tuberkulose bei zunächst unklaren Resistenzsituationen bzw. in Wiederbehandlungsfällen.
  • zum Einsatz in modifizierten Therapieregimen der Tuberkulose bei nachgewiesener Resistenz gegen einen oder mehrere Standardkombinationspartner.

Wirkmechanismus

Ethambutol ist ein bakteriostatisches Antituberkulotikum, das spezifisch gegen Mycobacterium tuberculosis und einige andere Mykobakterien wirkt. Der genaue Wirkmechanismus von Ethambutol ist nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass der Wirkstoff die Synthese der Zellwand von Mykobakterien stört.

Die Zellwand von Mykobakterien ist einzigartig und komplex, bestehend aus Peptidoglykan, Arabinogalaktan und Mykolsäuren, die zusammen eine starke Barriere gegen äußere Einflüsse und antimikrobielle Substanzen bilden. Ethambutol zielt auf die Synthese von Arabinogalaktan ab, einem Polysaccharid, das eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der strukturellen Integrität der Zellwand spielt.

Ethambutol hemmt das Enzym Arabinosyltransferase, das für die Polymerisation von Arabinose in Arabinogalaktan verantwortlich ist. Durch die Hemmung dieses Enzyms wird die Bildung von Arabinogalaktan gestört, was wiederum die Synthese der Zellwand beeinträchtigt. Dies führt zu einer Schwächung der Zellwand und macht die Bakterien anfälliger für andere antimikrobielle Substanzen und die Abwehrmechanismen des Wirts.

Zusätzlich zu seiner Wirkung auf die Zellwandsynthese gibt es Hinweise darauf, dass Ethambutol auch die Permeabilität der Zellwand beeinflussen kann, was den Zugang anderer Antituberkulotika zu ihrem Wirkort erleichtert.

Dosierung

In der Initialphase wird Ethambutol zusammen mit Isoniazid, Rifampicin und Pyrazinamid über zwei Monate eingesetzt.

  • Erwachsene und Jugendliche: 15 (15 – 20) mg/kg Körpergewicht, maximale Tagesdosis: 1600 mg.
  • Kinder bis 12 Jahre: 20 (15 – 25) mg/kg Körpergewicht.
  • Bei Kindern sollte die Behandlung in enger Abstimmung mit Fachzentren erfolgen.

Dosierung bei eingeschränkter Nierenfunktion

  • Anpassung durch Änderung des Dosierungsintervalls.
  • Gegebenenfalls Serumspiegelbestimmungen.
  • Bei schwerer Nierenfunktionseinschränkung sind Serumspiegelbestimmungen erforderlich.

Dosierung bei eingeschränkter Leberfunktion

  • Bei schweren Leberstörungen sind Serumspiegelbestimmungen erforderlich.

Intermittierende Therapie

  • Tägliche Medikamentengabe wird empfohlen.
  • Intermittierende Therapie nur in der Kontinuitätsphase und bei HIV-negativen Patienten mit voll medikamentensensibler Tuberkulose.
  • Überwachte Therapie erforderlich.

Dialyse

  • Ethambutol ist gut dialysierbar.
  • Bei Hämodialyse schnelle Ausscheidung, bei Peritonealdialyse mäßige Ausscheidung.
  • Einnahme 4 – 6 Stunden vor oder unmittelbar nach der Dialyse.

Nebenwirkungen

Die Häufigkeitsangaben zu den Nebenwirkungen variieren in der Literatur erheblich. Aussagefähige Studien mit Angabe von ausreichenden Patientenpopulationen liegen nicht vor.

Die Fachinformation EMB-Fatol listet als sehr häugige Nebenwirkungen von Ethambutol:

  • Dosisabhängige Nervus opticus-Neuritis mit Verlust der Rot-Grün-Diskrimination
  • Visusminderung
  • Zentralskotom bzw. Einschränkung der Gesichtsfeldaußengrenzen
  • Erhöhte Harnsäurewerte (insbesondere bei Gicht)

Wechselwirkungen

Die Wirksamkeit von Ethambutol kann durch verschiedene Arzneimittel und Substanzen beeinflusst werden:

  • Aluminiumhydroxid und ähnliche Antazida: Diese Substanzen können die Resorption von Ethambutol verzögern und/oder vermindern.
  • Spermin, Spermidin und Magnesium: Diese Substanzen können die Wirkung von Ethambutol abschwächen.
  • Disulfiram: Bei mit Disulfiram behandelten chronischen Alkoholikern besteht ein erhöhtes Risiko für Sehschäden unter der Therapie mit Ethambutol
  • Ethambutol kann bei ausreichender Konzentration im Serum mit Phentolamin reagieren und falsch positive Testbefunde bei der Diagnostik des Phäochromozytoms verursachen.

Kontraindikationen

Ethambutol darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
  • vorbestehender Schädigung des Nervus opticus
  • anderen vorbestehende schwerwiegenden Augenerkrankungen (z. B. ausgeprägte diabetische Retinopathie)
  • Augenschäden, die eine Visuskontrolle behindern
  • Patienten, bei denen aus anderen Gründen eine zuverlässige Visuskontrolle nicht oder nicht mehr möglich ist

Schwangerschaft

Ethambutol kann die Plazentaschranke überwinden. Obwohl nur begrenzte Daten über die Anwendung von Ethambutol bei schwangeren Frauen vorliegen, gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass Ethambutol in therapeutischen Dosen schädliche Wirkungen auf die Schwangerschaft oder die Gesundheit des Fetus bzw. des Neugeborenen hat. Allerdings haben tierexperimentelle Studien gezeigt, dass Ethambutol in hohen Dosen Reproduktionstoxizität verursachen kann.

Stillzeit

Ethambutol wird in die Muttermilch ausgeschieden, wobei die Konzentrationen in der Muttermilch den mütterlichen Blutspiegeln entsprechen. Die Entscheidung, Ethambutol während der Schwangerschaft und Stillzeit anzuwenden, sollte nur nach einer sorgfältigen Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses getroffen werden.

Verkehrstüchtigkeit

Ethambutol kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen und somit die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen einschränken. Dies gilt insbesondere, wenn bereits Sehstörungen aufgrund der Einnahme von Ethambutol vorliegen. In solchen Fällen ist besondere Vorsicht geboten beim Fahren von Kraftfahrzeugen oder Bedienen von Maschinen.

Alternativen

Siehe Tuberkulose-Therapie

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
204.31 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 4.0 H
Q0-Wert:
0.35
Autor:
Stand:
19.10.2023
Quelle:
  1. Fachinformation EMB-Fatol
  2. Lee, Nick, and Hoang Nguyen. "Ethambutol." (2020).
  3. Chan, R. Y. C., and A. K. H. Kwok. "Ocular toxicity of ethambutol." Hong Kong Medical Journal 12.1 (2006): 56.
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